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An einem Ort des Übergangs

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Biegsam: Tänzer Riccardo Ciarpella und das Ensemble auf dem Parkdeck des »Neustädter«. Foto: Rolf K. Wegst © Rolf K. Wegst

Mit einem Stück auf dem Parkdeck des Innenstadt-Einkaufszentrums »Neustädter« wurde das Gießener Festival TanzArt eröffnet.

Gießen. Am Sonntagmorgen gab es den offiziellen Auftakt des TanzArt Ostwest-Festivals, obwohl es bereits seit einigen Tagen läuft. In guter Tradition wird ein Site-Specific-Projekt, das an einem besonderen Ort außerhalb der Theaterbühnen stattfindet, vom Kulturamt gefördert und vom Stadtoberhaupt eröffnet. So auch dieses Jahr. Zur Bühne wurde nun das Parkdeck 3 des Einkaufszentrums »Neustädter« (zuvor Galerie Neustädter Tor). Zentrumsmanager Olaf Deistler drückte seine Freude aus über die Kooperation und Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher schlug den Bogen zu den Anfängen des Tanzfestivals. Tatsächlich fand auch die erste Site-Specific auf einem Parkdeck statt, bei Karstadt, wie es damals noch hieß. Es sei ergänzt: Auch 2006 gab es an diesem Termin einen Kälteeinbruch.

Im Auto auf die Parkdeck-Bühne

Das Thema Parkdeck hat Gastchoreografin Sara Angius, die aus Sardinien stammt und seit Jahren in Braunschweig lebt, sehr wörtlich genommen. Für sie ist ein Parkhaus ein »liminal space«, ein Ort des Übergangs und der Veränderung. In ein Parkhaus fährt man hinein und geht wieder hinaus, darin hält man sich normalerweise nicht für einen längeren Zeitraum auf. Ihr Protagonist in dem Stück »Deck Three« jedoch erlebt das Parkhaus völlig neu: Es ist leer und unheimlich, wenig angenehme Gefühle beschleichen ihn. Er wird grandios verkörpert von Riccardo Ciarpella, neues Mitglied der Tanzcompagnie Gießen.

Nach der Ankunft mit einem schicken grasgrünen E-Jeep kämpft er zunächst mit der Schließtechnik und dem immer wieder anspringenden Radio. David Bowies Song »Changes« gibt den metaphorischen Vorlauf für das weitere Geschehen. Klirrend hohe Glastöne melden das Unwohlsein, eine Schattengestalt (Magdalena Stoyanova) steigt aus dem Auto und hängt ihm fortan im Nacken. Er wird sie nicht los und im Gegenteil: es werden noch mehr. Alle sind gleich gekleidet in schwarze Anzüge und weiße Oberhemden, die sieben Tänzerinnen haben die Haare streng zum Dutt gestrafft.

Beim Protagonisten erhalten die Lederschuhe besondere Bedeutung. Die Sohlen schleifen über den rauen Boden, die Füße knicken oft seitlich um, überhaupt biegt er seinen Körper auf unfassbare Weise in verschiedene Richtungen. Er agiert dabei wie ein Gummimensch im Zirkus. Auch mimisch ist er konstant in der Rolle des Erschrockenen und Desorientierten. Nur gegen Ende, wenn alle Gestalten ihm assistieren, ist er machomäßig als Autofahrer in seinem Element. Da entstehen viele witzige Szenen, nur als er das Bein einer Tänzerin zu kraftvoll, fast grob als Schalthebel benutzt, da zucken einige im Publikum zusammen. Man glaubt das Getriebe krachen zu hören, oder die eigene Hüfte.

In zwei ausgiebigen Gruppenszenen kommt der »Donauwalzer« zu neuen Ehren. So schön ist er wohl noch nie choreografiert worden. Und am Ende verschwinden die Gestalten eine nach der anderen zum leise erklingenden »Ave Maria« von der außergewöhnlichen Bühne. Alles friedlich, alle wieder versöhnt. Das Publikum jubelt vor Begeisterung.

Es tanzen außerdem: Julie de Meulemeester und Mona-Lisa Rigal von der Tanzcompagnie Gießen sowie die Gäste Alice Brunner, Giulia Sonego und Keina Oda Jahyun Kim. Die Ausstattung übernahm Marta Boira Profumo. Es gibt nur noch eine weitere Vorstellung: am Freitag, 3. Juni, um 11 Uhr.

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