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Aus der Vitrine in die Kiste

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Die Vitrinenschränke im Wallenfels’schen Haus sind nahezu komplett ausgeräumt, berichtet Katharina Weick-Joch. Wer Interesse an den Möbeln hat, kann sich noch ein paar Tage lang beim Oberhessischen Museum melden. © Gauges

Das Wallenfels’sche Haus wurde jetzt vor dem anstehenden Umbau weitgehend leergeräumt. Dabei bot sich den Museumsmitarbeitern eine günstige Gelegenheit.

Gießen. Die Kisten sind gepackt, die meisten Objekte verstaut, die Schauvitrinen weitgehend leer. Nach dem Leib’schen Haus wird in diesen Tagen auch das Wallenfels’sche Haus am Kirchenplatz komplett geräumt. Bei einem Presserundgang informierte Dr. Katharina Weick-Joch, Leiterin des Oberhessischen Museums, über den Stadt der Dinge und die nächsten Pläne für die beiden altehrwürdigen Museumsgebäude, die wegen des Umbaus voraussichtlich bis Sommer 2025 für Besucher geschlossen bleiben.

Das Projekt bot den Museumsmitarbeitern nun eine große Chance, die gleichzeitig mit einer Menge Arbeit verbunden ist. Es ging darum, die Ausstellungsstücke des Hauses vor ihrem Umzug zu inventarisieren und digital zu erfassen, damit sie künftig irgendwann in einer Datenbank dem Publikum aus der gesamten Welt zur Verfügung stehen können. Dazu bekam das Haus eine Menge externe Unterstützung: Ehrenamtliche Helfer, darunter Studenten der Archäologie, die dafür Tausende Objekte aus dem Bestand des städtischen Museums in die aus Schutzmaßnahmen behandschuhten Hände nehmen. Die einzelnen Stücke werden mit einer vier- bis fünfstelligen Inventarnummer versehen und systematisch erfasst. Dabei geht es etwa um ihren Herkunftsort, um den Zeitpunkt, zu dem sie in die Sammlung übergingen, sowie um die Art ihrer Erwerbung.

Systematisch werden von den Mitarbeitern »dabei 10 bis 15 Felder einer eigens angelegten Liste ausgefüllt«, berichtet Katharina Weick-Joch. Hinzu kommt jeweils ein Foto, eine Farbskala sowie ein Maß, um die jeweilige Größe zu bestimmen. Sind alle Informationen notiert, kann der Gegenstand verpackt und mit einer Nummer versehen werden. Denn ohne dieses Ordnungssystem würden die Objekte allein aufgrund ihrer Vielzahl auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen des Depots verschwinden. »Das finden Sie dann nie mehr wieder«, erklärt die Museumsleiterin.

Tausende Objekte

Dass es in den vergangenen Jahrzehnten allerdings versäumt wurde, eine solche professionelle Inventarisierung vorzunehmen, »hängt uns jetzt wie ein Klotz am Bein«, sagt die Museumsleiterin. Die Arbeit nimmt enorme Ressourcen in Anspruch, viele weitere im Keller lagernde Objekte werden auf Jahre hinaus nicht systematisch zu erfassen sein. »Dazu fehlen uns einfach die Kapazitäten.«

Dennoch sei das Team gut vorangekommen, zeigt sich Weick-Joch zufrieden. Die meisten Bestände wandern in das mittlerweile vollgepackte Museumsdepot, einige Leihgaben wurden ihren Besitzern zurückgegeben. Bleiben noch die zahlreichen, ein wenig in die Jahre gekommenen Vitrinen, für die das Museum künftig keine Verwendung mehr hat. Einige der sperrigen Möbel wurden Heimatmuseen überlassen, die meisten werden aber abgebaut und entsorgt werden müssen. Wer Interesse hat, kann aber noch ein paar Tage lang zugreifen.

So wie Max Brück. Der Künstler verfrachtet dieser Tage ein Dutzend Exemplare in sein Gießener Atelier, um mit ihnen zu arbeiten. Denn er zeigt sich fasziniert von der »Energie« dieser Möbelstücke. «Da steckt Power drin«, sagt Brück, der sich in seinen skulpturalen Installationen mit »Erinnerungskultur und dem gesellschaftlichen Umgang mit kulturellem Erbe« befasst, wie es in einem Katalog zu seiner Arbeit heißt. Was er künftig genau mit den massiven Möbeln anstellen will, weiß er allerdings noch nicht: »«Das muss jetzt erstmal in mir arbeiten.«

Wer Interesse hat: Selbstabholer können wie Max Brück solche Vitrinen kostenlos im Wallenfels’schen Haus erhalten. Rund 100 sind derzeit noch übrig.

Das Museum hat nun noch ein paar Tage Zeit, die letzten Objekte auszuräumen, bis am 1. April, so der Plan, der erste Bauabschnitt beginnt. Dann soll zunächst eine Schadstoffreinigung beginnen, bevor die beiden Museumshäuser grundsaniert, mit neuer Technik, einem Verbindungsgang und schließlich auch einer neuen Ausstellungskonzeption aufwarten.

Die ursprünglich Anfang März am Kirchenplatz geplante Eröffnung der Sonderausstellung »Zeitenwandel. Geschichten um das Leib’sche und das Wallenfels’sche Haus« wurde angesichts des aktuellen Umbaus auf den 15. Mai, den Internationalen Museumstag, verschoben. Sie wird dann im Alten Schloss zu sehen sein.

Eine neue Sonderausstellung wird am Donnerstag, 17. März, um 18 Uhr im Alten Schloss am Brandplatz eröffnet. Im Fokus steht das bekannte Muschenheimer Schwert aus der frühen Eisenzeit, das 1920 in einem Grabhügel gefunden wurde. Spektakulär ist, dass sich Goldreste auf dem Schwert und zudem das sogenannte Ortband erhalten haben. In diesem Grabhügel, der vom Archäologen Paul Helmke mit der Nummer 35 versehen wurde, stießen Forscher auf weitere Grabbeigaben, wie beispielsweise ein Rasiermesser und zahlreiche Keramiken, die in der Ausstellung gezielt kontextualisiert werden. Methoden, mit denen die Funde geborgen, in den Jahrzehnten seit der Entdeckung untersucht und konserviert wurden, veranschaulichen den Umgang mit dem Erbe aus der Eisenzeit. Die Ausstellung läuft bis zum 8. Januar 2023. Der Eintritt ist frei. (red)

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