Als Seelsorgerin am EV Trösterin mit festem Glauben

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GIESSEN - (mh). Über den Sinn und den Wert des Lebens wird in einem Krankenhaus viel nachgedacht, es wird gezweifelt und gehofft, weiß Gabriele Dietzel. Von der Klinikseelsorgerin kann man aber auch vieles über die Veränderungen in der Medizin und der Krankenpflege oder den Konsequenzen aus der Ökonomisierung des Gesundheitssystems erfahren. Fast 20 Jahre war Gabriele Dietzel in Gießen Seelsorgerin im Evangelischen Krankenhaus (EV) und im angeschlossenen Hospiz.

Am 30. Juni geht sie in den Ruhestand.

In beeindruckender Weise hat sich die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Professionen, Ärztinnen, Pflegenden, Sozialdienst, aber auch Angehörigen und der Pfarrerin entwickelt, erzählt sie. Ethische Fragen rückten in den Vordergrund. Oder die Palliativmedizin, also die Behandlung von Patienten mit einer nicht mehr heilbaren Erkrankung.

Zunehmend berieten Teams über den besten Weg zur Heilung oder zur Linderung des Leidens vor dem nahenden Tod. "Leib, Seele und Geist werden jetzt ganzheitlicher betrachtet", erläutert Gabriele Dietzel. Als Theologin und Seelsorgerin wurde sie einbezogen und lenkte den Blick auf geistliche und ethische Aspekte. "Manchmal habe ich auch zwischen den verschiedenen Ansichten der Ärztinnen und der Pflegerinnen moderiert." Die Zusammenarbeit war geprägt vom Mitgefühl mit schwer erkrankten, leidenden Menschen. "Wir haben uns miteinander gefreut, wenn wir helfen konnten, manchmal sogar gefeiert mit Patienten, die sich aus nahezu aussichtsloser Erkrankung gerettet wussten."

Seit knapp drei Jahrzehnten sind Krankenhäuser zur Wirtschaftlichkeit der Pflege und Medizin gezwungen. Das ist auch am EV nicht spurlos vorbeigegangen. "Beispielsweise hat die umfassende Dokumentationspflicht den Klinikalltag sehr anstrengend und aufreibend werden lassen." Immer wieder müssen Mitarbeitende neue Computerprogramme lernen. "Viel Energie fließt in die Beherrschung der digitalen Technik und fehlt manchmal für die Zuwendung zu den Patienten, die aber den Sinn des Berufs ausmacht", so Dietzel.

Knapp 20 Jahre hat sie beobachtet, dass das Personal bereit ist, zum Wohl der Patienten viel und hart zu arbeiten. Mit Traurigkeit hat sie aber auch miterlebt, dass sich bei manchen Mitarbeitenden ein Gefühl einstellte, einfach nicht mehr sinnvoll arbeiten zu können. Das erschöpft einen Menschen, gibt die Seelsorgerin zu bedenken. Gabriele Dietzel war nicht nur für Patienten und deren Angehörige da, sondern immer auch Gesprächspartnerin für die Mitarbeiterschaft.

Als sie, nach Jahren als Pfarrerin im Vogelsberg und in der Gießener Luther-Gemeinde, in das EV kam, gehörte das Krankenhaus noch zum "Verein für Kinder-, Jugend- und Altenpflege", einer alten Gießener Bürgerstiftung. Agaplesion übernahm vor gut 15 Jahren das Krankenhaus, ein diakonischer und gemeinnütziger Gesundheitskonzern, der heute zu den führenden Krankenhausträgern gehört.

Dem Wirtschaftlichkeitsdruck und den Regeln des Gesundheitssystems kann sich, so sieht es Gabriele Dietzel, auch Agaplesion nicht entziehen. Doch der Konzern schüttet Gewinne nicht für Anleger aus, sondern investiert sie in die Modernisierung seiner Krankenhäuser. Mit der Übernahme begann Agaplesion die Erweiterung des Evangelischen Krankenhauses. Gewissermaßen eine Operation am offenen Herzen.

Zum Umbau im laufenden Betrieb habe es außer dem Abriss keine Alternative gegeben, sagt die Seelsorgerin, doch der jahrelange Staub und Krach, die Umzüge der Stationen waren "sehr belastend und unglaublich anstrengend für das Personal". Dennoch, so sieht es die Pfarrerin, "steht bis heute das große Bemühen um erkrankte Menschen an oberster Stelle für alle."

Die Hälfte ihres Berufslebens hat sie im Krankenhaus gearbeitet und blickt mit großer Zufriedenheit zurück. "Für Menschen da sein zu dürfen und die Lebendigkeit und Vielfältigkeit des Miteinanders schenken einem Sinn und Wert. Dies ist ein Segen. Das kann keine Baustelle hindern." Auch nicht die Schicksale der Patienten und das Leiden, deren Sinn sie nicht begreifen konnte.

Gefragt, ob sie das an ihrem christlichen Glauben zweifeln ließ, entgegnet sie: "Überraschenderweise ist es genau umgekehrt." Zwar hat es ihr manchmal die Sprache verschlagen und sie hilflos gemacht. Doch das Dasein für Menschen hat ihren Glauben verstärkt. "Ich habe ihn entdeckt in den Bedürfnissen der Menschen und indem ich ihnen darin beizustehen versuchte."

Nicht in jedem Gespräch war es für die Pfarrerin angebracht, sich direkt in religiöser Weise zu äußern. "Aber ich trug die biblische Hoffnung immer in mir und verkörperte sie, wenn ich ein Zimmer betrat." Im Kern ging es dabei stets um die großen menschlichen und zutiefst religiösen Fragen: "Was ist der Sinn? Was kann ich jetzt hoffen? Wie soll ich leben?", erzählt die Seelsorgerin. Sie verdankt den vielen Patientinnen sehr viel, habe von ihnen gelernt, bilanziert Gabriele Dietzel: "Immer wieder habe ich mein Leben in großer Dankbarkeit neu schätzen gelernt."

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