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Frauenköpfe in der Plockstraße. Soll die Reihe mit einer Stele für Ria Deeg erweitert werden? Archivfoto: Schäfer

Diskussion

An Ria Deeg scheiden sich die Geister

Ein Gutachten über die Gießener Widerstandskämpferin Ria Deeg sorgt im Ausschuss für Schule, Bildung und Kultur für hitzige Diskussionen.

Gießen (fley). Dass Ria Deeg eine bekannte Gießener Widerstandskämpferin war, vielleicht sogar die bekannteste, wollte niemand in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Schule , Bildung und Kultur bestreiten. Die Geister schieden sich jedoch bei der Frage, ob Deeg Stalinistin gewesen sei und die Sowjetunion sowie die Untaten Stalins verherrlicht habe oder eben nicht.

Schon vor Beginn der Diskussion um die Ehrung Deegs wies der FDP-Stadtverordnete Dominik Erb darauf hin, dass es für den Tagesordnungspunkt keine Beschlussvorlage gebe. Für den Ausschussvorsitzenden Frank Schmidt stellte das jedoch kein Problem dar. »Wir haben das auch schon früher gemacht und vor allem hatte Frau Grabe-Bolz den Themenpunkt angemeldet«, betonte Schmidt. Die FDP ließ über die Streichung des Punktes abstimmen, doch der Antrag wurde erwartungsgemäß durch die Koalition abgelehnt. Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz unterstrich, dass das in Auftrag gegebene Gutachten sich deutlich dafür ausspreche, dass Deeg in der Reihe der Gießener Köpfe geehrt werden möge. »Das Wirken Deegs im Nationalsozialismus und nach 1945 hat das Gutachten kritisch abwägend beleuchtet«, führte Grabe-Bolz aus. Die Kommission unter Vorsitz von Dr. Ulrike Krautheim hob in ihrer 30-minütigen Präsentation das Wirken und den Einfluss Deegs auf die Stadt hervor. »Eine Kommunistin, die sich für die Demokratie stark gemacht hat. Die Kommunisten in der BRD wurden beim Gedenken an Widerstandskämpfer ausgeklammert. Deeg trat ein für die Demokratie und die Friedensbewegung«, fasste Krautheim die Betrachtungen der Kommission zusammen. Stadtarchivar Dr. Christian Pöpken bekräftigte die Ausführungen und stellte fest, dass die Parteien 1987 einstimmig für die Verleihung der Goldenen Ehrennadel votierten. »Die Kriterien für die Ehrung sind erfüllt. Aber das Wissen über Deeg ist lückenhaft, die Kenntnisse sind subjektiv gefärbt. Ich appelliere, die Aufarbeitung weiter zu bestreiten«, schloss Pöpken seine Auswertung.

Nicht jeder Stadtverordnete konnte sich jedoch mit den Ergebnissen des Gutachtens anfreunden. »Das Gutachten klang für mich wie ein Loblied«, konstatierte Erb über das Ergebnis. Die Darstellung als »Heilsbringerin« gehe an der Realität vorbei. Deeg sei am Ende ihres Lebens immer noch eine glühende Kommunistin gewesen. Die CDU-Fraktion fragte, was das Guthaben gekostet habe und wie das Gesamtkonzept aussehe? Die SPD konterte jedoch prompt auf die Vorwürfe. »Ich weise die Kritik der FDP am Gutachten zurück«, betonte Gerhard Merz. Die Fragen über Deeg seien zentrale Fragen der Erinnerungskultur, die anhand eines kontroversen Beispiels behandelt werden sollten. Merz verglich die Ehrung mit der Rolle von Herbert Wehner, der sich als anfänglicher Kommunist zu einem der meist geschätzten SPD-Abgeordneten gewandelt hatte. »Deeg hat sich um Menschen in dieser Stadt verdient gemacht. Ich hatte ursprünglich Bedenken, weil sie Kommunistin war. Nach der Literatur des Gutachtens habe ich meine Meinung geändert«, sagte Merz. Es spreche nichts dagegen, sie zu ehren, außer der Tatsache, dass sie Kommunistin gewesen sei.

Christine Wagener von der CDU entgegnete, dass Deeg mit der Goldenen Ehrennadel bereits geehrt worden sei. »Wir müssen den Mensch als ganzheitliches Konstrukt betrachten«. Die Christdemokraten würden sich der Ehrung so gut es geht widersetzen. Das sorgte dafür, dass sich Merz immer mehr in Rage redete. Es könnte nicht angehen, dass die CDU und die FDP mit doppelten Standards arbeite und der Goldenen Ehrennadel damals zustimmte, die Stele heute aber ablehne. »Die Zweifel wurden ausgeräumt«, bekräftigte der Sozialdemokrat.

Doch auch die Vertreter aus der eigenen Koalition meldeten Zweifel an. »Wir tun uns als Fraktion schwer, Deeg aufgrund ihrer Geschichte zu ehren«, sagte Sophie Müller von den Grünen. Darauf folgte noch eine Breitseite von Merz gegen die Nachzüglerin Kerstin Gromes. Die ehemalige Landratskandidatin der Grünen griff die Debatte erneut auf und zitierte dabei einen Wikipedia-Artikel über Ria Deeg mit Worten von Marx. »Marx ist das allerdümmste Argument, was sie bringen könnten, Frau Gromes. Das ist der dümmste Beitrag der Koalition. Schauen Sie bisschen mit Verstand auf die Geschichte des Marxismus. Es wäre besser gewesen, Sie hätten geschwiegen«, schimpfte der Sozialdemokrat. CDU und FDP quittierten diese harsche Rüge mit Protesten.

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