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Aktionstag an Schulen: »Signal für die gesamte Stadt«

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Foto: Ostschul-Media-House © Ostschul-Media-House

Zwölf Schulen aus Stadt und Landkreis Gießen haben sich in einer gemeinsamen Aktion für Frieden stark gemacht. Selbst Sänger Chris de Burgh meldet sich zu Wort.

Gießen . »Tausende Menschen sind gestorben und Millionen Menschen sind in Gefahr. Ich weiß nicht, ob ich meine Oma wiedersehen werde. Das macht mich sehr traurig. Aber wenn ich darüber nachdenke, wie viele Menschen schon ihre Liebsten verloren haben und wie viele vor lauter Schock gar nicht mehr reden können, dann zerreißt es mir das Herz.« Diese Zeilen stammen von Anastasia Koch. Sie besucht die Klasse 8c der Herderschule. Ihre Mutter ist Ukrainerin, der Vater Deutscher. Fast jedes Jahr habe die Familie die Verwandtschaft in der Ukraine besucht - einem »sehr schönen Land mit freundlichen, intelligenten und lieben Menschen«, wie die Schülerin schreibt. Anastasias Lateinlehrerin Helga Wallner hat den Text während des Aktionstages der Schulen gegen den Krieg in der Ukraine am gestrigen Mittwoch vorgelesen.

Zwölf Schulen aus Stadt und Kreis sind bei der Aktion dabei, die Silke Flemming, Lehrerin am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium (LLG), initiiert hat. Die Idee: Gleichzeitig versammeln sich die Schüler und Lehrer auf ihren jeweiligen Schulhöfen oder Sportplätzen, um gemeinsam ein Zeichen gegen den Krieg zu setzen.

An der Herderschule hat man dafür auch die ukrainische Flagge nachgebildet: Die rund 1200 Kinder und Jugendlichen recken gelbe und blaue Zettel in die Höhe, eine Drohne filmt die Szene. Aus den Filmaufnahmen wollen die beteiligten Schulen ein gemeinsames Video schneiden. Ein Teil davon wird auch das Lied »Legacy« von Chris de Burgh sein, das die Schüler zeitgleich an den einzelnen Standorten singen. Der irische Sänger hat den Song den Menschen in der Ukraine gewidmet und schickte kurz vor der gemeinsamen Aktion der Schulen sogar Grüße nach Gießen und bat um die Zusendung des Videos. Der Kontakt war über den Vater eines LLG-Schülers zustande gekommen.

»Es ist wichtig, dass sich unsere Schulgemeinde klar positioniert: Gegen den Krieg und für eine freiheitliche und demokratische Grundordnung«, findet Schulleiter Stefan Tross. Ein Krieg mitten in Europa sei für die jüngeren Generationen bislang »undenkbar« gewesen, man stehe dem Geschehen hilflos gegenüber. Tross betont, man dürfe die Menschen mit russischen Wurzeln nicht vergessen. Denn diese könnten nichts für den Angriffskrieg Wladimir Putins. An die Kinder und Jugendlichen gerichtet sagt er: »Eure Aufgabe wird es sein, das russische Volk wieder näher an Europa zu führen.«

Schulpfarrer Matthias Henkel hatte gemeinsam mit Schülern aus dem siebten und dem zwölften Jahrgang Gebete für den Frieden vorbereitet. »Wir bitten um Frieden für alle Menschen in der Ukraine und in allen Kriegsgebieten. Wir stehen zusammen, verbunden in dem Wunsch, dass Kriege schon bald der Vergangenheit angehören.«

Abid Hossain und Silvan Becker rufen ihre Mitschüler außerdem zum Spenden auf: Für die Gießener Hilfsorganisation GAiN sollen Hygienepakete gepackt werden, obendrein will die Herderschule Geldspenden sammeln. Schon wenn jeder Schüler nur einen Euro spende, werde eine große Summe zusammenkommen, zeigen sich die beiden zuversichtlich.

Auch die Gesamtschule Gießen-Ost (GGO) sammelt für die Flüchtlingshilfe. Für Direktor Dr. Frank Reuber ist die Teilnahme an der Aktion »eine Bauchentscheidung« gewesen, wie er sagt. Wichtig war den Organisatoren an der GGO, dass die Schüler »die Veranstaltung zu ihrer Veranstaltung machen«. Im Austausch habe sich schnell herauskristallisiert, dass eine Vielzahl lieber John Lennons »Imagine« als Hymne der Friedensbewegung singen würde. Entstanden ist letztlich eine »Friedenskundgebung« auf freiwilliger Basis, bei der sich neben Solidarität mit der Ukraine klar gegen Krieg auf der gesamten Welt ausgesprochen wird. Reuber hebt die »pazifistische Grundhaltung« der Schule hervor, die auch von geflüchteten Kindern besucht wird. Viele dieser Schüler fühlten sich mit dem geschaffenen Aktionstag »wahrgenommen«.

Um kurz vor 12 Uhr zeigen etliche Finger in den Himmel. Drei Schul-Drohnen sind aufgestiegen und kreisen über Sportplatz und Schulhof. Hier formieren sich Schüler zu einem »No War«-Schriftzug. Junis Poos vom Ostschul-Media-House behält über einen Monitor im Auge, ob aus der Vogelperspektive alles gut lesbar ist. Die Grundschüler der benachbarten Korczak-Schule sind ebenfalls nach draußen gekommen, sie bilden gemeinsam drei Peace-Zeichen.

Auf dem roten Sportgelände hält die Klasse 5c ihre im Ethikunterricht gebastelten Plakate in die Luft. »Stop Putin« ist auf mehreren Bildern zu lesen, dazu »Nein zu Krieg!« und »Wir wollen Frieden«. Über die Gestaltung ihrer Transparente haben sich die Kinder viele Gedanken gemacht - ebenso wie über die aktuelle Lage in der Ukraine, die auch ihnen nicht verborgen geblieben ist. »Die Friedenstaube ist ein wichtiges Symbol«, erklärt Selma. Für die Elfjährige und ihre Klassenkameraden Asmin, Carla und Yehya stand sofort fest, dass sie bei dem Aktionstag dabei sein wollen. Dass Krieg in Europa herrscht, hat Selma im Radio gehört. »Wir haben dann in der Schule viel darüber gesprochen. Es ist wichtig, dazu seine Meinung zu sagen.« Angst habe sie zwar nicht, »aber es gibt in der Schule Kinder, die geweint haben und die auch schlecht schlafen«. Ihrer Mitschülerin Asmin macht vor allem Putins Drohung Sorge, dass Atomwaffen zum Einsatz kommen könnten. Und Carla weiß, »dass jeden Tag unschuldige Menschen sterben«. Auch dem zwölfjährigen Yehya macht der Angriff auf die Ukraine Angst, »weil vielleicht auch Deutschland betroffen sein könnte«. Der Fünftklässler will ein Zeichen setzen »gegen Krieg auf der gesamten Welt«. Deswegen steht er nun mit seinen Freunden auf dem Schulhof.

Kurz darauf greift Frank Reuber zum Mikrofon und verdeutlicht, wie wichtig es ist, in diesen Zeiten zusammenzustehen. »Ich glaube, es ist ein Signal für die gesamte Stadt, dass sich in den Schulen solidarisch erklärt wird, dass diese Aktion gemeinsam durchgeführt wird und dass wir Haltung zeigen. Das sind Tage, an denen ich ganz besonders stolz auf diese Schule bin.« Schüler der Oberstufe geben Statements zu Flucht, Frieden und Freiheit ab. 1200 Geflüchtete aus der Ukraine, sagt Lukas Tinius, sind in Gießen angekommen. »Vor der Invasion waren es zwei in der Erstaufnahmestelle.« Auf Arabisch, Türkisch, Englisch, Albanisch und Ukrainisch richten sich weitere Schüler an »alle von Krieg betroffenen Menschen«.

Pünktlich um 12.15 Uhr stimmt Nojan Tat aus dem Musik-Leistungskurs die ersten Töne von »Imagine« an. Während der Klavierpassagen bleibt es auf dem Schulhof still, ohne Getuschel, ohne Quatschmachen, ohne Lachen. Eine zwölfte Klasse beendet die Aktion mit Gedichten zum Thema Frieden. Einer der Schüler zitiert ein Werk des Lyrikers Erich Fried. Darin heißt es: »Zu sagen, hier herrscht Freiheit, ist immer ein Irrtum. Oder eine Lüge. Freiheit herrscht nicht.«

(Eva Pfeiffer und Jasmin Mosel)

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giloka_schulaktion_ostsc_4c_3 © Jasmin Mosel
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giloka_1703_herder_ebp_1_4c_1 © Eva Pfeiffer
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»Nein« zu Krieg: Schüler in Stadt und Landkreis - wie hier an der Gesamtschule Gießen-Ost - solidarisieren sich mit der Ukraine. © Ostschul-Media-House

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