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Aus dem russischen Schatzkästchen

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Eine Klasse für sich: Sopranistin Gloria Rehm. © Sven-Helge Czichy

Dirigent Eraldo Salmieri und das Philharmonische Orchester präsentieren seltene Kostbarkeiten im Stadttheater.

Gießen. Der Dirigent und Belcanto-Spezialist Eraldo Salmieri ist in Gießen immer wieder ein gern gesehener Gast. Zusammen mit dem Philharmonischen Orchester hat er bei seinem jüngsten Auftritt im Sinfoniekonzert am Dienstagabend das Schatzkästchen der russischen Musik geöffnet und einige Kostbarkeiten zu Tage gefördert, die nicht allzu oft in den Konzertsälen zu hören sind. Wie der in jeglicher Hinsicht vielfältige, abwechslungs- und facettenreiche Abend zeigte, gestaltete sich die muntere Entdeckungsreise als lohnendes Konzerterlebnis, denn jedes der aufgeführten Werke hatte es verdient, dem Vergessen entrissen und (wieder-)entdeckt zu werden. Das Publikum dankte mit lebhaftem Beifall.

Das unbestritten bekannteste Stück war die heiter-versonnene Mozartiana-Suite G-Dur op. 61 von Peter Tschaikowsky, für den Mozart das künstlerische Urerlebnis schlechthin bedeutete. In Mozart sah er den höchsten Gipfel der Schönheit und Reinheit in der Musik, und aus dieser Verehrung heraus schuf er seine Mozartiana nach Themen des Meisters, die den Klassiker an manchen Stellen so romantisch klingen lässt, dass man es kaum für möglich hält. Elegant und elanvoll breiteten der inspirierend dirigierende Salmieri und die Musiker das zauberhafte Werk genüsslich aus, und die zum Teil fein gesponnenen Klänge traten in ihrer makellosen, kristallinen Klarheit hervor. Ergreifend schön geriet das Gebet nach der Motette »Ave verum corpus«. In den Variationen über »Unser dummer Pöbel meint«, in denen sich das fröhliche, ohrwurmartige Thema durch veränderte Instrumentierung, Rhythmisierung und melodische Varianten immer wieder neu erfindet, strahlte die Wiedergabe in orchestraler Farbenpracht, wobei Ivan Krastev (Violine) und Anna Dehyle (Klarinette) als Solisten brillierten.

Begonnen hatte der Abend mit dem Konzert für Altsaxofon und Orchester von Alexander Glasunow. Das romantisch schwelgende und von russischen Volksmelodien getragene Werk erklang 1934 zum ersten Mal und verschaffte dem Saxofon damit Zugang zur klassischen Musik. Als Solistin traf Diane Hunger den weichen, spätromantischen Tonfall und ging ganz im betörenden Spiel der Klangfarben auf. Da Glasunow hervorragend zu instrumentieren verstand und daher die spieltechnischen Möglichkeiten des Saxofons sehr wohl kannte, konnte Diane Hunger ihr Instrument wunderschön singen und in den gesanglichen Passagen mit dem Orchesterklang verschmelzen lassen. Gelegenheit, Virtuosität unter Beweis zu stellen, hielt das Werk natürlich auch für sie bereit, und die nutzte sie bravourös.

Als ein besonders reizvolles Stück voll einnehmender Emotionalität erwies sich die Pastorale von Alexander Veprik. Der Komponist gehörte in den 1920er Jahren zu den führenden Musikern der Sowjetunion. Wegen seiner jüdischen Herkunft war er von 1933 an in Deutschland verfemt, bald darauf auch in seiner zunehmend antisemitischen Heimat. Als Künstler traf ihn das bittere Los, dass er so lange gründlich totgeschwiegen wurde, dass ihn heute kaum noch einer kennt. In seiner von einer friedvollen Grundstimmung getragenen Pastorale kam unter Salmieris einfühlsamem Dirigat eine einfallsreiche Musik zum Vorschein, die entfernt an Mahler und Prokofieff erinnert, aber doch eine eigenständige Handschrift aufweist, durch unkonventionelle Klangfarben besticht und abwechselnd verschiedenen Instrumentalisten ermöglicht, sich als Solisten hervorzutun.

Von Reinhold Glière, der sich als Musiker im sowjetischen Stalinismus gut einzurichten wusste, erklang schließlich das Konzert für Koloratursopran und Orchester, das nostalgisch auf Tschaikowsky zurückschaut. Es ist ein furioses Bravourstück, doch es gibt keinen Text, so dass die Sopranistin Gloria Rehm lediglich die Vokalise »a« zu singen hatte. Aber wie sie das machte, das war eine Klasse für sich: ein virtuoser Höhenflug. Gebannt verfolgten das Publikum, wie sich ihr Sopran emporschwang und gleichsam zu schweben schien. Und als der betörende Gesang in walzerseligen Melodientaumel mündete, meinte man gar, zum Himmel aufsteigende Vogelstimmen zu hören.

Vielleicht war es nur ein spaßiger Einfall, ein origineller Witz, dass der Komponist der Sängerin keinen Text gegeben hat und sie nur »a« singen lässt. Vielleicht liegt aber der tiefere Grund dafür in der oft leidvollen Geschichte Russlands, wo es für Künstler immer ratsam und auch förderlicher für das eigene Wohlergehen war, wenn man nicht zu viel sagte. Mit einem bloßen »a« konnte man nirgends anecken.

Die für den heutigen Donnerstag geplante Vorstellung der Oper »Zaira« im Stadttheater Gießen muss aufgrund der pandemischen Lage entfallen. Als Ersatz wird das Schauspiel »Das hündische herz« nach der Erzählung von Michail Bulgakow gezeigt. Die Inszenierung verhandelt Fragen nach dem Unterschied zwischen Mensch und Tier, dem Hang zur Selbstoptimierung und den Gefahren größenwahnsinniger Schöpfungsphantasien. In diesem Fall behalten die Karten ihre Gültigkeit. Andernfalls können sie für eine spätere Vorstellung von »Zaira« oder einen Gutschein eingetauscht werden. Das Stadttheater bittet, sich dafür im Haus der Karten für die heutige Vorstellung abzumelden unter theaterkasse@stadttheater-giessen.de. (red)

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