Andere Kommunen misstrauischer als Gießen

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GIESSEN - (ib). Neue und für die Stadt nicht gerade beruhigende Erkenntnisse gibt es auch im Fall "Greensill", wo der Stadt Anlageverluste von bis zu zehn Millionen Euro drohen. Die FDP hatte unlängst eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) beim Regierungspräsidium Gießen eingereicht, weil diese nach FDP-Auffasung gegen die städtische Richtlinie zur Geldanlage verstoßen hat (wir berichteten).

Nach FDP-Lesart hätten nur Anlagen mit einem guten Rating der Marktführer Standard & Poor's oder Moody's getätigt werden dürfen, nicht aber bei der weniger bekannten Agentur "Scope Ratings". Die Stadt argumentiert hingegen, dass sich der maßgebliche Passus in der Finanzrichtlinie nicht konkret auf die beiden Ratingagenturen, sondern auf die von den beiden Marktführern gesetzten Bewertungsstandards beziehe, die auch von anderen Ratingagenturen verwendet würden. Daher sei auch die Verwendung des Scope-Ratings zulässig gewesen.

Nun rückt aber auch die Ratingagentur selbst in den Fokus. Laut einem Bericht des Rating-Experten Dr. Oliver Everling vom 18. April dieses Jahrs hatte die lokale Berliner Ratingagentur Scope Ratings GmbH am 19. September 2019, nachdem bereits kritische Fragen zum Bilanz- und Einlagenwachstum der Greensill Bank gestellt worden waren, Greensill erstmals geratet und dieser dann das - gute - Rating "A-" gegeben. Bis zur Herabstufung des langfristigen Ratings von "A-" auf "BBB+" am 17. September 2020 war nur das langfristige Rating "A-" bekannt, so Everling. Nur ein halbes Jahr später, am 15. März 2021, stellte die BaFin den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens über die Greensill Bank.

Pikant dabei ist, dass der Aufsichtsratsvorsitzende der Greensill Bank, Maurice Thompson, auch an der Ratingagentur beteiligt war. Neben seiner Beteiligung an der Scope SE & Co. KGaA ist er auch in den "Advisory Board" der Ratingagentur eingetreten. Die Kombination beider Ämter habe ihm besondere Einblicke nicht nur bei der Greensill Bank, sondern auch bei der Ratingagentur ermöglicht, folgert Everling.

Auch wenn ein mögliches Zusammenspiel zwischen Bank und Ratingagentur sich nicht auf den ersten Blick erschließen kann, waren andere Kommunen misstrauischer als Gießen. Christian Kirchner vom Finanzportal finanz-szene.de zitiert in einem großen Bericht über Aufstieg und Fall der Greensill-Bank aus einem Kurzgutachten, das eine ihm namentlich bekannte größere deutsche Stadt beim Schweizer Analysehaus "Independent Credit View" in Auftrag gegeben hatte. Und das fällt bereits im Sommer 2019 über Greensill das Urteil "BB-", also Ramschniveau. Im schriftlichen Urteil ist von einem "extrem einseitigen Geschäftsmodell" die Rede und davon, dass die Greensill Bank ein mutmaßlich "höheres Risikoprofil" aufweise, als es die offiziellen Ratingberichte aussagen. Die Schweizer Analysten hatten ihr Verdikt auf Basis des Geschäfts- und des Offenlegungsberichts 2018 gefällt - mehr als ein Jahr bevor Gießen die ersten fünf Millionen nach Bremen überwiesen hat.

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