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Als Zaira einmal überlebte

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Meistens stirbt sie - aber nicht immer: Die Bellini-Oper von Vincenzo Bellini mit Zaira (Naroa) Intxausti) und ihrem LIebhaber (Marcell Bakonyi) im Stadttheater. © Rolf K. Wegst

Vom Umgang mit Corona: Stadttheater-Intendantin Cathérine Miville spricht über die Kunst der schnellen Umbesetzung.

Gießen. Längst ist das Stadttheater Gießen wieder in der Lage, seinem Publikum einen regelmäßigen und dichten Spielplan anzubieten. Dennoch kann der Corona-Virus natürlich auch weiterhin jederzeit zuschlagen - und alle Vorbereitungen innerhalb von Stunden über den Haufen werfen. So verfeinerte das Team um Cathérine Miville in den vergangenen Monaten die Kunst der kurzfristigen Umbesetzung. Wie das funktioniert, erklären die Intendantin und Steffi Waller, die Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros (KBB), im Gespräch mit dem Anzeiger.

Schauspiel statt Oper

Vor einigen Tagen war es mal wieder so weit. Die Oper »Zaira« stand auf dem Spielplan des Großen Hauses. Doch dann schlug das Virus unvermittelt unter den Sängern zu. Und statt Musiktheater gab es am Abend mit »Das hündische Herz« zeitgenösissches Schauspiel zu erleben. Das Problem, so die Intendantin, war in diesem Fall die seltene Aufführung des Bellini-Werks. Denn während es bei vielgespielten Opern einfacher sei, Ersatz für eine ausfallende Partie zu organisieren, könne man im Falle »Zairas« wenig machen, weil im ganzen Land kaum entsprechende Sänger zu finden sind. Laut der langjährigen Gießener Intendantin ist »Zaira« damit eins der vielen Beispiele, warum sich viele Häuser nicht trauen, selten gespielte Opern auf den Spielplan zu setzen. »Man geht damit ein hohes Risiko ein.«

Einfacher wird es, wenn ein Opernklassiker ins Repertoire aufgenommen wird. Dann schaut die seit fünf Jahren am Stadttheater beschäftige Steffi Waller zunächst, wie viel Zeit noch bis zum Aufführungsbeginn ist, wo das entsprechende Werk zuletzt gespielt wurde, und ob genug Zeit bleibt, die dortigen Sänger und Sängerinnen rechtzeitig nach Gießen zu bringen. Wie mit einem Zirkel werden die Kreise um das Stadttheater dann von Stunde zu Stunde enger gezogen. »Vielleicht klappt noch Dresden. Dann reicht es nur noch für NRW. Schließlich bleibt allein das Rhein-Main-Gebiet - und irgendwann ist halt Schluss. »

Bei der selten gezeigten »Zaira« müsse man aber noch weit fantasievoller sein, um eine Aufführung zu retten. Einmal fiel der Bass aus, eine der tragenden Rollen des Stücks. Da wurde die Stimme vom Bühnenrand aus eingesungen. Und als an Weihnachten wieder kurzfristig ein Corona-Ausfall zu beklagen war, wurde die entsprechende Rolle einmal aus der Inszenierung gestrichen. »Da haben wir Zaira ausnahmsweise einmal überleben lassen«, lacht Steffi Waller.

Ein Sonderfall: Denn mit solchen Umbesetzungen gehe es nicht darum, unbedingt seine verkauften Karten ans Publikum zu bringen. »Wir wollten an Weihnachten einfach die Leute nicht ohne Programm nach Hause schicken«, betont Cathérine Miville. Also habe der Opern-Dramaturg dem Publikum an diesem Abend noch etwas über die Geschichte erzählt und inhaltlich »eine kreative eigene Lösung gefunden«.

Für die im Sommer scheidende Intendantin kommt es dabei immer darauf an, »wie lange sich die Qualität aufrechterhalten lässt«. Die wichtigste Überlegung sei: Haben die Zuschauer noch einen schönen Abend? Ohne Chor etwa würde würde es nicht gehen.

Und es ging zuletzt oft nicht. »In den vergangenen vier Wochen hatten wir wahrscheinlich mehr Vorstellungsausfälle als sonst in einem ganzen Jahr«, beklagt Miville. Dabei stelle Corona das Haus vor ein besonderes Problem: Das Virus wirkt extrem kurzfristig. »Normalerweise warnen uns die Sänger schon einmal vor, wenn der Hals kratzt oder eine Krankheit im Anflug ist.« Doch den Infizierten gehe es häufig gut, »die meisten waren putzmunter, als sie morgens positiv getestet wurden - und für den Abend absagen mussten.«

Typisch war zuletzt auch der Ausfall einer männlichen Hauptrolle im Musical »Spamalot«. Steffi Waller erzählt: »Da kam morgens um 11 Uhr die Krankmeldung von König Artus rein. Ohne jede Vorwarnung.« Nach der sofortigen Verständigung mit der Intendantin und der musikalischen Leitung ging es sofort ans Telefon. Und die Büroleiterin klingelte »sämtliche Theater, an in denen das Stück in den vergangenen drei Jahren lief«. So recherchierte sie sich durch ganz Deutschland, um an die Kontaktdaten aller möglichen Artus-Könige zu bekommen. Einzuplanen ist neben dem Transport der entsprechenden Einspringer aber auch die Zeit für die »Kostümierung, Maske, Umbesetzungsproben, Bühnenbegehung, Einweisung des gesamten Ensembles«, zählt sie auf. Das allein benötige schon drei Stunden, die man einrechnen müsse.

So wurden in Gießen verschiedene Notfallpläne durchdiskutiert. Und nach zwei Stunden voller Telefonate fand sie tatsächlich noch einen Artus - »aber der hatte an diesem Abend eine Vorstellung in Stuttgart«. Und trotz allen Einsatzes wurde es diesmal nichts mit »Spamalot« im Stadttheater.

Unsicherheiten wie diese »ploppen gerade täglich von früh bis spät rein«, berichtet Cathérine Miville, die »seit zwei Jahren das Handy nicht mehr ausgemacht« hat. »Aber die Trefferquote unter den Getesteten ist gerade schon ein bisschen sehr hoch.«

Grundsätzliche Arbeiten wie das Vorbereiten für Notfallpläne gehörten zwar zum Aufgabengebiet des Betriebsbüros. Doch die aktuelle Lage sei angesichts der Größenordnung nicht mehr berechenbar. So bedarf es flexibler Lösungen und bisweilen auch zahlreicher Überstunden, um zu retten, was zu retten ist. Ein Lob spricht Miville dabei Mitarbeitern wie Steffi Waller aus, »die anpacken und damit auch in die Verantwortung hineinwachsen«. Ein Erfolg und eine große Motivation sei es dann stets, wenn eine Vorstellung doch noch auf die Bühne kommt.

Ein bisschen einfacher haben es die Verantwortlichen immerhin, wenn es um die Bereiche Schauspiel und Tanz geht. Da gibt es feste Ensembles, deren Mitglieder schnell erreichbar und meist auch kurzfristig einsetzbar seien. Außerdem: »Die wollen ja alle spielen!«, betont die Intendantin. Das größere Problem: »Man braucht auch ein entsprechendes Publikum.« Schließlich wollten nicht alle Opernfans auch zeitgenössisches Schauspiel sehen. »Zaira« etwa sei zuletzt vor allem deshalb durch »Das hündische Herz« ersetzt worden, weil es im gleichen Abo der Besucher enthalten war. »Das hat gut geklappt und wir hatten ein Problem weniger.«

Publikum zurückholen

Vor allem das Stammpublikum habe sich bei all diesen Unwägbarkeiten »extrem positiv, flexibel und zugewandt« gezeigt, berichtet die Intendantin. »Ganz wenige« beschwerten sich etwa über die Sicherheitsregeln wie das Maskentragen und die Abstände in den Sitzreihen, »die akzeptieren es, wie es ist«. Bedenken hat Cathérine Miville hingegen, angesichts der näheren Zukunft. »Ich glaube, es wird eine hohe Hürde sein, das Publikum jenseits der klassischen Abonnenten zurückzuholen. Leute etwa, die zwei, drei Mal pro Jahr ins Theater gehen: »Die wieder für uns zu gewinnen, das wird noch jede Menge Arbeit.«

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