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»Auf TikTok isst niemand Wurstbrot«

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Von: Ingo Berghöfer

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Das literarische Duett: Ole Nymoen (links) und Wolfgang M. Schmitt kritisierten im »Jokus« das Influencer-Unwesen, das mittlerweile auch die Politik befallen habe. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Kein Grund zum Lachen: Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt bitten im Gießener Jokus zur »Influencer-Show«. Klar wird dabei, dass die ganze Welt längst zur »Truman-Show« geworden ist.

Gießen. Eigentlich wollen sie ja nur Schadensbegrenzung betreiben, denn das Influencer-Unwesen hat die Menschheit so fest im Griff wie eine Pythonschlange das Warzenschwein. Aber noch ist Abendland nicht verloren, denn wo auch immer Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt ihr Buch »Influencer - Die Ideologie der Werbekörper« präsentieren, sind die Säle rappelvoll, so auch nun im Jokus, das gemeinsam mit dem Jugendbildungswerk zur »Influencer-Show« eingeladen hatte.

Und die beginnt mit einem Ausschnitt aus der »Truman-Show«, einer filmischen Dystopie, in der das Leben des nichtsahnenden Helden und letzten reinen Toren eine einzige Seifenoper ist und seine Welt ein großer »Big Brother«-Container. Und während Truman nichtsahnend den Rasen trimmt, preist die Darstellerin, die seine Gattin mimt, die Produkte der Werbepartner der versteckten Kamera an.

Bonbonbunt banal

Heute, so Nymoen und Schmitt, müsse man nicht mehr eine Welt simulieren. Die ganze Welt sei längst zur »Truman-Show« geworden, zumindest für die Influencer, die mittels Handy und Webcam hunderttausende Follower an ihrem bonbonbunten, aber banalen Alltag teilhaben lassen und dabei noch schnell die neueste Feuchtigkeitscreme anpreisen.

Was als ungelenke Inszenierung von narzisstischen Selbstdarstellern begann, ist längst zu einem globalen Megabusiness geworden. 16,8 Milliarden Dollar, schätzt Schmitt, würden pro Jahr in Influencer-Werbung investiert, weil deren größtes Kapital die Glaubwürdigkeit sei, mit der sich Konsumprodukte am besten an den Mann oder die Frau bringen lassen. In der »Abstiegsgesellschaft« und dem ökonomischen Niedergang der ganzen westlichen Welt werde im Influencer noch ein letztes Mal der angeranzte amerikanische Traum zelebriert, konstatierte Nymoen.

Während der Ruhm klassischer Filmstars noch auf der Aura des Außergewöhnlichen und Unerreichbaren basierte, inszenierten sich die Bibis, Dagis oder Slimanis für ihre Gläubigen, Verzeihung Follower, wie große Geschwister, befand Co-Autor Schmitt. Bei diesen populären Figuren des digitalen Zeitalters, seien Privates und Öffentliches nicht mehr zu trennen.

Die beiden Autoren kritisieren aber nicht nur die unmittelbaren Auswüchse einer platten Spaßgesellschaft. Als ob nicht die Konditionierung der Anhängerschaft auf oberflächliches Konsumstreben, das Verbreiten überholter Geschlechter-Stereotype, die ständige Inszenierung von Mahlzeiten (Schmitt: »Auf TikTok isst niemand ein Wurstbrot.«) und das Propagieren unerreichbarer Schönheitsideale nicht schlimm genug wären. Letzteres habe etwa dazu geführt, dass heute in der westlichen Welt die 18- bis 34-Jährigen mehr Schönheitsoperationen über sich ergehen lassen, als alle älteren Altersgruppen zusammen. Weit gefährlicher aber sei das Einsickern des oberflächlichen Unernstes in die Sphäre des Politischen, glauben die Autoren. So hätten 2019 sogenannte »Greenfluencer« wie Luisa Neubauer oder Charlotte Roche zum Ticket-Preis von 30 Euro aufwärts zu einem »Demokratie-Festival« ins Berliner Olympiastadion eingeladen. 60 000 Menschen sollten sich so das Recht erkaufen, in einem »Petitionsmarathon« an den Bundestag »in Lichtgeschwindigkeit die Welt zu verändern«. Nur Corona habe verhindert, dass 83 Jahre später wieder eine große Revolution im Berliner Olympiastadion gestartet wäre, ätzte Nymoen.

Aber auch die etablierte Politik falle in Zeiten von Insta-gram und TikTok zunehmend der Infantilisierung zum Opfer; ob nun der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Moritz Kuban, in stylischen Sneakern vergeblich versucht, dynamisch zu wirken oder die Fraktionsvorsitzende der bayerischen Grünen, Katharina Schulze, mit angetackertem Dauergrinsen wie ein Duracel-Häschen durch die Fraktionsklausur ihrer Partei hüpft.

Alle diese sich der Jugend anbiedernden Videos würden von der Zielgruppe bestenfalls als peinlich wahrgenommen. Vielleicht, mutmaßte Schmitt, sei die AfD in Sozialen Medien ja deshalb so »wahnsinnig erfolgreich«, weil sie dort zwar höchst demagogische Inhalte verbreite, aber eben noch Inhalte. Lediglich die frühere Bundeskanzlerin habe das große, aber völlig unkritische Potenzial der Influencer für sich zu nutzen verstanden. Angela Merkel habe im Fernsehen nur Anne Will Interviews gegeben, sich im Netz aber regelmäßig von Influencern hofieren lassen, betonte Nymoen.

Alte Rezepte

Besonders gefährlich werde der Blick durch die rosarote Brille der Influencer aber in Kriegszeiten. In den Clips auf Social Media werde der Krieg als großes Event mit der Ukraine als »Avengers« und den Russen als »Orks« inszeniert. »Da haben wir jede Menge emotionale Erregung, aber keine Reflektion«, warnte Schmitt.

Das kulturkritische Fazit der beiden nach der stets kurzweiligen Analyse, »Soziale Medien machen uns nervös und zerstören die Fähigkeit, sich auf längere Texte zu konzentrieren«, dürfte älteren Semestern (die im Jokus aber kaum vertreten waren) indes vertraut vorkommen. Sie haben sich ja bereits mit Manfred Spitzer vor der »digitalen Demenz« gefürchtet und mit Neil Postman zu Tode amüsiert.

Und auch bei den Methoden der Schadensbegrenzung im Umgang mit Sozialen Medien fiel den beiden leider auch nicht viel mehr ein als weiland Bundeskanzler Helmut Schmidt, der die Deutschen vergeblich für einen fernsehfreien Tag begeistern wollte.

Man dürfe sich nicht ganz der Gewalt der Algorithmen unterwerfen, empfahl Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt riet zu einem täglichen Zeitlimit für TikTok und Co. Das könne man ja im Computer voreinstellen.

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