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»Auf die Lehrkraft kommt es an«

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Von: Benjamin Lemper

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Laut IQB-Bildungstrend gibt es bei Viertklässlern einige Defizite in Mathe, im Lesen, Zuhören und in Orthografie. Symbolfoto: dpa © Red

Der IQB-Bildungstrend attestiert Viertklässlern erhebliche Defizite in Mathe und Deutsch. Dr. Thomas Bürger von der JLU in Gießen versucht, das schlechte Abschneiden einzuordnen.

Gießen. Das Fazit fällt eindeutig und ernüchternd aus: »Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends sind besorgniserregend. Die negativen Trends sind erheblich und der Anteil der Viertklässler:innen, die nicht einmal die Mindeststandards erreichen, ist zu hoch.« Ermittelt worden waren in allen Bundesländern die Kompetenzen in den Fächern Deutsch und Mathematik, erhoben zwischen April und August 2021. Abgebildet wird damit also der Leistungsstand nach den flächendeckenden Schulschließungen während der Corona-Pandemie. Dr. Thomas Bürger, Oberstudienrat im Hochschuldienst und seit 2005 an der Justus-Liebig-Universität im Bereich Schulpädagogik und Grundschuldidaktik tätig, versucht im Interview mit dem Anzeiger, das schlechte Abschneiden einzuordnen.

Laut IQB-Bildungstrend können Viertklässler immer schlechter lesen, schreiben und rechnen. Inwieweit hat Sie das überrascht?

Als die PISA-Studie im Jahr 2000 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, haben mich die katastrophalen Ergebnisse überrascht. Tatsächlich weiß ich noch heute, wo ich war und wer mir damals vom schlechten Abschneiden Deutschlands im internationalen Vergleich erzählt hat. Das hat die gesamte Bildungslandschaft tief erschüttert. Später wurde das dann als »PISA-Schock« beschrieben. Dieser Schock hat die Forschung in der Schulpädagogik sowie die Bildungspolitik nachhaltig beeinflusst. Ich denke, dass die aktuellen Ergebnisse nicht mehr jene Aufmerksamkeit erhalten.

Bereiten Ihnen die Ergebnisse trotzdem Sorgen?

Die Frage ist, ob die Ergebnisse das »einmalige« Ereignis der Pandemie abbilden oder als Trend beschrieben werden müssen - je nachdem fällt meine Besorgnis aus. Sollte sich herausstellen, dass dies sozusagen Pandemie-bedingt war, dann ist das zähneknirschend hinzunehmen. Sollte sich zeigen, dass sich dieser Trend weiter fortsetzt, deutet dies unter Umständen auf tiefgreifende Veränderungen in der Lern- und Leistungsfähigkeit unserer Kinder hin.

Liegt das schlechte Abschneiden denn nun eher an den Schülern, an den Lehrern, an deren Ausbildung in Studium und Referendariat, an den Eltern oder an der Politik?

Bei John Hattie, dem australischen Bildungsforscher, haben wir gelernt, dass sich eine Schulleistung aus vielen Faktoren zusammensetzt. Circa 50 Prozent lassen sich auf das Kind, seine Motivation, Intelligenz u.s.w. zurückführen. 20 Prozent tragen die Eltern, die Freunde und das Wohngebiet bei. Annähernd 30 Prozent hängen mit der Lehrperson und dem Unterricht, also den Inhalten und Methoden zusammen. Einen einzelnen Faktor herauszuheben, wäre zu kurz gegriffen. Aber, um Hattie zu zitieren: »Es kommt auf die Lehrkraft an.«

Stimmen denn auch die Rahmenbedingungen?

Spätestens seit PISA ist viel unternommen worden, um gute Bildungsergebnisse zu erzielen. Zum Beispiel hat Hessen in vielen Kindertagesstätten die Frühförderung installiert. Viele Grundschulen haben auf Ganztagsbetrieb umgestellt. Man hat die Bildungsstandards eingeführt, die den Lehrerinnen und Lehrern vor Ort die Möglichkeit geben, die Lernausgangslagen der Kinder besser zu berücksichtigen, und hat die Schulen in ihrer Selbstständigkeit unterstützt. Mittlerweile finden sich an vielen Schulen Smartboards, wodurch die Digitalisierung im Klassenzimmer Einzug hält. Und schließlich wurde die Lehrer*innenbildung durch die Einrichtung von Modulen an die internationalen Standards angepasst.

Das hessische Kultusministerium begründet die Resultate nun vor allem mit den Corona-Auswirkungen und den Schulschließungen. Reicht das als Erklärung?

Wenn die aktuellen schlechten Ergebnisse der Pandemie geschuldet sind, ist das tragisch. Diese »Pandemie-Generation« braucht dann unbedingt weitere Unterstützung von allen Beteiligten. Richtig kritisch wäre es, wenn sich trotz aller Bemühungen ein langfristiger Trend abzeichnen würde. Dies würde darauf hindeuten, dass die Anstrengungen der vergangenen zwei Jahrzehnte nicht ausreichend waren. Allerdings genügt es nicht, die Pandemie als einzige Ursache festzuschreiben. Wäre das der Fall, gäbe es nicht solch gewaltige Unterschiede zwischen den Bundesländern.

Welche Ursachen identifizieren Sie denn sonst noch für den Negativtrend?

Ein befreundeter Schulpsychologe würde jetzt die Digitalisierung der Lebenswelt ins Spiel bringen. Je nach sozialem Umfeld haben Kinder schon früh Zugriff auf Fernsehen, Internet, Smartphone. Die Nutzung dieser und anderer Medien ermöglicht anregende Unterhaltung ohne große Anstrengung. Zugleich wird wenig Konzentration benötigt, um sich berieseln zu lassen. Momente der Langeweile, die genutzt werden könnten, um kreativ zu werden, sich intrinsisch (Anm. d. Red.: aus eigenem Antrieb) mit etwas intensiv zu befassen, werden vor dem Bildschirm verbracht. Der Griff zur Playstation ist leichter. Umgekehrt erscheint die Notwendigkeit, Lesen zu lernen und kontinuierlich zu üben, sich der Anstrengung zu stellen, Buchstabe für Buchstabe zu entziffern, diese zu Worten zusammenzusetzen und dem Ganzen einen Sinn zu entnehmen, für manche wenig attraktiv.

Welche Rolle spielt der zuletzt häufig beklagte Mangel an Lehrerinnen und Lehrern?

Vielfach fallen Stunden aus, der Unterricht wird von Personen übernommen, die keine abgeschlossene Ausbildung genossen haben. Denn auch das wissen wir aus Studien: Qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer machen gegenüber einer Hilfskraft einen deutlich erkennbaren Unterschied. Ausgebildete und erfahrene Lehrkräfte haben gelernt, die Lernausgangslagen ihrer Schülerinnen und Schüler zu erfassen und einen Unterricht zu planen, der an dieser Ausgangslage ansetzt. Sie können Methoden gezielt anwenden, die erfolgreiches Lernen ermöglicht. Womit wir wieder bei Hattie wären: Auf die Lehrkraft kommt es an!

Gleichzeitig haben sich zuletzt die Abinoten ständig verbessert und es entscheiden sich immer mehr junge Leute für ein Studium. Sind an diese Schüler also noch höhere Ansprüche gestellt worden - oder wie passt das zusammen?

Auch dieses Phänomen beobachten wir schon längere Zeit. Auf der einen Seite finden sich Schülerinnen und Schüler, die sehr gute Leistungen erbringen und eine akademische Ausbildung anstreben. Diese Gruppe ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. Oder um es anders zu sagen: Immer mehr Jugendliche machen Abitur. Auf der anderen Seite gibt es Schülerinnen und Schüler, die nicht einmal mehr die Mindeststandards erfüllen. Diese Gruppe ist in den vergangenen 20 Jahren kleiner geworden. Möglicherweise kehrt sich dieser positive Trend gerade um.

Wie schätzen Sie ganz grundsätzlich die Situation der Viertklässler in Gießen ein?

In Gießen gibt es 13 Grundschulen, auch in den verschiedenen Stadtteilen. Wir dürfen davon ausgehen, dass sich die Situation an all diesen Schulen etwas anders darstellt. Kinder, die von ihren bildungsinteressierten Eltern unterstützt werden, die Freundinnen und Freunde haben, mit denen sie Lektüre austauschen oder gemeinsam in eine Bibliothek gehen, werden wohl besser lesen können als Kinder, die in einem sozialen Umfeld aufwachsen, in dem sie mit geringen finanziellen Mitteln, einer stark auf Mediennutzung ausgelegten Beschäftigung und einer sonst wenig anregenden Umgebung zurechtkommen müssen. Schulen, die sich in einem bildungsaffinen Wohngebiet befinden, können den Bildungswunsch der Kinder stillen und weiter befördern. Schulen, die einem Wohngebiet mit einer eher sozial benachteiligten Klientel zuzuordnen sind, tun sich da sehr viel schwerer, auf die Eltern als Unterstützer zurückzugreifen. Gerade an Schulen mit einer bildungsdistanzierten Klientel braucht es nun jene gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer, um die Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern.

Und was bedeuten die festgestellten Defizite für die Entwicklungsperspektiven der Kinder, wenn nicht gegengesteuert wird?

Schon während der ersten Lockdowns wurde festgestellt, dass Kinder durch die Schulschließungen gefährdet sind. Gerade in Hessen hat man schnell reagiert und entsprechende pädagogische Programme finanziert. Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends zeigen, dass hier offenbar weiterer Bedarf besteht.

Droht eine »abgehängte Generation«?

Als Dozent der JLU besuche ich im Rahmen der studentischen Praktika einmal im Jahr verschiedene Grundschulen in Gießen und Umgebung. Auch in diesem Herbst war ich wieder viel im Landkreis unterwegs. Ich traf auf engagierte Kolleginnen und Kollegen, lernwillige Kinder und Studierende, die sich für den zukünftigen Beruf haben begeistern lassen. Von einer »abgehängten Generation« würde ich noch nicht sprechen wollen. Klar ist, dass alle in der Schule Beteiligten nicht nachlassen dürfen, um Schülerinnen und Schülern die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.

Und welche Lösungsansätze sehen Sie, um die Kompetenzen in Deutsch und Mathe bei den Grundschülern wieder zu verbessern?

Es ist ganz schwer, ja gar nicht möglich, am grünen Tisch Vorschläge zu machen. So funktioniert auch die Lehrer*innenbildung an der JLU nicht. Wir wollen die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer befähigen, am jeweiligen Standort, je nach Wohngebiet, nach Klasse und nach Kind eine pädagogisch sinnvolle und begründete Entscheidung zu fällen. Im Übrigen gehen die allermeisten Pädagoginnen und Pädagogen ihrem Beruf mit großer Freude nach.

Umso frustrierender muss es dann doch sein, wenn sich die schulischen Leistungen trotz dieses Engagements so verschlechtern...

Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends könnten einen da in der Tat entmutigen. Damit ist aber niemandem geholfen. Nicht den Kolleginnen und Kollegen, die besonders in der Pandemie engagiert ihren Job gemacht haben. Nicht den Eltern, die versucht haben, im Lockdown ihre Söhne und Töchter zu unterstützen. Und nicht den Kindern, für welche die soziale Isolation zum Teil eine große psychische Belastung war. Vielmehr bleibt zu hoffen, dass wir keinen erneuten Lockdown erleben und das alle Beteiligten weiter motiviert bleiben, alles Nötige zu tun, damit diese Schülergeneration die entstandenen Nachteile ausgleichen kann. Seite 18

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