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»Arbeitsmarkt so gut wie leer«

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Seit Jahren sind Pflegefachkräfte auch in den Gießener Krankenhäusern Mangelware. Auszubildende fehlen ebenfalls. Die Zaug bereitet daher interessierte Migranten auf den Beruf vor.

Gießen. Als sich Corona 2020 rasant im Land ausbreitet, werden Pflegekräfte als Helden verehrt. Einen Moment lang gibt es Applaus für die, die in der ersten Reihe gegen das Virus kämpfen. Dieser Beifall ist längst verklungen. Und er hat nichts daran geändert, dass die, die diesen Beruf ausüben wollen, weniger werden. »Wie viele andere Krankenhäuser haben auch wir im Agaplesion Evangelischen Krankenhaus Mittelhessen ein großes Problem, ausreichend geeignetes Pflegefachpersonal zu gewinnen. Aber nicht nur beim Pflegefachpersonal, auch bei nahezu allen anderen Berufsgruppen im Krankenhaus ist ein weiter zunehmender Fachkräftemangel zu verzeichnen«, informiert Sprecherin Christine Dietrich. Ähnliche Erfahrungen macht man im Seniorenpflegeheim Albert-Osswald-Haus im Tannenweg. »Es ist schwierig, Pflegefachkräfte zu finden. Wir bilden aus, und es kommt nur ganz selten vor, dass jemand nach dem Abschluss nicht bleibt. Abgesehen davon ist es unglaublich schwer, Fachkräfte zu finden«, sagt Leiterin Tanja Ströher.

Eine Antwort auf den Mangel gibt die Zaug mit ihrem Projekt »Integration stärkt Pflege«. Es führt Migranten an den Pflegeberuf heran und bereitet sie auf Ausbildungen in dem Bereich vor. »Die Erfahrungen der letzten drei Jahre sind ausgesprochen positiv. Es findet tatsächlich Integration in Arbeit statt. Ich habe Respekt vor den Teilnehmenden, dem, was sie hier leisten, und dem, was sie dann in den Pflegeeinrichtungen leisten«, erklärt Dr. Klaus-Jürgen Rupp von der Zaug.

Für Ausbildung vorbereiten

Kurze Pause für das Gruppenfoto. Mit ihrem Fachanleiter Martin Gündogdu-Dort positionieren sich Bahra Muhialdin, Madoe Kafni Dakitse-Benissan, Marion Brielmaier und Yuliana Vasileva Nikolaeva rund um das Pflegebett. Die Frauen sind Teilnehmerinnen des aktuellen Kurses »Integration stärkt Pflege«. Zeit für ein, zwei Bilder. Dann wendet sich Gündogdu-Dort, der das Gemeinschaftsprojekt mit Dr. Tatiana Kortovenkova vom Institut für Berufs- und Sozialpädagogik (ibs) betreut, dem aktuellen Thema »Haut« zu.

»Ich bin für praktische und theoretische Pflegeinhalte zuständig. Meine Kollegin macht fachbezogenen Deutschunterricht anhand von Pflegethemen. Unser Unterricht ist nach Möglichkeit verzahnt und so sprachsensibel wie möglich«, berichtet der Fachanleiter. Ziel sei es, die Teilnehmenden für eine Ausbildung in Alten- oder Krankenpflege vorzubereiten. In diesem Kontext biete das Projekt mit Kooperationspartnern auch Praktika in Einrichtungen an. »Wegen sprachlicher Defizite absolvieren die Teilnehmenden meistens die einjährige Ausbildung zum Pflegehelfer. Wir befassen uns hier mit den Inhalten, die am Anfang der Ausbildung stehen, damit Leute im Verständnis bereits gestärkt sind«, so Gündogdu-Dort. Zu den praktischen Inhalten zählten unter anderem die Waschung, die Durchführung von Prophylaxen oder die Mobilisation. Aber auch theoretische Inhalte wie Anatomie und Physiologie stünden auf dem Lehrplan - allerdings immer mit Bezug zu praktischer Pflege. Ausgangspunkt seien jeweils Fallbeispiele im Unterricht. Zwischen sechs Monaten und einem Jahr laufe der Unterricht für die Teilnehmer. Die sich damit für einen Arbeitsmarkt vorbereiten, der derzeit kaum Fachkräfte anzubieten hat.

»Die Veränderungen am Arbeitsmarkt sind natürlich auch bei uns zu merken. Pflegekräfte sind überall gefragt. Dies führt zu mehr Mobilität. Dennoch sind wir froh, einen großen Teil unserer Mitarbeiter über viele Jahrzehnte zu beschäftigen. Gute Arbeitsbedingungen führen dazu, dass viele unserer Mitarbeiter von der Ausbildung bis zum Renteneintritt unserem Hause treu verbunden bleiben«, erläutert Marco Meißner, Personalleiter und Pflegedirektor des »St. Josefs Krankenhaus Balserische Stiftung«.

In den letzten Jahren erlebe das Krankenhaus vermehrt, dass junge Pflegefachkräfte großes Interesse an Teilzeitstellen hätten. Meißner: »Hier zeigt sich eine neue Generation, mit veränderten Interessen. Freizeit und Familie werden immer wichtiger. Hierauf haben wir uns eingestellt und bieten in allen Bereichen und Hierarchieebenen Teilzeitbeschäftigungen an.« Allgemein seien Pflegefachkräfte knapp und könnten sich ihren Arbeitsplatz in der Regel aussuchen. In der Regel habe die Einrichtung keine Probleme, ausreichend Auszubildende zu finden. Wenige Plätze seien zum 1. September frei.

»Konkurrenzkampf steigt deutlich«

Der Pflegeberuf zähle zu den wichtigsten und zukunftsbasierten Berufen, doch »immer weniger Menschen möchten diesen Beruf ausüben. Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist so gut wie leer und der Konkurrenzkampf unter den Krankenhäusern steigt deutlich an«, führt Dietrich aus. Die Anforderungen an die Krankenhäuser wüchsen, wogegen die politische Unterstützung bei gleich Null liege. Die Leidtragenden seien am Ende nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Patienten. Dietrich: »Vermutlich wird jeder von uns im Laufe des Lebens auf medizinische Hilfe angewiesen sein und jeder möchte qualifiziert behandelt und gepflegt werden. Mit dem aktuell am Limit stehenden Gesundheitssystem spitzt sich die Situation in den Krankenhäusern immer weiter zu.« Das EV wünscht sich, dass der Beruf wieder attraktiver und lohnender werde, was allerdings nicht nur in der Hand der Krankenhäuser liege. »Darüber hinaus ist ein enormer Wandel im Bewerbungsmanagement/Recruiting zu verzeichnen. Wo sich früher noch Bewerber eigeninitiativ bewerben und beweisen mussten, ist es nun der Arbeitgeber, der alles dafür tun muss, um Bewerber für sich zu gewinnen.«

Auszubildende in der Pflege habe man bislang glücklicherweise immer ausreichend vom Haus überzeugen können. Dies könne in der Zukunft allerdings auch bedenklich werden. »Wir ermöglichen unseren jungen Mitarbeitern eine qualifizierte Ausbildung, die sie mit gutem Erfolg abschließen können und die ihnen anschließend gute Übernahme- und Karrieremöglichkeiten in unserem Haus ermöglicht. Denn wir setzen im EV vor allem auf Fach- und Führungskräfte aus den eigenen Reihen.« Wie die beiden Krankenhäuser baut auch das Albert-Osswald Haus in erster Linie auf die Ausbildung.

»Die Situation in Kliniken und in den stationären Pflegeeinrichtungen ist grundsätzlich äußerst problematisch. Wir haben grundsätzlich ein Mengenproblem im Personalbereich«, macht Uwe Seibel, Geschäftsführer im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe, DBfK Südwest, deutlich. Eindrücklich belegt habe das die sogenannte »Rothgang Studie«. Sie hat in den Pflegeeinrichtungen Personalmängel nachgewiesen. »Für den Krankenhausbereich gab es seit Abschaffung der Pflegepersonalregelung in den 90er Jahren einen weiteren Stellenabbau. Auch hierzu gibt es interessante Berechnungen, die heute einen bundesweiten Mangel von 50 000 bis 100 000 Pflegefachpersonen berechnen. Dass da jeder krankheitsbedingte Ausfall zum Versorgungsproblem wird, ist klar«, so Seibel.

»Industriefirmen tun das auch«

Um die Situation grundsätzlich zu verbessern, müsse akut für mehr Personal per gesetzlichen Vorgaben gesorgt werden, so wie »das jetzt in den stationären Einrichtungen und hoffentlich bald auch im Klinikbereich der Fall ist. Dann hat man zwar noch nicht unbedingt die Personen, die man einstellen kann, aber die Leistungsträger und die Leistungserbringer können sich dann auch nicht mehr so einfach aus der Affäre ziehen«.

Desweiteren müsse alles dafür getan werden, möglichst viele junge Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen. Es sei geradezu dramatisch, dass es an hessischen Hochschulen so wenige Pflegestudierende gebe. Hier müssten die Träger von Kliniken und stationären Einrichtungen Ideen entwickeln, wie sie mit einem neuen Personalmix umgehen und dann auch an den Schulen für ihre Unternehmen werben, quasi schon vor der Ausbildung und dem Studium. »Die großen Industriefirmen tun das auch und sind damit erfolgreich«, resümiert der Geschäftsführer.

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