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Allein in einer anderen Welt

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Alleine mit der künstlichen Intelligenz: Magnus Pflüger spielt das Solo in einem Deutschland der nahen Zukunft. Foto: Friese © Friese

Gießen (bjn). Lose Kabel hängen von der Decke, stillstehende Rolltreppen führen ins Nirgendwo, in den Ecken der riesigen Räume stapeln sich Müllkartons. Genau der richtige Spielort also für »Wonderland Avenue«, eine Dystopie aus der Feder von Bestsellerautorin Sybille Berg, die am Samstag (20 Uhr) Premiere hat. Es ist die letzte Stadttheater-Neuinszenierung der aktuellen Spielzeit und zugleich eine einmalige (oder genauer:

dreimalige) Gelegenheit, die Räume in ihrer aktuellen Beschaffenheit zu erleben.

Denn als kurzzeitige Bühne für das Solostück hat Dramaturgin Carola Schiefke ein seit mehreren Jahren leerstehendes Geschäftsgebäude im Seltersweg 83-85 aufgespürt. Das einstige Kaufhaus nahe des Elefantenklos wurde vom Immobilienentwickler Faber & Schnepp übernommen und wird komplett umgebaut. Eine Arztpraxis, Wohnräume und ein Supermarkt sollen hier künftig nebeneinander Platz finden. Bevor es aber mit den Arbeiten losgeht, überlässt das Unternehmen dem Theater die Räumlichkeiten für ein Projekt, das sich hervorragend in diese interessant abgerissene Umgebung einfügt. »Es ist ein Wahnsinnsfund«, wie sich Ensemblemitglied Magnus Pflüger begeistert.

Er spielt in diesem Solo einen Menschen in einer kalten, sterilen Welt der nahen Zukunft, die mittlerweile von der künstlichen Intelligenz beherrscht wird. Der Kapitalismus ist überwunden, menschliche Arbeitskraft wird nicht mehr gebraucht. Wohin also mit ihm und seiner Spezies? Antwort: In die titelgebende Wonderland Avenue - eine Mischung aus Wellness-Oase und Obdachlosenheim, wie Regisseurin Kirsten Eschner beschreibt. So verhandeln Stück und Darsteller mithilfe einer sprechenden Lautsprecherbox philosophische Grundfragen. Der Ton sei - wie bei Sybille Berg üblich - zugleich bitterböse und ungemein komisch.

Die atmosphärische Kulisse passt dabei auch in einem übertragenen Sinne zu diesem Schauspielprojekt. Ensemblemitglied Pflüger wird das Gießener Theater am Ende der Spielzeit ebenso verlassen wie Dramaturgin Schiefke. Und genau drei Aufführungen hat das Publikum nun Zeit, sich noch einmal in dem Gebäude umzuschauen, bevor es bald darauf sein Gesicht für immer verändern wird. Anspielungsreicher hätte diese Saison für das Stadttheater wohl kaum enden können, dem mit der kommenden Spielzeit ein großer personeller und inhaltlicher Umbruch bevorsteht.

In einer Solo-Performance präsentiert der Schauspieler und Regisseur Christian Fries den berühmtesten Roman von Thomas Bernhard: »Der Untergeher« ist am Samstag, 2. Juli, um 20 Uhr als innerer Monolog auf der taT-Studiobühne zu erleben. Zwei junge österreichische Pianisten begegnen 1957 bei einem Sommerkurs am »Mozarteum« in Salzburg dem kanadischen Pianisten Glenn Gould. Diese Begegnung wird für beide schicksalhaft, konfrontiert sie mit den eigenen Grenzen. Ein düsterer, zugleich komischer Monolog über die Frage, was eine Existenz gelingen oder scheitern lässt. Seit seiner Gießener Premiere vor neun Jahren gastierte »Der Untergeher« an verschiedenen Theatern in Deutschland. Christian Fries war von 2005 bis 2011 festes Ensemblemitglied des Stadttheaters und inszeniert regelmäßig in Gießen. (red)

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