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An Seilen durch die Dunkelheit

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Künstlerin Karla Leisen mit einer ihrer seriellen Arbeiten in der Licher Galerie »Dazwischen«, deren Leitung sie abgibt und dessen Name sich in »Raum« ändert. Foto: Schultz © Schultz

Der Ausstellungsraum »Dazwischen« in Lich wird zum »Raum«. Leiterin Karla Leisen übergibt die Arbeit an Hakan Avci. Und neue Kunst gibt es auch zu sehen.

LICH. Ende und Neuanfang im »Dazwischen«: Zum einen gab die bisherige Macherin Karla Leisen mit ihrer aktuellen Ausstellung »Weltenwandel« ihren Abschied von diesem Kunstort. Zum anderen stellte sich der neue Leiter vor: Hakan Avci zeigt dort fortan Kunst unter dem Namen »Raum« und präsentiert jetzt seine eigenene Installation, die deutlich abseits des Gewohnten liegt. Die Eröffnung war sehr gut besucht.

Karla Leisen zeigt in der Galerie Malerei und Zeichnungen. Sie ist für alle technischen Verfahren offen. Zu sehen sind Bilder auf unterschiedlichem Papier mit Kohle, Kaffeesatz, Erde, Strukturpaste, Acryl, Edding, Textmarker, Aquarell, Bunt- und Filzstiften. Ältere Bilder sind zumeist im kleineren bis mittleren Format gehalten, vor allem aber sind im vorderen Ausstellungsraum, dem einstigen Schaufenster, ihre aktuellen Arbeiten zu sehen. Diese Werke sind Ergebnisse von Reisen, die Leisen kürzlich unternahm, und kreativen Prozessen, die sich dabei ergaben.

Darauf nahm auch Susanne Ines Schmidt in ihrer Einführung Bezug. »Von welcher Welt spricht sie beim Weltenwandel?«, fragte Schmidt. Ihre Antwort: »Wir sehen einen Wandel, weil Karla wandelt.« 2014 war die Licherin durch die französischen Pyrenäen gewandert, machte Fotos und sammelte Eindrücke. Farbstörungen beim Ausdruck der Bilder (Schmidt: »Sie kamen seltsam raus, verwandelt«) sorgten für eine erste künstlerische Verfremdung. »Danke für das, was Du in die Welt trägst,« schloss Schmidt.

Die Schau erweist sich als ausgesprochen vielseitig und zeugt hauptsächlich von Veränderungen in den Jahren 2014 bis 2022, es ist fast eine Art kreatives Tagebuch der Künstlerin. Da sind einmal die neun Arbeiten der Serie »Pont du Gard« auf Leinwand. Diese abstrakten Variationen einer Frauenfigur zeigen Leisens Neigung zur seriellen Arbeit. Sie strahlen eine in alle Richtungen strebende Energie aus.

Die andere Serie ist »Pyrenées. Andorra« betitelt. Dort zeigen sich eine andere Formalität und Farbkomposition, ebenso wie etwa im Triptychon »Garten Salvador Dali, Portilligat, Spanien«. Leisen zeigt zudem weitere Werke in durchaus abweichenden Formen und Formaten.

Zugleich wurde bei dieser Vernissage die Umwidmung und Umbenennung der Örtlichkeit in »Raum« vollzogen. Den übernimmt und betreibt ab jetzt der Licher Hakan Avci. Den Spieleentwickler (geboren 1973 in Lich) verbindet eine lange professionelle Beziehung mit Karla Leisen auf mehreren Ebenen. Für Avci war es eine »tolle Zusammenarbeit«. Er stellte kürzlich bei »Artig auf Abstand« einige Werke ein, die auch schon verkauft sind.

Im »Raum« zeigt er als »Habakus« nun die Installation »Hier gibt es nichts zu sehen«, die aus einer Kombination vor Räumen besteht, die der Besucher im Dunkeln erkunden muss. Denn die Überschrift ist wörtlich gemeint. Es geht um das Eintauchen, die »Immersion«. Eine Warnung gibt’s dazu: »Nicht geeignet für Personen mit Herzproblemen, Schwangere und Personen mit zartem Gemüt.« Die Besucher tasten sich an einem Führungsseil durchs Nichts und erfährt akustische, olfaktorische, haptische, mechanische und einige kleine Angstreize.

»Es ist das erste Mal, dass ich einen Raum nicht ausgestaltet habe, sodass der Besucher ihn sich selbst erschließen kann und Teil davon wird. Das ist der Grundgedanke«, sagte Avci. Ein bisschen geht es auch um Furcht. Man sieht, die Tradition des ungewöhnlichen Erlebens wird an diesem Ort auch in Zukunft weitergeführt, und man kann sich auf ungewöhnliche Erlebnisse freuen.

Die Ausstellung im »Raum« (Gießener Straße 5) läuft bis Ende September. Öffnungszeiten: donnerstags 17 bis 19 Uhr, sonntags 14 bis 17 Uhr, während der »Kunst in Licher Scheunen« 11 bis 18 Uhr.

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