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Ricarda-Huch-Schüler präsentieren bei der Gedenkveranstaltung in der Pankratiuskapelle ihre Ausarbeitungen zu den Ereignissen des 6. Dezember 1944. Für diese Leistung bringen anwesende Zeitzeugen ihre Anerkennung zum Ausdruck.

Gedenken

Als die Bomben auf Gießen fielen

Ricarda-Huch-Schüler aus Gießen hauchen den Erinnerungen an die Luftangriffe vom Dezember 1944 neues Leben ein.

Gießen (fley). Vielen Zeitzeugen, die an der diesjährigen Gedenkstunde in der Pankratiuskapelle teilnahmen, stand die Erinnerung an die Bombennächte am 3. und 6. Dezember 1944 förmlich ins Gesicht geschrieben. Einige senkten den Blick und die ein oder andere Träne kullerte über die Wange. Es schien, als seien sie wieder in jener schicksalhaften Nacht im Dezember 1944, als Gießen durch die Royal Air Force massiv bombardiert wurde und das »alte Gießen« für immer im Flammenmeer verschwand.

Nun offenbarte sich in diesem Jahr gleichermaßen ein Problem, welches sich nicht mehr lösen lässt. Die Zahl der Zeitzeugen, die von den geschichtsträchtigen Nächten erzählen können, wird altersbedingt immer weniger. Grund genug für Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 und 13 der Ricarda-Huch-Schule diese Erinnerung über den Tod hinaus weiter am Leben zu halten. Im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung standen die Ausarbeitungen und Werke des Geschichts- und Kunst-Leistungskurs der Schule, die sich mit den Ereignissen am 6. Dezember 1944 auseinandergesetzt hatten.

»Wir haben uns mit der Bombardierung beschäftigt und haben Zeitzeugen mittels Telefongespräch befragt«, schilderte Anna Mebus aus dem Geschichts-LK der Klasse 13c. Ihr Zeitzeuge, Klaus George, war zum damaligen Zeitpunkt neun Jahre alt und erinnerte sich im Gespräch daran, dass er gerne ein »Pimpf« der Hitlerjugend werden wollte. »Wir wohnten damals in der Steinstraße und hatten immer die Flieger beobachtet, wenn sie Richtung Kassel geflogen sind«, erzählte George auf den Tonaufnahmen. Als am Nikolausabend 1944 sein Vater zu Besuch gekommen war und zurück zur Einheit musste, kam er mit den Worten »um Gießen herum brennt alles« wieder zurück.

Über ein ähnliches Schicksal berichtete die Schülerin Julia Schmied, die gemeinsam mit zwei Mitschülern ein Interview mit der damals 14-jährigen Frau Perl führte. »Wären wir die Angriffe gewohnt gewesen, dann hätten wir die Bomben von den Häusern geschmissen und die Fachwerkhäuser wären nicht abgebrannt«, erinnerte sich Perl an die Angriffe vom 3. Dezember. Am 6. Dezember 1944 hatten die Gießener Familien gerade zu Abend gegessen oder auf den Nikolaus gewartet, als der Luftschutzalarm losging.

Kaum vergleichbar

»Wir saßen in der Schleuse vor dem Keller. Das Haus lag auf uns, aber der Keller hat gehalten«, erinnerte sich die heute 91-jährige. An die Schüler gerichtet sagte sie im damaligen Gespräch: »Sie haben Gott sei Dank nie eine Diktatur erlebt. Man hat gehorcht, keiner hat es hinterfragt.« Den Abschluss bildete der damals siebenjährige Bernhard Höpfner, der sich an die Wirren und das Chaos der Nacht erinnerte. »Es lag ein eigenartiger Geruch in der Luft. Feuer, verbrannte Haare, verbrannte Kleider, verbrannte Haut. Das ist eine Sinneswahrnehmung, die mir bis heute unauslöschbar haften geblieben ist.« Die Schüler des Kunst-Leistungskurses erinnerten an die Bombennächte mit Zeichnungen, Fotos und Collagen, welche sie selbst angefertigt hatten. Der Tenor der Gemälde, die gemeinsam mit den Zeitzeugeninterviews noch bis zum 15. Dezember im Leib’schen Haus des Oberhessischen Museums ausgestellt sind, war deutlich: »Das heutige Gießen ist kaum vergleichbar mit dem Gießen vor 1944.«

Die scheidende Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz hob in ihrer Rede die Schwere der Bombennächte hervor. »Die Bombennächte sind die größte Zäsur in der Geschichte der Stadt. 400 Menschen starben und viele glaubten, die Hölle sei emporgekommen. Es muss ein Inferno gewesen sein.« Die Bomben, so die Sozialdemokratin, seien nicht aus heiterem Himmel gekommen, auch wenn es sich so angefühlt haben musste. »Krieg wird von Menschen gemacht. Krieg ist Menschenwerk. Mit dem Flächenbombardement kam der Terror zurück ins Land der Herkunft. Wir stehen zu unserer historischen Verantwortung, die bleibt. Wir erinnern an das Leid der Menschen in Gießen und an das Leid, welches Menschen durch deutsche Soldaten erleiden mussten«, sagte Grabe-Bolz.

Vor der Kranzniederlegung am Gedenkstein für die Opfer des Angriffs sprach der Zentralrat der Marokkaner in Deutschland und Co-Vorsitzender der Christlich-Islamischen Gesellschaft, Abderrahim En-Nosse ein Friedensgebet in Gedenken an die Opfer der NS-Diktatur und des Angriffs auf Gießen vor 77 Jahren.

Festes Ritual: Die scheidende Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Stadtverordnetenvorsteher Joachim Grußdorf legen am Gedenkstein einen Kranz nieder.

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