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Am Ende gerne ein Anderer

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»Ich ist ein Anderer«. Arthur Rimbaud, französischer Poet, der im Gefolge von Charles Baudelaire die europäischeDichtkunst revolutionierte, brachte in vier Wörtern, einem wie nebenbei formulierten Satz, das auf den Punkt, was als Quintessenz und also Basis der (nicht nur) literarischen Moderne gelten darf. Sich seiner nie selbstgewiss sein in einer stets ungewissen Welt, das mag mit Rimbaud nicht neu gewesen sein, aber so deutlich und klar -- auch so poetisch - formuliert, wurde es nur selten zuvor, vielleicht noch bei Kleist.

Es ist nicht mehr der wankende Grund (des Erdbebens von Lissabon), der uns schaudern lässt, wir selbst sind es, die ins Wanken geraten, das Wanken sind. Ich, das sind nicht wir, das ist immer auch ein Anderer.

Keiichiro Hirano, Jahrgang 1975, japanischer Bestseller-Autor, hat dem unzählig variierten Thema, von Dostojewski über Kafka, von Trakl bis Joyce, von Sartre bis Camus eine weitere Version hinzugefügt. In seinem Roman »Das Leben eines Anderen« geht es um die Frage nach der (eigenen) Identität im modernen Japan. Dabei muss der Scheidungsanwalt Akira Kido für eine Mandantin das Rätsel lösen, wer ihr tödlich verunglückter Mann Daisuke denn tatsächlich gewesen ist, denn dieser Name und also seine Existenz kam durch einen Identitätstausch zustande. Arrangiert unter Männern, die ihre Vergangenheit und Leben nicht ertragen, es auf andere Art fortführen wollen. Hirano ist weit weg von den surrealen Welten eines Haruki Murakami, dem derzeit meistgelesenen japanischen Autor. Hirano erzählt die Geschichte als Krimi der gehobenen Art, in dem die existenziellen Nöte Kidos mehr und mehr ins Zentrum rücken. Hirano ist ein weithin lesenswerter Roman gelungen, der aber auch Längen hat. Und so wäre man gegen Ende gerne ein Anderer, mit einem anderen Buch.

Keiichiro Hirano: Das Leben eines Anderen. 335 Seiten. 25 Euro. Suhrkamp.

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