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Am Ende ein versöhnlicher Ton

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Verarbeitete den Tod ihres dreijährigen Sohnes mit der Graphic Novel »Nils«: die Berliner Künstlerin Melanie Garanin. Foto: Eikenroth © Eikenroth

Gießen. Auf den ersten Blick erscheint die Graphic Novel »Nils« mit der helmbewehrten Gans auf dem Cover wie ein Kinderbuch, doch der Inhalt behandelt ein hartes, autobiografisches Thema. Darüber unterhielt sich auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) am Mittwochabend die Comiczeichnerin und -autorin Melanie Garanin im gut gefüllten Prototyp.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Tabea Knispel vom LZG, die der Zeichnerin einfühlsam Fragen stellte. Denn die 2020 erschienene Graphic Novel, die den Untertitel »Von Tod und Wut. Und von Mut« trägt, behandelt den Tod des dreijährigen Sohnes der Zeichnerin.

Der Junge starb an Leukämie und hätte wohl noch rechtzeitig behandelt werden können. Doch da seine Bauchschmerzen in der Klinik nicht ernst genommen wurden und er mit der Begründung, er habe sich nur den Magen verdorben, nach Hause geschickt wurde, führte diese Fehldiagnose zu seinem Tod. Während des Gespräches wurden Seiten und Kapitel per Beamer auf eine Leinwand übertragen, während die Autorin den Text dazu vorlas. So nahm sie Bezug auf die Gänse, die im Buch immer wieder auftauchen, und zu all den anderen Tieren, die eine Rolle in ihrem Leben spielen, wie dem Pferd Viento, welches sie am gleichen Tag wie Nils bekam.

Berührend auch die Seite, die an dem Morgen spielt, als der Junge starb und Melanie Garanin zu ihrem Mann sagt: »Wir werden immer immer traurig sein, IMMER! Aber bitte: Lass uns nicht immer immer immer unglücklich sein. Das dürfen wir nicht.« Und als heiter-melancholische Note hocken die Vögel des Gartens am Bildrand, wobei das Rotkehlchen den anderen Vögeln vorgibt: »Weitersagen, heute wird nicht gezwitschert.« Denn, so die Autorin, für sie sei es seltsam gewesen, das an diesem düsteren Morgen die Vögel einfach gezwitschert haben, als ob nichts sei.

Im Buch geht es auch um die Auseinandersetzung mit der Ärzteschaft. Dabei wechselt die Gestaltung des Buchs von Handschrift zu Schreibmaschinenlettern, um die Bürokratie der Ärzte und Ärztinnen zu versinnbildlichen. Ein anderer grafischer Trick ist Garanins Schreibtischlampe, die in dem Band zum Leben erweckt wird und die an einigen Stellen des Buches in Erscheinung tritt, Interviews mit den Beteiligten führt und so, die Autorin, »Licht ins Dunkle bringt«.

Ursprünglich, berichtete Garanin, startete sie das Projekt auf Anraten einer Freundin als Racheakt gegen die Ärzte und Ärztinnen, die ihren Behandlungsfehler nicht eingestehen wollten. Sie wollte, dass durch den Comic die Welt davon erfährt, was geschehen ist. Doch während der zweieinhalb Jahre, die sie an dem Band zeichnete, begleitete das Projekt auch den Verarbeitungsprozess ihrer Trauer. Eigentlich sollte das Buch mit einem gezeichneten Gemetzel enden, doch im Lauf der Arbeit fand sie doch noch ein versöhnlicheres Ende.

Anfangs wollte Garanin Grafikdesign studieren, wechselte dann aber nach einer Absage zu einem Animationsstudium an der Filmhochschule Babelsberg. Dort blieb sie jedoch nur kurze Zeit und illustrierte bald zahlreiche Kinderbücher, unter anderem die »Pippa Pepperkorn«-Reihe. Doch seit der Arbeit an »Nils« arbeitet sie ausschließlich als Comiczeichnerin, was sie auch als ihren besten Entschluss bezeichnete. Die Studienerfahrung der Animationszeit, so sagte sie, konnte sie für das Comiczeichnen gut nutzen, da ihre Zeichnungen dadurch unstatisch sind und sie Leichtigkeit und Bewegung in ihre Bilder einfließen lassen kann. Nach einer guten Stunde stellte sich die Autorin den Fragen aus dem Publikum und signierte ihre Bücher.

Der renommierte Schriftsteller Stephan Thome (»Grenzgang«) liest am Mittwoch, 29. Juni, um 19 Uhr beim LZG im Japanischen Garten der Kongresshalle aus seinem neuen Roman »Pflaumenregen«. Der Eintritt kostet 12 (10) Euro. Das Buch führt ins Taiwan der 1940er Jahre, am Ende der japanischen Kolonialzeit. Die achtjährige Umeko lebt in einer Kleinstadt im Norden der Insel. Trotz des immer näher rückenden Pazifischen Krieges geben ihre Eltern sich alle Mühe, sie so behütet wie möglich großzuziehen. Das Leben der

Familie ändert sich jedoch drastisch, als am Ortsrand ein Lager für ausländische Kriegsgefangene errichtet wird. Ein Strudel aus Schuld und Verbrechen ergreift die Familie und hält sie bis in die 70er Jahre gefangen. Thome (geboren 1972 in Biedenkopf) lebt seit vielen Jahre in Ostasien. (red)

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