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Angst ernst nehmen und ehrlich sein

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Ein Wandgemälde an der Unterführung in der Alfred-Bock-Straße macht auf das Hilfsangebot aufmerksam. © Mosel

Die Berater des Gießener Kinder- und Jugendtelefons sind seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs stärker gefragt, auch von Eltern und anderen Erziehenden. Wie sie den Anrufern helfen.

Gießen . »Kommt der Krieg auch zu uns? Sind wir sicher? Was kann ich tun?« Diese Fragen hören die Beraterinnen und Berater des Kinder- und Jugendtelefons Gießen vom Trägerverein Eltern helfen Eltern seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine immer häufiger. Antworten zu finden, fällt ihnen nicht leicht in einer Zeit gesamtgesellschaftlicher Verunsicherung, einfache Lösungsvorschläge gibt es nicht. Auch Eltern und andere Erziehende wenden sich besorgt an das Elterntelefon, weil sie an der Aufgabe verzweifeln, ihren Kindern zu erklären, was niemand wirklich verstehen kann. Im Fernsehen und in den Sozialen Medien werden sie mit brutalen Bildern und Videos konfrontiert, viele haben Angst und es entstehen Vorurteile. Bei der »Nummer gegen Kummer« werden diese Ängste aufgegriffen.

Ideen für Entlastung

»Zu sagen ›du bist ja eh zu klein dafür, das geht dich nichts an‹, ist nicht hilfreich, weil sie kriegen es mit und haben Fragen dazu, und das ist ja auch ihr gutes Recht. Sie verarbeiten Dinge aber eben nochmal anders als wir Erwachsenen«, verdeutlicht Kristina Lehfeldt, Leiterin des Kinder- und Jugendtelefons, im Gespräch mit dem Anzeiger. Grundsätzlich sei es sinnvoll, darauf zu achten, alle Fragen zwar ehrlich zu beantworten, aber auch nicht mehr Informationen als nötig zu geben, um zusätzliche Verunsicherung zu vermeiden. Auch Zeitlimits und »Nachrichtenpausen« seien wichtig. Zusätzlich könne es die Kinder entlasten, wenn sie das Gefühl bekommen, etwas zu tun und zu helfen. Gemeinsam Hilfspakete zu verschicken, mit Geflüchteten in Kontakt zu treten oder auch ein Friedens-Zeichen zu basteln und aufzuhängen sind Ideen, die die Berater den jungen Menschen in solchen Gesprächen mitgeben.

Auch wenn Kinder und Jugendliche Gefühle direkter Bedrohung äußern und Angst davor haben, dass der Krieg auch zu ihnen kommt, empfiehlt Lehfeldt, den Kindern mit Ehrlichkeit zu begegnen: »Sowas zu sagen wie ›Ach, passiert sowieso nicht‹ ist immer schwierig, weil man weiß es ja nicht. Man muss also auf der einen Seite ehrlich sein, aber eben auch keine Angst machen, sondern stattdessen sagen ›Hey, wir wissen nicht, was passiert, und deswegen schauen wir einfach jeden Tag, informieren uns, halten da die Augen offen und verlieren aber auch nicht den Mut und die Hoffnung, dass das auf jeden Fall auch wieder besser wird‹.«

Konkrete Lösungen stehen nicht im Fokus der Arbeit der Berater. Es geht vielmehr darum, ein offenes Ohr zu haben und gemeinsam mit den Ratsuchenden Strategien zu entwickeln, mit ihren Sorgen besser umgehen zu können. Diese können ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem welche Emotionen für die Anrufer gerade im Vordergrund stehen oder was sie am meisten belastet. Die Helfer schaffen durch Informationsvermittlung und der Normalisierung von Gefühlen Transparenz. Wichtig sei dabei, die teilweise noch sehr jungen Ratsuchenden nicht zu überfordern, geben die Experten zu bedenken. Denn jedes Kind und jeder Jugendliche habe individuelle Grenzen. Die Herausforderung ist es, diese zu erkennen und differenziert zu reagieren.

Getarnte Gefühle

Durch die vielen Unsicherheiten und unterschiedlichen Eindrücke, die vor allem von den Medien vermittelt würden, falle es den Kindern oft schwer, ihre eigenen Gedanken einzuordnen. Erkennbar sei das beispielsweise an den »Alternativen Kontaktversuchen« oder auch »Scherzanrufen«, die seit Beginn des Krieges immer häufiger die Ukraine und Russland als Thema haben. Was als Scherz und »Hereinlegen« getarnt werde, seien oft Gefühle, mit denen die Anrufer noch nicht so gut umgehen oder über die sie nur schwer reden können. Hierbei sei es wichtig, trotzdem unterstützend zu reagieren und die Jugendlichen ernst zu nehmen. Manchmal entstehen aus solchen »Alternativen Kontaktversuchen« dann am Ende doch noch ernste Gespräche.

Obwohl die Berater nach mehrmonatiger Ausbildung und vielen Stunden Praxiserfahrung mit den Problemen, die am Telefon aufkommen, gut vertraut sind, ist es auch für sie eine ungewohnte Situation, so viele Fragen zum Thema Krieg zu hören. Gerade deshalb sei der Austausch zwischen ihnen so wichtig. »Dafür gibt es für die ehrenamtlichen Berater und Beraterinnen Supervisionen und Besprechungstermine«, sagt Kristina Lehfeldt.

»Man überträgt das eigene Wohlbefinden ja auch am Telefon«, erzählt eine Beraterin, die ihren Namen zur Bewahrung der Anonymität des Hilfsangebots nicht veröffentlicht haben möchte. »Da haben wir auf jeden Fall gemerkt, dass wir auch als Erwachsene natürlich mit der Situation irgendwie überfordert sind und es auf jeden Fall eine ganz, ganz neue Situation ist. Und dass es aber auch für uns super wichtig ist, darüber zu sprechen«, ergänzt sie.

Viele Kinder rufen aber auch an, um sich gezielt über den Krieg und die aktuelle Lage zu informieren. Denn mit ihren Eltern könnten sie darüber nur schwer reden. Was, so die Erfahrung der Berater, unter anderem daran liege, dass viele Eltern unsicher seien, welche und wie viele Informationen gut für ihre Kinder seien, so dass sie dem Thema deshalb eher ausweichen.

Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter der kostenfreien Nummer 116 111 montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr und die Online-Beratung rund um die Uhr unter www.nummergegenkummer.de für junge Menschen da. Das Elterntelefon ist montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags bis 19 Uhr, unter 0800 111 0 550 erreichbar. (red)

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