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Auch Militär-Ärzte haben Angst

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Diese Kisten mit medizinischen Materialien, vor denen hier (v.l.) Prof. Werner Seeger, Dr. Lyubomyr Lytvynchuk und Prof. Matus Rehak stehen, gehören zum ersten Spendentransport, der bereits in der Ukraine angekommen sein dürfte. © UKGM

Das Uniklinikum Gießen-Marburg (UKGM) organisiert Hilfstransporte für ukrainische Krankenhäuser, der erste ist bereits aufgebrochen. Die Koordinatoren berichten von dramatischen Verhältnissen.

Gießen . »Für mich war es ein Schock«, erinnert sich Dr. Lyubomyr Lytvynchuk an den Moment, als er vom Angriff der russischen Truppen auf sein Geburtsland Ukraine erfuhr. »Zwei Tage lang war ich zuerst wie blockiert.« Doch diese anfängliche Schockstarre des stellvertretenden Direktors der Augenklinik des Gießener Uniklinikums (UKGM) ist längst in einen unermüdlichen Tatendrang umgeschlagen. Unterstützt von Klinikdirektor Prof. Matus Rehak und vielen weiteren Helfern organisiert und koordiniert Lytvynchuk den Transport von dringend gebrauchten medizinischen Materialien und Geräten. Die erste Hilfslieferung ist am Freitag in Richtung Lwiw (Lemberg) aufgebrochen, wo ein Militärhospital die weitere Verteilung übernimmt.

Der Arzt hat in der Ukraine studiert und dort auch längere Zeit in Kliniken gearbeitet. Seit kurz nach Kriegsbeginn steht er rund um die Uhr telefonisch und über Social Media-Kanäle mit früheren Kollegen wie auch Militär-Ärzten an verschiedenen Orten in Kontakt. »Daher weiß ich, was wo prioritär benötigt wird.« Genau diese Sachen - von Verbandszeug bis hin zu Spezialausstattungen für Operationen - werden dann zuerst bei Fachfirmen bestellt und spätestens nach zwei Tagen geliefert. Im Falle des ersten Transports waren das kistenweise Materialien für Kopf-, Gesichts- und Augen-OPs, die durch einen Spendenaufruf der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, die das Gebiet der Augenheilkunde vertritt, zusammenkamen.

Häufig komme es in Kriegsgebieten durch herumfliegende Splitter zu Schnittverletzungen rund um die Augen wie etwa am Lid oder durch eingedrungene Fremdkörper, weiß Rehak zu berichten. In manchen Fällen werden dann später auch rekonstruktive Operationen notwendig sein. Schon jetzt seien »Verbrauchsmaterialien für Augen-OPs« in großer Zahl eingepackt worden, wie ebenso zum Beispiel Infusionflaschen oder Schläuche, die bei den oftmals komplizierten Eingriffen am Sehapparat etwa zur Drucküberwachung dienen.

Der zweite Hilfstransport soll gegen Ende dieser Woche aufbrechen. Hierzu wurden auch die Mitarbeiter des Uniklinikums zu Geldspenden aufgerufen, um davon dringend benötigte Dinge anzuschaffen, sei es nun zur medizinischen Versorgung oder um den notleidenden Menschen anderweitig zu helfen. Das UKGM bittet, das Geld auf das Konto der Johanniter-Unfall-Hilfe mit der IBAN DE44 5139 0000 0020 2972 12 zu überweisen, und das unter gleichzeitiger Angabe des Verwendungszwecks »wirfürdieukraine«.

»Der brutale Angriff Putins auf die Ukraine hat auch uns am Uniklinikum erschüttert und im ersten Moment sprachlos gemacht«, sagt der Ärztliche Geschäftsführer Prof. Werner Seeger. Neben dem Sammeln von Spenden »bereiten wir uns vor auf die Versorgung von Kriegsverletzten im Uniklinikum und kümmern uns um kranke Flüchtlinge«.

Bei seinen Telefonaten mit ukrainischen Ärzten erlebt Lytvynchuk immer wieder, unter welch dramatischen Umständen in den dortigen Krankenhäusern derzeit gearbeitet werden muss. »Die Gespräche werden oft mit den Worten beendet ›Ich muss jetzt in den Bunker, weil die Sirene angegangen ist‹«, erzählt er. »Selbst erfahrene Militärärzte haben Angst.« Auch der Mediziner ist sehr um diejenigen aus seiner Verwandtschaft besorgt, die in der Ukraine ausharren, wie ebenso um seine Freunde. »Die Situation kann sich jede Stunde ändern. Auch wegen der russischen Sabotage-Trupps, die unterwegs sind.«

Der Arzt erzählt zudem, dass er schon 2004 und 2014 dabei war, als auf dem Majdan, dem zentralen Platz in Kiew, Hunderttausende Menschen für Freiheit und Demokratie demonstrierten und sich der Gewalt der Machthabenden erwehren mussten. Viele der damaligen Verletzten habe er im Krankenhaus behandelt. Auf den dort gemachten »Erfahrungen bei der Logistik« kann er nun aufbauen.

Die Hilfswelle reißt derweil auch am UKGM nicht ab, was für beide Standorte, Gießen und Marburg, gilt. »Wir bekommen ständig Anrufe von Mitarbeitern, die fragen, wie sie helfen können«, berichtet Pressesprecher Frank Steibli. Beim zweiten Transport gegen Ende dieser Woche sollen unter anderem auch Betten sowie Röntgengeräte und OP-Tische mitgenommen werden, kündigen Lytvynchuk und Rehak an. Den Transport übernimmt wieder ein Logistikunternehmen aus unserer Region, und zwar kostenlos.

Wie Seeger abschließend betont, schließt sich das UKGM der Forderung nach sofortiger Beendigung der Kampfhandlungen, einer Waffenruhe und der Einrichtung von humanitären Korridoren an, »um die Bevölkerung und insbesondere kranke und verletzte Menschen versorgen zu können«.

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