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Auf Spurensuche in Tansania

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Manuela Rochholl (rechts) und ihre Marburger Kollegin Dagmar Schweitzer de Palacios zu Besuch bei Jimson Sanga im Museum in Iringa. Foto: Herry Titus Sanga © Herry Titus Sanga

Gießen. Waffen, Schmuck oder Musikinstrumente: Im Archiv des Oberhessischen Museums lagern zahlreiche Objekte, die deutsche Forschungsreisende vor mehr als 100 Jahren von ihren Expeditionen aus Afrika, Asien, Süd- und Nordamerika mit in ihre Heimat gebracht haben. Doch häufig ist nicht viel darüber bekannt, woher diese Gegenstände stammen, welche Geschichten sich mit ihnen verbinden und welche Bedeutung sie für ihre einstigen Besitzer hatten.

Manuela Rochholl, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, hat sich daran gemacht, diese Leerstellen zu füllen.

In einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverlust geförderten Forschungsprojekt hat sie seit 2020 Spuren zusammengetragen, die aus Gießen bis nach Tansania und Kamerun führen. Daraus entstand eine noch bis Januar laufende Ausstellung im Alten Schloss. Und dort stellt sie am heutigen Freitag um 18 Uhr zusammen mit Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch die Ergebnisse ihrer Arbeit vor und gibt Einblicke in den aktuellen Stand der Provenienzforschung.

Bei der Untersuchung der im Bestand des Hauses befindlichen Objekte konzentrierte sich Rochholl auf die Region Ostafrika, die sich das Deutsche Kaiserreich um die Jahrhundertwende als Kolonialgebiet einverleibt hat. »Irgendwo muss man ja anfangen«, lacht sie angesichts der Fülle des im Archiv lagernden Materials, das noch der näheren Untersuchung und Inventarisierung harrt. Also schrieb sie zu ausgesuchten Objekten afrikanische Museen an, suchte nach Ansprechpartnern vor Ort und fand Kollegen in der Stadt Iringa in Zentral-Tansania. Dort widmeten sich die Kooperationspartner fortan der Feldforschung, um mehr über die Gießener Objekte herauszufinden. Sie fuhren übers Land, suchten nach Geschichten und sprachen mit den Menschen vor Ort. Und es kam auch zum interkontinentalen Austausch. Zunächst war eine Gruppe aus Tansania zu Gast im Oberhessischen Museum, im August fuhr Rochholl dann mit einer Marburger Kollegin nach Iringa.

Dort waren das Interesse und die Neugier an dem Thema ebenso groß wie in Mittelhessen, erzählt Rochholl. Forderungen, die Objekte in das afrikanische Herkunftsland zurückzugeben, gab es dagegen »eigentlich nicht«. Es gehe dort wie hier darum, Geschichten zu erzählen, Leerstellen zu füllen, nicht aber, die Objekte in den eigenen Besitz zu bringen. Sollte sich dennoch jemand melden und Ansprüche geltend machen, »dann reagieren wir darauf«, betont Katharina Weick-Joch. Bislang sei dies jedoch nicht der Fall.

Dafür zeigt sich die Museumsleiterin begeistert, wie die gemeinsam mit Marburg initiierte Arbeit zu einem lohnenden Netzwerk geführt hat. Die wissenschaftlich erfassten Gegenstände sollen künftig auch über die eigene Webseite für das Publikum einsehbar sein. Zudem sorge eine gemeinsame Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste dafür, dass sich auch andere Forscher über die Gießener Recherchen informieren können. »Gerade war jemand aus Freiburg hier«, berichtet Weick-Joch, der sich über die Arbeit des Museums informierte und ein ähnliches Projekt plant.

Wichtig ist Manuela Rochholl, dass künftig anders und facettenreicher über die Objekte dieser Kolonialgeschichte erzählt werden kann. »Bislang hatten wir immer nur die deutsche Perspektive«, sagt sie. Das solle sich künftig ändern. Und dazu will sie auch weiterhin selbst beitragen. In ihrer gerade beginnenden Doktorarbeit wird sie das Thema weiter vertiefen.

Manuela Rochholl und Katharina Weick-Joch präsentieren am heutigen Freitag um 18 Uhr Ergebnisse ihrer Arbeit für die Gießener Ethnographische Sammlung im Alten Schloss. Die dazugehörige Sonderausstellung »Zwischen Sammelwut & Forscherdrang - Koloniale Kontexte in Gießen« ist dort noch bis zum 15. Januar zu sehen. Infos unter www.museum.giessen.de.

Um »Kunst von Frauen« geht es bei der nächsten öffentlichen Führung des Oberhessischen Museums am Sonntag, 16. Oktober, um 10 Uhr im Alten Schloss. Frauen war das Studium an Kunstakademien bis 1919 verboten, auch danach war es nur mit Hemmnissen möglich. Viele suchten private Ausbildungsmöglichkeiten, manche schlossen sich in einem Künstlerinnenbund zusammen. Der Rundgang mit Expertin Dagmar Klein spürt den wenigen Werken von Künstlerinnen in der Dauerausstellung nach. (red)

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