1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Alles unter einem Dach

Erstellt:

Von: Eva Pfeiffer

giloka_1910_selterstor_1_4c
Zukunftsvision: Das Selterstor soll aufgewertet werden. Für die Umsetzung müssen aber noch die Eigentümer ins Boot geholt werden. Visualisierung: Bestes Pferd im Stall © Red

Klamotten und Schuhe waren gestern: Für das Doppelgebäude im Seltersweg 83-85 in Gießen stehen die neuen Mieter fest

Gießen . Die Tochter im Kindergarten abgeben, anschließend den vor Wochen ausgemachten Arzttermin wahrnehmen und danach schnell durch den Supermarkt huschen - all das soll in weniger als zwei Jahren in einem einzigen Gebäude möglich sein. Und das nicht »auf der grünen Wiese«, sondern mitten im Seltersweg. Da überrascht es nicht, dass beim Pressetermin zur künftigen Nutzung des ehemaligen »The Sting«- und »CCC«-Gebäudes ein Wort besonders häufig fällt: multifunktional.

»Das Selters«

Im vergangenen Jahr hatte das Gießener Bauunternehmen Faber & Schnepp den Kaufvertrag für das Doppelgebäude Seltersweg 83-85 unterzeichnet und schon damals angekündigt, verschiedene Nutzungskonzepte zusammenführen zu wollen. Wie das genau aussehen soll, stellten Heinz-Jörg Ebert, Vorsitzender des BID Seltersweg, und Carsten Sann von Faber & Schnepp in der derzeit leerstehenden Haushälfte vor - und präsentierten mit der Lebenshilfe Gießen sowie der Butzbacher Eins-A-Unternehmensgruppe gleich zwei der künftigen Mieter und auch den Namen, unter dem das Gebäude künftig bekannt sein soll: »Das Selters«.

»Die Innenstädte befinden sich derzeit in einem brachialen Umbruch. Sie müssen multifunktionaler werden«, weiß Ebert. Im Erdgeschoss sollen daher künftig nicht mehr Klamotten und Schuhe über die Ladentheken gehen: Hier wird auf rund 800 Quadratmetern ein Rewe-Markt eröffnen. Neben »klassischen Supermarktprodukten« sind laut Eins-A-Geschäftsführer André Schmitt auch frische Convenience-Lebensmittel wie Salate oder Sushi vorgesehen. »Die Innenstadt lechzt nach regionaler Nahversorgung«, sagte Ebert mit Blick auf das Ende der Lebensmittelabteilung im gegenüberliegenden Karstadt.

Über dem Markt wird die Lebenshilfe Gießen in der Hausnummer 85 eine viergruppige Kindertagesstätte mit angeschlossenem Familienzentrum eröffnen. Die Kita soll Platz für 70 Kinder bieten, vorgesehen sind laut Bereichsleiterin Dr. Rebecca Neuburger-Hees jeweils zwei Krippen- und zwei Ü3-Gruppen. Für das Familienzentrum sucht die Lebenshilfe Kooperationspartner, wie etwa Beratungsstellen. Interessenten können sich direkt an die Lebenshilfe wenden unter r.neuburger-hees@lebenshilfe-giessen.de.

In der Innenstadt präsent zu sein, sei ein großer Wunsch der Lebenshilfe Gießen, angesichts der Mietpreise aber nicht immer leicht umsetzbar, sagte Vorstand Dirk Oßwald. Die neuen Räume würden »die erste City-Kita«. Auf Außenflächen müssen die Kinder trotz der zentralen Lage dank rund 250 Quadratmeter Dachterrasse nicht verzichten. Eine begrünte Schallschutzwand soll wiederum Anwohner und umliegende Büros vor zu viel Spiellärm schützen.

Im ersten Stock der Hausnummer 83 wird sich auf rund 550 Quadratmetern eine Arztpraxis einrichten. Den Namen des künftigen Mieters wollte Carsten Sann am gestrigen Dienstag aber noch nicht preisgeben. Das etwa 900 Quadratmeter große Untergeschoss wird in eine Tiefgarage umgewandelt, die über die Südanlage angebunden wird. In der Hausnummer 85 soll außerdem noch rund 900 Quadratmeter Wohnraum entstehen, darunter zwei Loft-Wohnungen mit Dachterrasse. Hierfür wird das vorhandene Technikgebäude auf dem Dach umfunktioniert. Angestrebt wird zudem der Anschluss an das Fernwärmenetz. Das architektonische Konzept für die neue Gebäudenutzung stammt aus der Feder der Gießener Architekten Jung & Klemke. Der Bauantrag soll innerhalb der nächsten zwei Wochen eingereicht werden, die Fertigstellung ist für Mitte 2024 anvisiert.

Das neu gestaltete Doppelhaus solle jedoch nicht alleine für sich stehen, betonte der BID-Vorsitzende. Ebert und seinen Mitstreitern schwebt die Aufwertung des Selterstors vor. Ziel soll es sein, die Aufenthaltsqualität zu steigern und so mehr Menschen anzuziehen. Das Selterstor soll in ein gesamtheitliches Konzept für eine lebenswerte Innenstadt integriert, »zu einem Mensch-Magneten« werden und »den Alltag aller Menschen erleichtern«.

Wie das gelingen könnte, das wurde im Juni mit einer Positionierungsagentur in Kassel besprochen. Herausgekommen sind etwa Stellplätze für Lastenräder, ein Brunnen in Form eines Elefantenklo-Lochs, ein kleiner Neubau in Anlehnung an das alte Zollhäuschen mit angrenzender Bühne oder Platz für Gastronomie, Raum für Märkte, mehr Grün und vieles mehr. Spruchreif ist das indes noch nicht, denn dafür müssen die Eigentümer der Flächen ins Boot geholt werden. Ebert ist zuversichtlich, dass das klappt und lobte die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten: »Das wird ein Knaller!«

Was wird aus dem Elefantenklo?

Langfristig müsse man auch die Zukunft des Elefantenklos in die Planungen einbeziehen, sagte Bürgermeister Alexander Wright (Grüne): Sanierung oder Neugestaltung? Auf Letzteres hofft Darré-Chef Ebert, der keinen Hehl daraus macht, dass er die Fußgängerüberführung lieber heute als morgen abreißen würde - nicht nur wegen der Optik, sondern auch wegen der fehlenden Barrierefreiheit. Und falls es tatsächlich zu einem Abriss kommen sollte? Dann findet sich für den Bauschutt auch schon etwas im Ideenkonzept zur Selterstor-Neugestaltung: »ein Stück E-Klo für jeden (wie Berliner Mauer)«.

Auch interessant