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Anreize schaffen zur Selbstfürsorge

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Der Einfluss sozialer Medien auf das Gesundheitsverhalten ist ebenfalls ein großes Thema des Workshops. Denn dort werde oft ein »verzerrtes Bild« vorgelebt, »das zu Fehlinterpretationen oder unnötiger Selbstoptimierung führt«. Symbolfoto: dpa © Red

Eine neuer Workshop in Gießen geht der Frage nach, wie Jugendliche »mit Gelassenheit und Stärke durch den (Schul)Alltag« kommen. Ausgangspunkt ist das eigene Gesundheitsverhalten.

Gießen . Kitas und Schulen teilweise geschlossen, nur wenig Kontakt zu Freunden, kaum Möglichkeiten, Sport zu treiben, obendrein noch die Sorge um Eltern und Großeltern, krank zu werden, sowie die Ungewissheit, wann endlich wieder Normalität einkehrt - die Corona-Pandemie hat gerade auch von Kindern und Jugendlichen einiges abverlangt. Sie mussten zurückstecken und sich in Verzicht üben. Die »verlorene Zeit« dürfte sich in Relation zu ihren Lebensjahren deutlich länger anfühlen als für Erwachsene. Mit den psychischen und physischen Belastungen möchte sich auch der Resilienzworkshop »Mit Gelassenheit und Stärke durch den (Schul)Alltag« auseinandersetzen, den das Jugendbildungswerk der Stadt Gießen ab 4. Mai erstmals für Jugendliche ab zwölf Jahren anbietet. Ausgangspunkt ist dabei das eigene Gesundheitsverhalten. Stressfaktoren wie wachsender Leistungsdruck und soziale Abhängigkeiten werden ebenso betrachtet wie der Konsum Sozialer Medien und das Bedürfnis, anderen gefallen zu wollen, erklärt die Referentin Anne Rosenkranz-Bach im Interview mit dem Anzeiger. Primär gehe es aber nicht darum aufzuzeigen, »was ›schlecht‹ ist, sondern einen neugierigen und partizipierenden Umgang mit den Themen zu gestalten«.

Erst Corona, jetzt der furchtbare Krieg in der Ukraine: Was macht das mit Kindern und Jugendlichen, die noch mitten in ihrer Entwicklung stecken, wenn im Grunde permanent Ausnahmezustand herrscht?

Die psycho-sozialen Auswirkungen des Krieges und der Pandemie kann ich fachlich nicht fundiert beurteilen, da ich keinem psychologischen Fachberuf angehöre. Aber in meinem direkten Umfeld und der Arbeit mit Kindern stelle ich immer wieder fest, dass Kinder und Jugendliche je nach Alter sehr unterschiedlich und reflektiert mit Krisensituationen umgehen. Gerade Jugendliche verfügen über weitgestreute Informationskanäle. So ist tatsächlich auch die Idee zu dem Workshop entstanden. Ursprünglich sollte die Informationsflut zu Gesundheitsthemen - unter anderem Corona - gesammelt, gefiltert und aufbereitet werden. Um Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, fachlich fundierte von unseriösen Inhalten zu unterscheiden und sich dadurch ihre eigene Meinung bilden zu können.

Inwieweit setzen Kinder und Jugendliche sich anders mit solchen Stresssituationen auseinander als Erwachsene?

Die Mechanismen zur Stressbewältigung sind bei Kindern und Jugendlichen genauso individuell zu betrachten wie bei Erwachsenen. Jeder geht mit dem Erlebten, Stress oder Krisen anders um - je nachdem, wie gefestigt das soziale Umfeld ist und welche Ressourcen zur Verfügung stehen. Generell würde ich aber sagen, dass Kinder und Jugendliche früher um Hilfe bitten, weniger »verkopft« an Dinge herangehen und vor allem mit Freude und Entdeckergeist Neues ausprobieren.

Und diese Fähigkeit ist Erwachsenen abhanden gekommen?

Ihnen fällt es meist schwer, auf ihre Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen und sie gestehen sich meist viel zu spät ein, dass etwas nicht stimmt. Es muss erst ein Symptom wie Kopfschmerz, Schwindel oder Erschöpfung über einen längeren Zeitraum vorliegen. Oft haben sich Erwachsene aufgrund der stetig ansteigenden Anforderungen im Alltag bereits so weit von sich selbst entfernt, dass eine funktionierende Selbstfürsorge nicht mehr möglich ist. Denn der Anfang jedes Wandels ist das Erkennen des eigenen Zustandes. Für Kinder und Jugendlichen ist dieses Erkennen meist einfacher, jedoch muss ihnen die Möglichkeit geboten werden, Bemerktes auch ändern zu können und zu dürfen.

Wie ist denn Ihr Eindruck: Sind die Interessen, aber auch die Ängste und Verunsicherungen der Jugend während der Pandemie ernst genug genommen worden?

Meine ganz persönliche Meinung hierzu ist, dass wir Kinder und Jugendliche generell unterschätzen, ihnen viel zu häufig zu wenig erklären und ihnen keine Plattform geben, ihre Bedürfnisse und Ängste zu benennen.

Mit Ihrem Workshop möchten Sie Wege aufzeigen, mit den derzeitigen Herausforderungen entspannter und sicherer umzugehen. Welchen Ansatz verfolgen Sie dabei?

Der Workshop soll die Teilnehmenden befähigen, Herausforderungen zu erkennen, geeignete Maßnahmen zu deren Bewältigung ergreifen und anwenden zu können. Konkret heißt das bei jedem etwas Anderes. Hauptherausforderungen sind jedoch bereits bei Kindern und Jugendlichen die Verdichtung von Terminen, steigender Leistungsdruck, soziale Abhängigkeit, Status, »Gefallenwollen«, Medienkonsum, die Angst, etwas verpassen zu können und schnelle Veränderungszyklen wie Kriegssituationen oder Pandemien. Diese sich schnell wandelnden äußeren Bedingungen erfordern eine hohe Anpassungsleistung des Einzelnen. Daher ist es wichtig, seine Energiegeber (Ressourcen) und Energieräuber (Stressoren) zu identifizieren und bei Bedarf darauf zu reagieren.

Erörtert werden sollen Strategien zu »gesundheitsförderlichem Verhalten«. Was bedeutet das ganz praktisch?

Strategien zu gesundheitsförderlichem Verhalten umfassen in der Basis immer die Themen Bewegung, Ernährung, Entspannung und Sucht - hier speziell den Medienkonsum. Primär geht es mir nicht darum, Kindern und Jugendlichen aufzuzeigen, was »schlecht« ist, sondern einen neugierigen und partizipierenden Umgang zu gestalten. Bei der Ernährung hieße dies, Spaß und Freude an Nahrungsmitteln zu haben und gleichzeitig einordnen zu können, wie diese auf ihren Körper wirken und welche besonders gut sind, um beispielsweise in der Schule nachmittags kein Mittagstief zu haben. Zudem wird der Einfluss von Sozialen Medien auf das Gesundheitsverhalten ein großes Thema sein. Gerade auf Instagram und ähnlichen Plattformen wird häufig ein verzerrtes, auf Hochglanz poliertes Bild von Gesundheitsthemen vorgelebt, das zu Fehlinterpretationen oder einer unnötigen Selbstoptimierung führt.

Welche Bewegungs- und Ernährungstipps dürfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer denn von Ihnen erwarten?

Diese Frage kann pauschal nur schwer beantwortet werden, da dies sehr stark von den Vorkenntnissen abhängt. Jedoch werden auf jeden Fall verschiedene Tipps zu Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training und Meditation dabei sein, Tipps zum Ein- und Durchschlafen, Bewegungsideen für Körper und Geist. Bei der Ernährung gilt generell, dass alles gegessen werden darf, aber die Menge einiger Nahrungsmittel wie zum Beispiel Süßigkeiten niedriger sein sollte als der Anteil an Obst und Gemüse.

Und warum ist es Ihnen wichtig, darauf einen Schwerpunkt zu legen?

Leider beobachten wir einen zunehmenden Bewegungsmangel sowie steigendes Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Die KIGGS-Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts zeigt, dass knapp jedes fünfte Kind (1,7 Millionen Kinder zwischen 3 und 17 Jahren) in Deutschland an Übergewicht leidet. Die Corona-Pandemie und die damit verbundene Aussetzung des Vereinssportes, der Schließung von Freizeiteinrichtungen, Bädern und Spielplätzen hat diesen Trend vermutlich noch verstärkt. Hinzu kommt: Gerade in Städten wird der natürliche bespielbare Raum zum Klettern, Toben, Balancieren und um Bewegungserfahrungen zu sammeln immer kleiner. Es gibt bereits viele tolle Projekte, die in Kindergärten (»gesundes Frühstück«) oder Grundschulen (»Schule 2000«) sowie auf Bundesebene (»in Form«) diesem Trend entgegenwirken. Aber gerade im Bereich Ernährung stehen Kinder und Jugendliche immer in direkter Abhängigkeit des Gesundheitsverhaltens ihrer Eltern. Der Workshop schafft Anreize, bietet Ideen und Impulse, die Kinder und Jugendliche zur Selbstfürsorge ermächtigen, und Impulse für das Familienleben. Nach dem Motto: »Mama, Papa, ich hab’ gelernt, dass…. - können wir das mal ausprobieren?«

Können Sie ein Beispiel für eine Entspannungsübung geben, die hilft, gelassener mit Problemen fertig zu werden und die eigene Resilienz zu stärken.

Entspannung ist so individuell wie jede Person selbst. Es ist wichtig, für sich eine passende Entspannungsrichtung oder -technik zu finden. Daher betrachten wir in dem Workshop erst einmal alles, was mich stresst und suchen dann nach passenden Ressourcen. Sehr gut visualisierbar und vor allem überall anwendbar ist es, sich bei geschlossenen Augen vorzustellen, dass wir mit unserem Bauch und unserer Atmung die Wellen des Meeres imitieren. Mit jeder Einatmung steigt die Welle an (Bauchdecke hebt sich) und mit jeder Ausatmung sinkt das Wasser wieder. Die Visualisierung wird so lange wiederholt, bis wir eine deutliche Entspannung spüren.

Wie gelingt es, die vermittelten Anregungen und Übungen tatsächlich in den (schulischen) Alltag »zu retten«?

Hier ist es wie bei allem neu Erlerntem: üben und anwenden - am besten zu regelmäßig wiederkehrenden Terminen, zum Beispiel immer vor den Schulstunden und Fächern, die einem nicht besonders gut liegen. Zudem sollten die Schulkamerad*innen mit einbezogen werden, denn im Kollektiv übt es sich besser und die Störfaktoren werden minimiert.

Anmeldungen sind über das Jugendbildungswerk der Stadt Gießen möglich: telefonisch unter 0641/306-2497 oder per E-Mail an jbw@giessen.de. Termine sind jeweils mittwochs am 4., 18. und 25. Mai sowie am 1. Juni von 17 bis 20 Uhr.

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