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»Auch in Deutschland nicht sicher«

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Rund 600 Teilnehmer gedenken bei einem Mahngang der Opfer des Anschlags am 19. Februar 2020 in Hanau. © Wißner

Rund 600 Teilnehmer gedenken in Gießen der Opfer des rassistischen Anschlags am 19. Februar 2020 in Hanau.

Gießen. In manchem Gesicht ist die Kälte am Samstagnachmittag förmlich zu lesen. Frische Böen pfeifen über den Berliner Platz, während auch der eine oder andere Regentropfen fällt. Doch die rund 600 Demonstranten harren aus in ihrem Gedenken. »Dieser Tag gehört nicht Corona. Dieser Tag gehört auch nicht dem Protest gegen Corona-Maßnahmen. Dieser Tag gehört den Opfern des rassistischen Anschlags in Hanau am 19. Februar 2020«, sagt Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher. Er ist einer von zahlreichen Rednern der Veranstaltung des Bündnisses »Hanaugedenken«. Es besteht aus DGB Jugend Mittelhessen, DGB Kreisverband, Parteijugenden, Gewerkschaften, Kulturvereinen, Initiativen für Geflüchtete, Religionsgemeinschaften, Studierendenverbänden sowie antifaschistischen Gruppen.

»Last mit Händen zu greifen«

Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov: Die Namen der Opfer des rassistischen Attentäters, der später seine Mutter und sich selbst erschoss, sind auf dem Berliner Platz überall präsent. »Der Tag gehört denen, deren Namen wir hier nennen und auf dem Transparent zeigen. Er gehört denen, die ermordet wurden«, betont Becher. Es sei auch der Tag der Familien und Freunde der Opfer, und »wir sind hier, um das unmissverständlich auszudrücken«, hebt der Oberbürgermeister hervor. Als Abgeordneter des hessischen Landtags habe er vor einem Jahr an einer Gedenkstunde teilgenommen, zu der Angehörigen der Opfer eingeladen gewesen seien. »Im Plenarsaal war die Last mit den Händen zu greifen, die den Familien und Freunden der Opfer auf die Schultern gelegt worden ist. Damit verbindet sich die Aufgabe für uns alle, zu helfen, diese Last zu tragen«, so der OB. Deshalb gedenke man der Opfer in Gießen wie an so vielen anderen Stellen im Land. »Dazu muss aber auch gehören, dass diese Vorgänge am 19. Februar klar und deutlich aufgearbeitet werden. Die Angehörigen haben ein Recht darauf, dass die Tatumstände vollständig aufgeklärt werden, dass Versäumnisse benannt und Lehren und Konsequenzen daraus gezogen werden«, fordert der Sozialdemokrat. Das sei man den Opfern schuldig, und es gehöre zu einem angemessenen Umgang mit den Familien.

Eine Stadt habe viele Aufgaben und Funktionen. »Eine zentrale Aufgabe ist es durch die Geschichte hindurch immer gewesen, den Bürgern Schutz und Sicherheit zu geben. Weil das an diesem Februartag im Jahr 2020 in Hanau nicht gelungen ist, ist die Stadt tief erschüttert. Wir sind an ihrer Seite und sind es mit ihr, weil wir erkennen müssen, wie viel Rassismus, Hetze und Hass in unserer Gesellschaft lebendig sind«, so der OB. Es gelte zu verstehen, wie rechtsextreme und antidemokratische Haltungen solche Gewalttaten beförderten. »Und wir müssen zusammen mit dem Integrationsbeauftragten der Bundesregierung feststellen, dass der Rechtsextremismus aktuell die größte Gefahr für unsere Demokratie darstellt und dürfen davor die Augen nicht verschließen«, unterstreicht der Politiker.

»Für Angehörige unfassbar«

»Der Terror eines extrem Rechten kostete neun Menschen mit Migrationsgeschichte das Leben«, wendet sich Stadtrat Francesco Arman im Namen des Zentralrats der Sinti und Roma an die Zuhörer. Noch immer sei das Attentat für die Angehörigen unfassbar. »Ihre Trauer und ihr Schmerz werden niemals vergehen«, erklärt Arman. Deshalb sei es so wichtig, Anteilnahme, aber auch Solidarität gegenüber den Angehörigen zum Ausdruck zu bringen. »Unter den Opfern waren auch drei Roma. Noch heute sind Sinti und Roma Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt. In den Herkunftsländern der Familien der Opfer werden noch heute regelmäßige Hetzjagden auf diese Minderheit verübt. Sie werden in Ghettos isoliert und haben nicht die gleichen Zugangsvoraussetzungen zu medizinischer Versorgung, Bildung oder Arbeitsmöglichkeiten«, berichtet Arman. Umso mehr schmerze es, dass die Angehörigen der Opfer nun erleben müssten, dass sie auch in Deutschland nicht sicher seien. Im Namen des Zentralrates spreche er den Angehörigen der Opfer Mitgefühl aus: »Wenn Eure Herzen weinen, weinen auch die unseren.«

Seit zwei Jahren fehlten die neun Opfer in den Leben der Angehörigen, verdeutlicht Simon Beckmann von der Jüdischen Gemeinde Gießen. Man wolle der Opfer gedenken, doch »mir fällt das Gedenken schwer, wenn ich weiß, dass es noch viele Menschen in Deutschland gibt, die das Gedankengut des Täters teilen und verbreiten. Das rechtsextreme Gedankengut hat Deutschland nie verlassen. Das weiß ich als Jude nur zu gut«, unterstreicht Beckmann. Die Kontinuität der rechtsextremen Straftaten lasse nicht ab und »sollte jeden Menschen in diesem Land zutiefst beunruhigen«. Betroffene von diesen Bedrohungen steckten jedoch nicht den Kopf in den Sand. »Sie sind wütend. Gegenüber der Politik, die nicht genug tut gegen vermeintliche Einzeltäter. Wegen mangelnder Aufklärung von rechtsextremen Straftaten und Terrorzellen. Wegen rechter Chatgruppen bei der Polizei und Strukturen in deutschen Geheimdiensten. Dieser Zustand ist ncht hinnehmbar«, so Beckmann.

Weitere Redner des Bündnisses, des AStA der Justus-Liebig-Universität, der Ausländerbeiräte von Stadt und Kreis, des Vereins An.ge.kommen und der »Antifaschistischen Revolutionären Aktion Gießen« wenden sich an die Teilnehmer, die auch ein Mahngang durch die Innenstadt führt.

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