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Alles so schön schwarz hier

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Wer im gesetzteren Alter rocken will, sollte regelmäßige Dehnübungen einstreuen, um Zerrungen vorzubeugen. »Blind Guardian«-Sänger Hansi Kürsch zeigt, wie’s geht. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Gießen. Mit Heavy Metal halte ich es eigentlich wie Roger Daltrey. Der Sänger der Hardrock-Legende »The Who« wurde mal von einem langhaarigen Nachgeborenen als ›Urvater des Heavy Metal‹ angeschleimt, was Daltrey mit den Worten konterte: »Wenn ich das geahnt hätte, hätten wir abgetrieben.«

Nein wirklich, Schwermetall führe ich mir eigentlich nur in Form des Comic-Magazins zu Gemüte. Was soll ich also unter 3500 begeisterten »Blind Guardian«-Fans auf dem Schiffenberg? Einer Band, von der ich gerademal einen Song kenne, aber der ist immerhin 14 Minuten lang und richtig gut.

Leider haben der von seinen Fans frenetisch gefeierte »Hansi« Kürsch »And Then There Was Silence« an diesem lauen Sommerabend im Schatten der Basilika nicht im Gepäck. Dafür gibt’s praktisch das ganze vierte Studioalbum »Somewhere Far Beyond«. Scheint ein Konzeptalbum über einen Typen mit Orientierungsstörungen zu sein. Ob der nun in der »Black Chamber« verschütt geht, »Lost In The Twilight Hall« ist oder auf der »Quest« nach »Tanelorn« einen »Journey Through The Dark« macht: Besorgt dem Hansi doch mal ein Navi!

Überhaupt geht es in der Welt von »Blind Guardian« genregemäß stets düster zu. Immerzu geht die Sonne unter und der Mond gar nicht erst auf, stets fällt die darkness übers Land. Zum Glück ist die Musik von »Blind Guardian« weit komplexer als die aus schlecht verdautem Tolkien-Tand zusammengeklaubten Texte. Die beiden Gitarristen Marcus Siepen und André Olbrich sind nicht nur fingerflink, was im Heavy Metal ja eine hochgeschätzte Tugend ist, sondern auch kreativ. Kein Song ohne kleine brillante Schlenker und unerwartete Melodie-Arabesken. Und als die beiden zur Akustikklampfe greifen, um den Song vom Barden zu spielen, erreicht die ohnehin gute Stimmung den Höhepunkt. Mir persönlich gefallen die schnellen Klopper, die sich taktisch geschickt mit langsameren Duster-Tiraden abwechseln, freilich besser.

Dass Sänger Kürsch als Opernsänger ausgebildet wurde, hört man seiner druckvollen, stets nach vorne gehenden Stimme zum Glück nicht an. Man merkt das eher an den theatralischen Posen. Mal stolziert er als schwarzer Pfau wie einst Freddie Mercury auf dem kurzen Laufsteg und dirigiert die Massen, mal röhrt er im Ausfallschritt wie ein Hardcore-Shouter ins Mikro.

»Blind Guardian« machen nach zwei Jahren Corona-Zwangspause ziemlich viel richtig, für die Fans können sie ohnehin nix falsch machen. Die singen begeistert mit, wenn sie nicht am Bier nippen, dass auf dem Schiffenberg seltsamerweise in Plastikmessbechern ausgeschenkt wird. Sollte es immer noch Leser geben, die Metalheads für irgendwie dumm, aggro oder gar gefährlich halten, kann ich Entwarnung geben. Ich habe auf dem Schiffenberg jede Menge üble Friesen und misslungene Tattoos gesehen, aber auch viele sympathische, eloquente und tolerante Menschen getroffen. Im Grunde seines schwarzen Herzens ist der Metaller ja wertkonservativ und bodenständig, und die mit Stolz getragene Kutte voller Aufnäher all der lauten Jungs, die man schon mal live gesehen hat, das Gegenstück zum mit Stockschildern übersäten Wanderstab seines Opas, mit dem der jeden erklommenen Großkogler und jedes bestiegene Jungfrauenjoch den Stubenhockern daheim unter die Nase reiben konnte.

Dass aber auch der gemeine Metalhead - das Durchschnittsalter der Besucher dürfte jenseits der 30 gelegen haben, wie man selbst ja leider auch so langsam in die Jahre kommt, ergo vernünftig wird, war nicht zu übersehen. An den Fressbuden gab’s vegane Burger und über die Köpfe des Publikums zogen keine streng riechenden Grasschwaden sondern der süßliche Duft von E-Zigaretten. Gut, das Lemmy das nicht mehr erleben muss. Der ist dafür aber auch schon tot, und der Hansi wird hoffentlich auch nächstes Jahr wieder auf dem Schiffenberg nach dem Weg durch die Nacht oder die Dämmerhalle suchen.

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