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Auf der langen Strecke

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Die Ich-Erzählerin im Roman von Isabel Bogdan versucht, ihrem Trauerschmerz davonzulaufen. © dpa

Gießen. Manche Ereignisse sorgen für tiefe, schmerzhafte Wunden. Aber auch wenn es sich zunächst nicht so anfühlen mag: Irgendwann verheilen diese Wunden wieder und zurück bleibt nur noch eine Narbe. Zumindest dann, wenn man sie nicht immer wieder aufs Neue aufreißt. So beschreibt die Romanautorin Isabel Bogdan das, was ihrer Ich-Erzählerin im Roman »Laufen« widerfährt.

Am Mittwochabend stellte die Hamburgerin das Buch beim Literarischen Zentrum Gießen (LZG) vor.

Es war die erste Leseveranstaltung des Kulturvereins nach langer Zeit, bei der wieder komplette Stuhlreihen aufgestellt und mit Publikum besetzt werden konnten, freute sich LZG-Moderatorin Christina Hohenemser bei ihrer Begrüßung. Und der Besuch dieses ausverkauften Abends hat sich gelohnt. Bogdans Roman besticht durch sprachliche Finesse, eine Vielzahl von klugen Metaphern und eine spannende Komposition, mit der sie ein existenzielles, düsteres Thema umkreist. Gerade wurde das Buch vom ZDF mit der bekannten Schauspielerin Anna Schudt in der Hauptrolle verfilmt (Sendetermin steht noch nicht fest).

»Laufen« erzählt von Orchestermusikerin Juliane, die ihren langjährigen Partner durch dessen Suizid verloren hat. Der an Depressionen erkrankte Johann litt zuletzt wieder an schweren Schüben, wie sie erst nach seinem Tod erkannte, und damit zu spät. Nach diesem Schicksalsschlag versucht sich die Mittvierzigerin wieder mühsam ins Leben zurückzukämpfen - und schnürt dazu die Laufschuhe. So gibt das regelmäßige Joggen durch Hamburg dem Buch den Rhythmus vor. Das gleichmäßige Ein- und Ausatmen, die Beobachtungen am Wegesrand, die Gedanken, die ihr beim körperlichen Verausgaben unkontrolliert ins Hirn kriechen. All das mischt sich in einem inneren Monolog mit Rückblenden auf ihr Leben, das nach dem tragischen Todesfall neu sortiert werden muss.

Wie ist Isabel Bogdan nun zu diesem schwierigen Thema und der eigenwilligen, originellen Umsetzung gekommen? »Gelaufen bin ich selbst schon immer«, berichtet die 53-Jährige im KiZ. Einen solchen Todesfall hat sie dagegen nicht selbst erleben müssen. Der Romanstoff setzt sich vielmehr aus einer Begebenheit in ihrem weiteren Umfeld und eigenen Recherchen zusammen, zu denen vor allem Gespräche mit einer Therapeutin gehörten. »Von einer Trennung zu erzählen, reichte mir nicht«, erzählt die Schriftstellerin im Gespräch mit Christina Hohenemser. »Ich wollte ein existenzielleres Thema wählen.« Auch wenn sie beim Schreiben »Angst bekam«, ob sie dem heiklen Stoff gewachsen sein würde.

Dem alten Leben davonlaufen

Der Roman beschreibt motivisch die Entwicklung der Ich-Erzählerin und ihren Schwierigkeiten, sich innerlich vom Schmerz zu befreien. So sind die Kapitel nach Monaten gegliedert und umfassen den Zeitraum von etwa einem Jahr, in dem diese Ablösung schließlich beginnt und die Wunde sich mehr und mehr schließt. Denn in diesem Jahr muss sie all das einmal alleine absolvieren, was sie zuvor als mit sich und der Welt zufriedener Teil eines Paares erlebt hat.

Dazu wählte die Autorin einen temporeichen und abgehackten Sprachrhythmus. Er bildet den Takt ab, in dem die Hobbyläuferin Juliane ihre Runden dreht. Wie ist das gelungen?, fragt die Moderatorin. »Indem ich viele Kommas und wenige Punkte gesetzt habe«, lautet Bogdans Antwort. Zugleich sei es eine enorme »Bastelarbeit« gewesen, die Rückblicke in die richtige Ordnung zu bekommen.

Doch der literarische Aufwand hat sich gelohnt. Die Lesung im KiZ bietet einen intensiven Eindruck von der Lektüre, von der sich viele Besucher im anschließenden Gespräch beeindruckt zeigen. Und nicht nur sie: »Ich habe zahlreiche Briefe von Lesern bekommen, die ein solches Schicksal selbst erlebt hatten«, erzählt Isabel Bogdan. Ist ihr Roman also vielleicht ein Trauerbuch? »Das würde ich nicht sagen. Für mich ist es eher ein Trostbuch.« Und eine eindrückliche Studie darüber, wie sich der Schmerz über den menschlichen Verlust am Ende überwinden lässt.

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