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»Am Ende wird es immer eng«

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Für seine Filmmusik wählt er auch große Orchester: der Gießener Martin Stock. © Milan Bettermann

Gießen. Aller Anfang ist schwer. Um mit seiner Gießener Band »Swinging Fast Food« Stücke der amerikanischen Jazzformation »Manhattan Transfer« nachspielen zu können, nahm Martin Stock sie vor mehr als 30 Jahren auf seinem Kassettenrekorder auf. Eine mühsame, aber auch erfolgreiche Methode, mit der er etwa die komplexen Chorsätze der Vorbilder entschlüsselte.

»Es schult das Gehör und man lernt fürs Leben«, lacht der 60-Jährige, dem für seine Arbeit längst auch das Deutsche Filmorchester Babelsberg zur Verfügung steht. Als Komponist fürs Kino und Fernsehen hat der einstige Liebig-Schüler und studierte Musiker schon mit zahlreichen großen Namen zusammengearbeitet: Oscar-Preisträgerin Caroline Link, Peter Maffay oder HipHop-Star Bushido waren darunter. Nun ist das nächste große Projekt zu sehen und hören, an dem Stock beteiligt ist: die sechsteilige ARD-Serie »Ein Hauch von Amerika«, die heute Abend zur besten Sendezeit im Ersten startet.

Orchester in Berlin

»Es ist ein Kaleidoskop der 1950er, mit wunderbaren Schauspielern, toll erzählt«, schwärmt der seit vielen Jahren in München lebende Filmkomponist. Dabei war für das TV-Großprojekt zunächst manche Hürde zu nehmen. Als Corona ausbrach, »musste alles unterbrochen werden«, berichtet er. Zumal das an der niederländischen Grenze gelegene Heinsberg zu den Drehorten gehörte, das als Verbreitungsgebiet von Sars-CoV bald bundesweit Schlagzeilen machte. Doch dann kam die Sache dennoch ins Laufen und Stock wurde gebeten, sein Material in einer Orchesterversion einzuspielen. Also fuhr er im Sommer nach Berlin und hatte »zwei tolle Tage« im Aufnahmestudio mit dem renommierten Filmorchester. »Das Ergebnis ist sehr rund geworden.«

Unüblich ist dieses Vorgehen nicht, wenn ein Film vertont werden soll. »Manchmal arbeitet man schon im Vorfeld etwas aus, bevor der Film fertig geschnitten ist und bietet dem Regisseur dann verschiedene, am Rechner entstandene Themen an, erzählt er. Später werde das Material dann für einen großen Klangkörper umgeschrieben und an den Film angedockt, so dass die Töne exakt zu den Bildern passen.

Für die ARD-Serie hat Stock die komplette Filmmusik komponiert, mehr als eine Stunde Spielzeit insgesamt. Unterstützung erhielt er dabei von einem weiteren Mittelhessen. Der in Lahntal lebende Musiker und Produzent Ralf Erkel kümmerte sich um die Hintergrundklänge, wenn etwa eine Bar zum Schauplatz wird, in dem ein Plattenspieler läuft. Source Music werden diese Stücke genannt, die das Publikum eher unbewusst wahrnimmt. In der Serie zählen dazu zahlreiche Jazzstücke, die aus den 50ern stammen und das Zeitkolorit unterstreichen. Erkel, von dem auch die Vereinshymne der Gießen 46ers stammt, habe sich »großartig in das Thema hineingearbeitet«, erzählt Stock. Dabei habe er auch original Jazzstücke nachproduziert, weil es dafür keine Rechte gab. Für Martin Stock beginnt ein Projekt zumeist mit den Drehbüchern. Dann bekomme er einen ersten Eindruck: Worum geht es inhaltlich? Was könnte das Hauptthema sein? Welchen Charakter hat die Hauptfigur? So sucht er nach einem künstlerischen Einstieg. Die eigentliche Arbeit beginnt für ihn aber erst, wenn der Film fertig geschnitten ist. Mit speziellen Programmen kann er dann seine Klänge zu den Bildern komponieren. Schließlich »gibt es Höhepunkte, auf die man hinschreibt«. Allerdings kann es auch vorkommen, dass der Film spät noch umgeschnitten wird. »Dann muss man die Musik verlängern, kürzen oder auch wegschmeißen.«

Das war bei »Ein Hauch von Amerika« glücklicherweise nicht der Fall. Dennoch »wurde es nach hinten hinaus ziemlich eng.« Das sei eigentlich immer so, schließlich sei der Komponist der Letzte, der an einem solchen Werk arbeitet. »Manchmal kommen die Noten frisch aus dem Drucker, dann werden sie dem Orchester vorgelegt - und auf geht’s«, erzählt der Gießener. Wohl dem, der dann mit Profis wie denen des Filmorchesters Babelsberg zusammenarbeitet: »Die lesen vom Blatt ab und spielen das sofort ein. Das ist schon toll! » Zu der neuen Serie gekommen ist Stock über seinen engen Draht zu Regisseur Dror Zahavi. Mit dem hat er erstmals 2019 beim Kinofilm »Crescendo« zusammengearbeitet. Es folgten zwei TV-Filme, bis Zahavi ihm bei einer Premierenfeier ankündigte, er habe etwas Neues und rufe demnächst mal an. »Und dann kam es überraschend - mit voller Wucht.« Schließlich müsse er für die sechs mal 45 Minuten Spielzeit schon eine Menge Material einspielen. »Das macht viel Spaß, ist aber auch sehr aufwändig.« Ein besonderes Glück war der Auftrag für Stock aber auch, weil er mitten in der ersten Corona-Welle so viel zu tun hatte. »Ich hockte die ganze Zeit im Studio, hatte keine Kontakte zur Außenwelt und habe eigentlich unter Quarantänebedingungen gelebt und gearbeitet.«

Doch das sei für einen Filmkomponisten nicht ungewöhnlich. Statt sich auf wilden Partys mit berühmten Schauspielern herumzutreiben, arbeitet er häufig allein im Studio. Das habe ganz wenig mit Glamour zu tun. Eigentlich ist es das Gegenteil. Und wenn eine Deadline naht, muss er sich auch schon einmal am Wochenende im Studio einschließen. Die glamourösen Momente machen dagegen vielleicht ein halbes Prozent aus, schätzt Stock. »Die sind auch sehr schön, aber darum geht es schließlich nicht.«

Dennoch könnte der Rote-Teppich-Faktor bei seinem nächsten Projekt etwas höher ausfallen. Derzeit arbeitet der Gießener am Score einer Verfilmung der »Zauberflöte« im Stile eines Abenteuers von Harry Potter. Einer der Produzenten ist Blockbuster-Spezialist Roland Emmerich. Und der mag bekanntlich vor allem die ganz großen Spektakel.

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»Ein Hauch von Amerika« erzählt von den frühen 50ern, als die GIs ein neues Lebensgefühl in die westdeutsche Provinz brachten. © SWR/FFP New Media GmbH/Ben Knabe

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