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LED-Lampen sorgen abends für die fast taghelle Beleuchtung einer großen Straßenkreuzung. Symbolfoto: dpa

Straßenbeleuchtung

Alle Lampen auf LED umgerüstet

Was Gießen gelungen ist, sollten laut Gerda Weigel-Greilich und Tarek Al-Wazir auch andere Kommunen machen. Kritiker beklagen, dass die Umstellung für Tiere wie Insekten schädlich sein kann.

Gießen . Nach einem eher stotternden Start bei ihrer Markteinführung erfreuen sich LEDs mittlerweile großer Beliebtheit und haben andere Leuchtmittel im Alltag weitgehend verdrängt. Das gilt vor allen Dingen für private und beruflich genutzte Räumlichkeiten. Was die Umrüstung von Straßenbeleuchtungen angeht, gibt es allerdings noch einigen Nachholbedarf. Gießen gehört hier unter den hessischen Kommunen zu den Vorreitern. Nachdem man 2015 mit rund 4300 Leuchten die Hälfte aller städtischen Lampen an Straßen, Plätzen und in Fußgängerzonen umgestellt hatte, wurde das 2020 auch bei allen übrigen getan. Stadträtin Gerda Weigel-Greilich sprach am Donnerstag bei einer gemeinsam mit Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir veranstalteten Online-Pressekonferenz von einem »Erfolgsprojekt für Gießen« und »einem der besten Klimaschutzprojekte«. Im Verlauf des Gesprächs, an dem auch Kritiker teilnahmen, zeigte sich aber ebenso, dass es bei Umrüstung und Planung einiges zu beachten gilt und LEDs auch Nachteile mit sich bringen können.

»Viel Potenzial«

Auf politischer Seite scheint jedoch eindeutig die Begeisterung zu überwiegen. Obwohl in den vergangenen Jahren bereits knapp die Hälfte der 714 000 Straßenleuchten in Hessen mithilfe finanzieller Förderung durch Landes- und EU-Programme auf die moderne Leuchtdioden-Technik umgestellt wurde, »schlummert hier noch sehr viel Potenzial«, betonte Al-Wazir. So gelinge es dadurch nicht nur, die Kohlendioxid-Emissionen zu senken - bei den 714 000 Leuchten seien das schon circa 36 000 Tonnen CO2 -, sondern auch »bei einer entsprechenden lichttechnischen Planung bis zu 80 Prozent der Stromkosten einzusparen«. Im Falle von Gießen sind das jährlich 600 000 bis 700 000 Euro, die mehr im Stadtsäckel für andere Investitionen übrigbleiben, berichtete Weigel-Greilich. So habe man diese Mittel etwa »für die Verbesserung der Kinderbetreuung« verwenden können.

Wie bei so vielem haben allerdings auch bei LEDs die Preise angezogen. Während die Umrüstung der Lampen in Gießen 2015 noch 1,4 Millionen Euro gekostet hatte, waren es 2020 für die in etwa selbe Anzahl öffentlicher Beleuchtungen bereits zwei Millionen Euro, vermeldete die Stadträtin. Gleichzeitig gelang es, Kosten zu vermeiden, denn »wir konnten bei der Umsetzung auf die Stadtwerke zurückgreifen«. Überdies sei die neue Beleuchtungstechnik weniger wartungs- und personalintensiv, ergänzte Weigel-Greilich, die sich in der ersten Phase noch als Bürgermeisterin um das Projekt gekümmert hatte. Und gerade damals so manche Diskussion mit Bürgern zu führen hatte, die sich über die Lichtstärke beklagten oder die LEDs nicht in der Nähe ihrer Fenster haben wollten. Al-Wazir, der sich derzeit wegen einer Corona-Infektion in häuslicher Isolation befindet - dem es aber, wie an seinem in der Videokonferenz erhobenen Daumen zu erkennen war, offenbar den Umständen entsprechend gutgeht -, appellierte an alle Kommunen, die ihre Straßenbeleuchtung noch nicht modernisiert haben, dies nachzuholen. Finanzschwächere Gemeinden würden höhere Fördersätze erhalten. Beraten lassen können sich Kommunen von der LandesEnergieAgentur (LEA) Hessen und HessenEnergie. Laut LEA-Geschäftsführer Dr. Karsten McGovern sei vom Bund ein Zuschuss zwischen 25 und 40 Prozent der förderfähigen Kosten zu erwarten; das Land steuert 15 Prozent hinzu.

Der hohe Blauanteil im Licht der neuen Gießener Straßenbeleuchtungen sei allerdings »nicht insektenfreundlich«, da dies die Tiere anlocke, beklagte Sabine Frank vom »Sternenpark« im Biosphärenreservat Rhön, von Tarek Al-Wazir als »Deutschlands prominenteste Kämpferin gegen Lichtverschmutzung« bezeichnet. Anstatt LED-Lampen mit 3000 Kelvin zu verwenden, würde es ihrer Ansicht nach ausreichen, eine Farbtemperatur - die bestimmt, wie das Licht empfunden wird, von gemütlich bis grell - von 2000 bis 2200 Kelvin zu wählen. »Ohne einen hohen Blauanteil ist das Licht wirkungsärmer für die meisten Tierarten«, so etwa für die ohnehin stark zurückgegangenen Insektenpopulationen. Und auch Astronomie-Interessierte könnten dann beim Blick in den Sternenhimmel wesentlich mehr sehen. Außerdem gelte: »Energieeffizienz ist nicht gleich Umwelteffizienz«, machte Frank deutlich und widersprach den Politikern und dem LEA-Experten, LEDs würden generell besser für die Umwelt sein.

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