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»Aus der Not das Beste gemacht«

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»Vorbildcharakter«: 18 Theodor-Litt-Schüler haben im Ahrtal alles erledigt, was zu einer Komplettsanierung gehört. Foto: Zielinski © Zielinski

Ein Jahr nach der Flutkatastrophe leisten Azubis der Theodor-Litt-Schule in Gießen im Ahrtal Wiederaufbauarbeit im Bereich Haustechnik. Sie sind erschüttert vom Bild, das sich ihnen bot.

Gießen . »Sie haben eine unglaubliche Arbeit mit Vorbildcharakter geleistet«, betont Björn Hendrischke. Adressiert ist dieses Lob an 18 Theodor-Litt-Schüler. Die Auszubildenden im dritten Lehrjahr waren gemeinsam mit ihren Lehrern Alexander Günther und Jan-Hendrik Schneider für fünf Tage ins Ahrtal gereist, um den von der Flutkatastrophe betroffenen Menschen vor Ort zu helfen. »In Zeiten, in denen das Interesse am Ehrenamt stark abnimmt, haben Sie gezeigt, was eine engagierte Gruppe alles bewegen kann«, so der Geschäftsführer des Fachverbandes Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik Hessen.

»Und plötzlich war das Wasser da«

Fast ein Jahr ist es inzwischen her, dass ein Jahrhunderthochwasser in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen Spuren der Verwüstung und Zerstörung hinterlassen hat. Es gab etwa 140 Tote und fast 800 Verletzte. »Bei unserem Besuch sah es fast immer noch so aus wie direkt nach der Flutkatastrophe im vergangenen Juli«, berichtet Ralf Rühl von dem Einsatz. Und fügt hinzu: »Ich war erschüttert von dem Bild, das sich uns geboten hat und von den vielen Geschichten, die so in keiner Zeitung gestanden haben.« Der 32-jährige Anlagenmechaniker SKH (Fachrichtung Heizung und Kundendienst) war stolz, selbst eine Baustelle in Ahrweiler geleitet zu haben. »Ein Mann hat mir erzählt, dass er im Keller ein Tröpfeln hörte«, schildert Rühl. Keine 15 Minuten später sei bereits der ganze Keller voll mit Wasser gewesen und er habe sich nur knapp vor dem Ertrinken retten können. »Und plötzlich war das Wasser da«, sei der Satz, der am häufigsten gefallen sei. Dass es nicht immer einfach war, das richtige Material für die jeweilige Baustelle zu finden, verdeutlicht der 24-jährige Henrik Hahner. »Aber wir haben aus der Not das Beste gemacht und konnten alle Arbeiten erfolgreich abschließen.« Das kann Lehrer Jan-Hendrik Schneider nur bestätigen: »Jeden Morgen haben wir uns die Materialien für den Tag im Spendenlager zusammengesucht. Was wir gefunden haben, wurde dann installiert.« Oftmals habe die Suche sehr viel Zeit in Anspruch genommen. »Die Dankbarkeit der Anwohner war allerdings sehr hoch«, freut sich Henrik Hahner. Zumal die wenigsten eine Elementarversicherung abgeschlossen hätten.

»Drei kleine Kinder haben geweint, als es wieder angefangen hat zu regnen«, erinnert sich Maximilian Sterlepper. Ihre Eltern hatten erst einen Tag vor der Katastrophe den Kaufvertrag für ein Haus in Bad Neuenahr unterschrieben. »Sie haben aber nicht nur das Haus, sondern auch ihre bisherige Wohnung verloren«, bedauert der 21-Jährige. Und versichert seien sie ebenfalls nicht gewesen.

Finanzielle Unterstützung

Untergebracht waren die Schüler in einem stillgelegten Altenheim. Dort standen Fünfbettzimmer sowie ein Duschcontainer für sie bereit. Warmes Essen erhielten die Helfer in einer Verpflegungsstation. Von der Installation eines Spülkastens über die Verlegung einer Trinkwasserleitung bis hin zum Einbau von Klimaanlagen reichten die Tätigkeiten der Gießener Berufsschüler. »Wir haben alles gemacht, was zu einer Komplettsanierung im Bereich Haustechnik gehört«, fasst Alexander Günther zusammen. Auch als Gutachter seien sie angefragt worden.

»Arbeitsschutz wurde bei uns großgeschrieben«, betont der Lehrer. So habe es während des fünftägigen Aufenthaltes nur zwei leichte Schnittverletzungen gegeben. Die weiteste Baustelle war 50 Kilometer von der Unterkunft entfernt. Dankbar waren die Helfer für die finanzielle Unterstützung, beispielsweise durch den Fachverband Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik Hessen, aber auch über Material- und Essensspenden. Neben dem Bauhaus Gießen haben die Firmen Ralf Wilhelm (Burkhardsfelden) sowie Fischer (Gießen), Roth (Gießen) und die Möser Service GmbH (Wieseck) die Hilfsaktion gefördert. Frisches Obst stellte das »Herkules Centrum« in Gießen zur Verfügung.

Jan-Hendrik Schneider und Alexander Günther bedanken sich zudem bei den Ausbildungsbetrieben, die ihre Lehrlinge freistellt haben, und dem Schulleiter Michael Brumhard, der das Projekt von Anfang an befürwortete.

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