Auch Münzen sollen Glück bringen

Gießen . So mancher Silvesterbrauch, wie etwa das Bleigießen, soll dem Glück auf die Sprünge helfen. Andere vertrauen beim Jahreswechsel und auch sonst lieber auf den Glückspfennig. Wenngleich dieser seit der Umstellung auf Cent und Euro aus den meisten Geldbörsen verschwunden sein dürfte. Wobei der eine oder andere sicherlich noch einen solchen aufgehoben hat.

Münzen gehören aber schon seit jeher zu den beliebtesten Glückssymbolen. Das zeigen auch die Recherchen des Anzeigers in Gießen, die uns zur Volksbank Mittelhessen, zu Münzhändler Jürgen Schwalb, der Antikensammlung der Justus-Liebig-Universität (JLU) und zum Oberhessischen Museum geführt haben.

Wenn jemand nach vielen Jahren sein prallgefülltes Sparschwein »schlachtet«, kommen dabei immer wieder mal alte Ein-Pfennig-Stücke zum Vorschein. Und so ist die kleine kupferfarbene Münze bei der Volksbank Mittelhessen auch heute noch anzutreffen. In der sogenannten Hartgeldstraße in der Zentrale im Schiffenberger Tal werden alle abgegebenen Geldstücke gezählt, damit die Summe auf das Konto des jeweiligen Privat- oder Geschäftskunden überwiesen werden kann. Oder das Geld in Papierrollen verpackt und sortenrein zur Ausgabe am Schalter gelangt. »Pro Minute schafft die Maschine bis zu 3500 Münzen«, erklärt Udo Schindler, Teamleiter der Hauptkasse. »Sensoren erkennen, um welches Geldstück es sich jeweils handelt.« Begleitet von einer ziemlichen Lautstärke werden die Münzen in verschiedene Fächer sortiert. Was die Prüfung nicht besteht, weil es etwa aus Zeiten der Deutschen Mark (DM) stammt oder zu einer ausländischen Währung gehört, landet in einem separaten Fach. Das können auch mal verformte und damit »nicht mehr umlauffähige« Münzen sein. Laut einer Mitarbeiterin der Hartgeldstraße seien DM-Münzen »nicht so empfindlich«, wie es nun die Cent- und Eurostücke sind.

Mit diesem von der Bundesbank vorgeschriebenen Prüf- und Sortierverfahren sei für alle Banken »ein großer Aufwand« verbunden, gibt Hans-Heinrich Bernhardt vom Volksbank-Vorstand zu bedenken. Zumal die Münzmengen aus dem gesamten Geschäftsbereich des mittelhessischen Kreditinstituts stammen. Und schwer sind sie erst recht: So wiegt etwa ein voller Bundesbank-Container mit Ein-Cent-Stücken ganze 635 Kilogramm. Die in einer weiteren Maschine säuberlich in Papier verpackten Geldrollen werden, so Schindler, zumeist von Geschäftsleuten abgeholt, um ihren Kunden das jeweils passende Kleingeld rausgeben zu können. Und da werden Ein-Cent-Stücke natürlich besonders häufig gebraucht.

Im Ladengeschäft von Münzhändler Jürgen Schwalb an der Ecke Südanlage/Bleichstraße sind unter anderem einst auch als Werbegeschenke genutzte Ein-Pfennig-Stücke mit zusätzlichen kleinen, aufgeklebten Glückssymbolen zu finden. Dabei darf das silberne Glücksschwein nicht fehlen, wie ebenso der Glückskäfer mit seinem roten, mit schwarzen Pünktchen versehenen Rückenpanzer. Der dritte Pfennig ist mit einer kleinen grauen Maus verziert, was sinnbildlich vermutlich für die »Mäuse«, also das Geld, auf das man hofft, steht. Für Schwalb hätte es solcher Verzierungen aber gar nicht gebraucht.

»Sobald jemand einen Bezug zu etwas herstellt, ist es ein Glücksbringer«, sagt er. Für ihn persönlich ist das beispielsweise die amerikanische Ein-Cent-Münze, die er im Alter von sechs Jahren beim Spielen fand. »Beim näheren Betrachten entdeckte ich, dass es sich um ein Stück aus dem Jahr 1961 handelte, meinem Geburtsjahr«, schreibt er auch auf der Homepage seines Ladens. Dieser Zufallsfund weckte bei ihm das Interesse am Sammeln von Münzen.

Als ein weiteres Geldstück, das viele als Glücksbringer beziehungsweise Talisman ansähen, nennt Schwalb den »Heiermann«, wie das bis zur Euro-Einführung gern genutzte Fünf-DM-Stück bezeichnet wird, das allein schon durch seine Größe herausragt. Auch dieses dürfte wohl noch immer in so einigen Geldbörsen vorhanden sein. Ein eher ungewöhnlicher Brauch, von dem der Händler ebenfalls zu berichten weiß, ist das in England beliebte Einbacken eines Geldstücks in den traditionellen Plumpudding. Eine kuchenartige, süße Speise, die vor allem in der Weihnachtszeit häufig auf den Tisch kommt. »Wer das Geldstück findet, soll Glück für ein ganzes Jahr haben«, beschreibt Schwalb die Idee dahinter.

Was Aberglaube angeht, war dieser zur Zeit der Römer noch weitaus verbreiteter als heute. Einen sichtbaren Beleg hierfür bietet ein auf das Jahr 97 nach Christus datierter römischer Silberdenar des Kaisers Nerva, der zur Antikensammlung der JLU gehört. Während auf der Vorderseite ein Porträt des Kaisers abgebildet ist, ziert die Rückseite die Göttin Fortuna, mit einem Füllhorn in der linken Hand und einem Steuerruder in der rechten. »Fortuna ist die römische Göttin des Schicksals. Darunter fallen das Glück beziehungsweise der glückliche Zufall. Ebenso kann sie aber auch das Gegenteil, das Unglück beziehungsweise das unbeständige wechselhafte Schicksal verkörpern«, erklärt Dr. Michaela Stark.

Laut der Kustodin der Antikensammlung leitet sich die römische Personifikation von der griechischen Göttin Tyche ab. »In Rom wurde Fortuna seit republikanischer Zeit kultisch verehrt. Die Göttin hatte verschiedene Zuständigkeiten, sie war Schützerin von Einzelpersonen, Familien, aber auch bestimmten sozialen Gruppen.« Darstellungen Fortunas erscheinen auf Amuletten und Gemmen, seien aber auch in der Münzprägung beliebt.

»Vor allem seit augusteischer Zeit gewann die Göttin an politischer Bedeutung und wurde auch Teil der Herrscherrepräsentation in Kult und in der Kunst. In der Kaiserzeit nimmt sie die Rolle eines glückverheißenden Zeichens für die Herrschaft des jeweiligen Regenten ein«, erläutert die Wissenschaftlerin. Die verschiedenen Facetten der Wirkungsbereiche der Göttin zeigen sich auch in den Beinamen: Fortuna Redux sorgt für die glückliche Rückkehr, Fortuna Victrix steht für den militärischen Erfolg in der Schlacht, Fortuna Populi Romani ist für das römische Volk zuständig und Fortuna Augusti (die hier auf der Münze der Sammlung abgebildet ist) wird dem Glück und Erfolg des Kaisers und seiner Herrschaft zugeordnet, zählt Stark auf.

Dass selbst der Besitz vieler Münzen nicht automatisch Glück bedeuten muss, zeigt sich an acht Goldstücken, die im Oberhessischen Museum zu besichtigen sind. Wie der wissenschaftliche Mitarbeiter Mario Jorge Alves zu berichten weiß, wurden diese 1951 bei Erdarbeiten für den Bau des Hauses Seltersweg 3 entdeckt - zusammen mit mehreren Skeletten. »Man ging damals noch von Opfern der Bombenangriffe aus, doch überraschenderweise waren die menschlichen Überreste älteren Datums«, schildert er.

Wer aber waren diese Personen, und aus welcher Zeit stammen sie? Der Fundort gab den entscheidenden Hinweis, denn dieser lag auf dem ehemaligen Bestattungsplatz des alten Hospitals. »Doch nicht der Fund der Skelette war das Erstaunliche, sondern vielmehr, was bei diesen gefunden wurde«, betont Alves. Im Brustraum eines der Skelette war nämlich ein kleiner Schatz verborgen: »Ganze zehn Goldmünzen kamen zum Vorschein, die aufgrund von Stoffresten möglicherweise einmal in einem Mantel eingenäht waren.« Neben Goldgulden aus dem 14. und 15. Jahrhundert gehört dazu auch ein Dukat der Königin Maria von Ungarn aus den Prägejahren 1382 bis 1385.

Die vom Alter her jüngste Münze ließ als Todeszeitpunkt des Mannes das erste Viertel des 15. Jahrhunderts vermuten. »Zu jener Zeit wurden aber in Gießen noch keine Gulden geprägt und es waren viel kleinere Summen im täglichen Umlauf. Das lässt darauf schließen, dass der Verstorbene ein Durchreisender war, dem die Münzen wohl kein Glück gebracht haben und dessen letzte Reise in Gießen ihr Ende fand«, erläutert Alves. Eine der ursprünglich zehn Münzen ist inzwischen verschollen, eine weitere befindet sich im Privatbesitz. Die acht übrigen sollten jedoch allein schon einen Museumsbesuch lohnen, erst recht bei dieser mysteriösen Vorgeschichte.

giloka_3112_silvester_gl_4c_4

Rubriklistenbild: © Red

Das könnte Sie auch interessieren