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Am Anfang war die Fälschung

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Der Herr der Regale. In den Kellerräumen tief drunten im Rathaus ist noch genug Platz für die Hinterlassenschaften der nächsten 15 bis 20 Jahre, schätzt Stadtarchivar Christian Pöpken. Dann wird man weitersehen. Einen Ehrenplatz hat dort das Dokument der ersten urkundlichen Erwähnung Gießens, die Urschrift der »Schiffenberger Fälschungen« (Foto unten). © Berghöfer

Warum wegwerfen genauso wichtig wie Aufbewahren ist. Ein Besuch bei Stadtarchivar Christian Pöpken anlässlich des 825-jährigen Bestehens der Stadt Gießen.

Gießen. Ganz oben im Rathaus, über den Niederungen der Tagespolitik, drunten im Sitzungssaal ein paar Stockwerke tiefer, residiert Stadtarchivar Christian Pöpken. Man hat von hier oben einen beeindruckenden Blick auf das Stadttheater und die Innenstadt. Aber viel Zeit, diesen Ausblick zu genießen, hat der 42-Jährige offensichtlich nicht. Überall in seinem Büro stapeln sich Bücher, Akten und Folianten; nicht nur in den zahlreichen Regalen, sondern auch auf den beiden Tischen oder einfach auf dem Boden. Es riecht nach dem Gilb der frühen Jahre.

»Das ist ein Nest, man muss immer aufpassen, dass man den Überblick behält«, meint Pöpken entschuldigend, »aber das ist eine alte Archivars-Krankheit.«

Schäfer-Gümbels Twitter-Account

Vor nunmehr zwei Jahren und drei Monaten ist er in die Fußstapfen seines Vorgängers Ludwig Brake getreten, und das sind ziemlich große Fußstapfen. Brake habe das Archivwesen in dieser Stadt professionalisiert, lobt der gebürtige Oldenburger seinen Vorgänger. durch den von ihm noch abgeschlossenen Umzug des Stadtarchivs in das neue Rathaus am Berliner Platz habe er ihm auch den Einstieg sehr erleichtert.

Archivare denken in langen Zeiträumen, und wenn sie ihre Arbeit als Gedächtnis ihrer Stadt gut machen, dann bleiben sie auch lange in der Erinnerung der Bürger. »Ich werde ja auch noch regelmäßig auf Ludwig Brakes Vorgänger Erwin Knauß angesprochen«, sagt Pöpken. Der hatte das Stadtarchiv noch ehrenamtlich geleitet. Brake begann dann mit einer Verwaltungsfachkraft als Unterstützung. Heute arbeiten im Stadtarchiv fünf Mitarbeiter in Vollzeit und eine befristete Kraft. Unterstützt werden sie von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter sowie Schülern, Praktikanten und Studenten. Neu im Team ist seit dem vergangenen Jahr eine Diplomarchivarin, die sich vor allem um die digitale Transformation kümmern soll.

Angesichts der Jahr für Jahr steigenden Informationsflut, sei die Digitalisierung von Aktenbergen eine Erleichterung, aber die habe auch einen Pferdefuß. Zum einen spart sie zwar eine Menge Platz in den Regalen, zum anderen läuft man aber auch Gefahr, große Mengen an Inhalten durch den schnellen Wechsel der elektronischen Standards zu verlieren - mitunter für immer. Angesichts der Fülle digitaler Formate und Datenträger in den vergangenen Jahrzehnten, von der Floppy-Disc über die CD-ROM bis zur Cloud, komme man kaum noch mit der Migration der Altbestände nach und müsse ja auch neue Inhalte digitalisieren. Da bestehe schon die Gefahr eines »Medienbruchs«, wenn künftig Akten nur noch digital ins Archiv eingeliefert werden.

Diese Entwicklung habe erst in den vergangenen zehn Jahren so richtig Fahrt aufgenommen und werde das Stadtarchiv noch lange beschäftigen, ist sich Pöpken sicher. Bereits heute hat er es nicht nur mit Aktenordnern voller vergilbter Ausschuss-Sitzungsprotokolle zu tun, sondern muss sich auch um den elektronisch archivierten kompletten Twitter-Account von Thorsten Schäfer-Gümbel kümmern.

Für Pöpken stehen aber die Originale im Vordergrund »Kulturgut soll im Original erhalten bleiben. Digitale Kopien dienen als Back-up oder können es den Bürgern ermöglichen, direkt mit den Originalquellen zu arbeiten, ohne diese zu gefährden«, lautet sein Credo. Auch deshalb werde Informatik künftig immer wichtiger. Am Beginn seines Studiums in Marburg habe er sich das noch nicht ausmalen können. Die Inhalte des Stadtarchivs künftig den Bürgern zugänglich zu machen, werde auf jeden Fall eine wichtige Aufgabe der kommenden Jahre sein.

Das 825-jährige Bestehen der Stadt ist kein Anlass für große Aktivitäten seines Hauses. Aber da hat ja auch die Stadtverwaltung nicht viel geplant. Das ist aber vielleicht auch gar nicht so unangenehm in einer alternden Gesellschaft, die von einem Jahrestag zur nächsten Gedenkfeier eilt, und dabei Gefahr läuft, das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren, die Gegenwart.

Das Stadtarchiv hat aber den Autor des aktuellen Bildbandes »Gießen im Wandel der Zeit«, den die Stadt zum Jubiläum präsentiert hat, bei dessen Recherchen unterstützt.

Groß sei dagegen das Interesse bei kommerziellen Anbietern gewesen, die diesen Jahrestag offenbar gegoogelt hatten und der Verwaltung zu diesem Anlass zahlreiche obskure Gedenkprägungen oder Medaillen anbieten wollten.

Verstärken will Stadtarchivar Pöpken die Zusammenarbeit mit dem Oberhessischen Museum. »Wir haben hier die ›Flachware‹, das Museum hat die historischen Objekte.« Dessen neue Führung sei ja gerade dabei, die Bestände neu zu inventarisieren. Allein dadurch habe sich schon eine engere Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv ergeben.

Was ist für ihn selbst denn das spannendste Stück in seinem Archiv? Die Antwort fällt Pöpken sichtlich schwer. Nach längerem Nachdenken entscheidet er sich für das wohl älteste Dokument der Sammlung: Die Urschrift der »Schiffenberger Fälschungen« aus dem 13. Jahrhundert, die praktisch die Geburtsurkunde unserer Stadt ist. Mit dieser Fälschung hatte das Schiffenberger Stift seine Besitzansprüche gegen die Gemeinde Leihgestern beim damaligen Landesherren untermauert. Diese Urkunde ist erst vor 20 Jahren aus Privatbesitz ins Staatsarchiv gelangt.

Für ihn faszinierend ist, welche Schicksale selbst trockene Akten mitunter haben können. So wurden dem Archiv vor wenigen Jahren Personalakten eines ehemaligen Stadt-Architekten von einem pensionierten Diplomaten übergeben. Der hatte diese in der Nachkriegszeit als kleiner Junge in den Trümmern des Stadtschlosses gefunden. »Da ist die Geschichte der Akte dann spannender als der Inhalt.«

Zu den skurrilsten Spenden an das Museum gehörte sicherlich auch ein funktionsfähiges Kalaschnikow-Sturmgewehr, das sich im Kleinmuseum des früheren US-Depots befunden hatte. »Die haben wir aber gleich dem Kampfmittelräumdienst übergeben.«

Pöpken hat aber noch längst nicht alles gesichtet, was auf vielen, vielen Regalmetern tief drunten in den Eingeweiden des Rathauses, wohltemperiert und dem Tageslicht entzogen, lagert. »Wir bemühen uns, das Haus jeden Tag besser kennenzulernen. Fragen Sie mich in fünf Jahren noch mal nach den interessantesten Objekten.«

Ebenso wichtig wie das Sammeln ist aber auch das Wegwerfen. In Zeiten der Massenproduktion von Aktenbergen ist das Sieben eine der wichtigsten Aufgaben eines Archivaren. »Wir behalten maximal ein bis fünf Prozent der Unterlagen, die bei uns ankommen.« Wer aber entscheidet, was für die Nachwelt aufbewahrt wird, und was im Orkus der Geschichte verschwindet? Das seien spannende gesellschaftliche Debatten, die noch viel zu wenig geführt würden, meint Pöpken.

Wo sieht er noch größeren Forschungsbedarf in der Gießener Stadtgeschichte? Da gebe es so einiges, sagt der Experte. Für die frühe Neuzeit, also von 1500 bis circa 1800, sei die Quellenlage nicht sonderlich ergiebig. Über soziale Verhältnisse oder die Eigentumslage gebe es nur wenige Informationen. Pöpken hofft hier auf ein wachsendes Interesse seitens der Universität. Im Stadtarchiv gebe es genug Material für so manche Bachelor-Arbeit.

Auch in der NS-Geschichte gebe es viele Lücken, da Quellen nicht überliefert wurden. Gerade in der unmittelbaren Nachkriegszeit sei da vieles zerstört worden. So fehlten die kompletten Protokolle der Stadtverordneten-Sitzungen von 1930 bis 1945.

Und in welcher Epoche hätte Christian Pöpken selbst am liebsten gelebt? »Es gibt spannende Jahre wie 1834 als Georg Büchner hier den ›Hessischen Landboten‹ schrieb.« Dennoch wäre er ungern dessen Kommilitone gewesen. Dafür sei die Zeit zu hart und die Repression zu stark gewesen.

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Ein Bombensplitter erinnert an den 6. Dezember 1944, den wohl dunkelsten Tag der Gießener Stadtgeschichte. © Ingo Berghöfer
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Skurril: Ein ehrpusseliger Pennäler fordert um 1910 einen Mitschüler zu einem Duell auf »Pistolen oder Säbel«. © Ingo Berghöfer
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Eine Zeichnung des Neustädter Tors findet man auf einem Plan des 17. Jahrhunderts. © Ingo Berghöfer

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