"Aus heutiger Sicht relativ willkürlich und rätselhaft"

  • schließen

GIESSEN - (hh). Den Titel hatte der Historiker bereits bei seinen eigenen Forschungen zum Warschauer Getto gehört. Deshalb wurde Dr. Markus Roth sofort hellhörig, als David Safier von dem entdeckten "Schatz" berichtete. Und schnell war die Zusammenarbeit zwischen dem stellvertretenden Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und dem Bestsellerautor vereinbart.

Nach dem gemeinsamen Buch und einem Hörspiel wird auch schon über die Verfilmung von "Die Liebe sucht eine Wohnung" nachgedacht.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit zwischen David Safier und der Arbeitsstelle gekommen?

Es gab durch seinen Roman "28 Tage lang", der ja im Warschauer Getto spielt, einen Kontakt zu David Safier. Später hat er dann von diesem Theaterstück erzählt, auf das er bei seinen Recherchen gestoßen ist. Da mir der Titel bekannt war, bin ich gleich hellhörig geworden. Denn ich wusste nicht, dass das Manuskript überliefert ist. Wir sind schnell übereingekommen, gemeinsam etwas daraus zu machen. Zumal die Komödie auch in ihrer Originalfassung in deutscher Übersetzung in jedem Fall publikationswürdig ist.

Das Theaterstück ist im Ringelblum-Archiv überliefert, das bereits wenige Jahre nach dem Krieg wiederentdeckt wurde. Warum ist "Die Liebe sucht eine Wohnung" erst jetzt erschienen?

Ein Inventar des Ringelblum-Archivs ist vor wenigen Jahren auf Polnisch und Englisch publiziert worden. Es umfasst allerdings mehrere hundert Seiten, auf denen ausschließlich die einzelnen Dokumente aufgeführt werden. Wenn man also nicht gezielt nach einer Überlieferung sucht, stößt man nicht unbedingt durch Zufall darauf. Deshalb kann es durchaus sein, dass auch in Zukunft noch ganz vereinzelt solche "Schätze" gefunden werden.

Im Nachwort schreiben Sie, dass die Komödie seit 1942 nicht mehr aufgeführt wurde. Wusste Jerzy Jurandot denn nicht, dass sein Stück die deutschen Zerstörungen in Warschau
überdauert hat?

Es ist unklar, ob er das tatsächlich wusste. Ich denke zwar schon, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg mitbekommen hat, dass Teile des Ringelblum-Archivs geborgen wurden. Dabei handelte es sich aber nur um zwei von drei großen Teilen. Falls er überhaupt Kenntnis davon hatte, dass seine Komödie Bestandteil des Geheimarchivs war. Das Manuskript kann durchaus jemand anderes an Ringelblum und seine Mitstreiter gegeben haben. Jerzy Jurandot hat, ähnlich wie seine Frau, nach dem Krieg praktisch nicht über seine Erfahrungen unter deutscher Besatzung gesprochen. Selbst wenn das Stück also in seinem Besitz gewesen wäre, hätte er es wohl nicht zur Aufführung gebracht.

Verblüffend ist, dass es im Warschauer Getto ein blühendes kulturelles Leben gegeben hat. Warum haben das die deutschen Besatzer erlaubt?

Darüber lässt sich nur spekulieren. Vermutlich aber steckt das Kalkül dahinter, dass sich damit leichter für Ruhe und Ordnung sorgen lässt. Indem man den Gettobewohnern eine Scheinnormalität vorgaukelte, ließ sich die Ausbeutungspolitik und später dann die Mordpolitik leichter decken. Vielleicht war man sich anfangs auch nicht darüber im Klaren, welches Ausmaß das kulturelle Engagement der Eingeschlossenen annehmen wird. Zeitweise erlaubt waren aber etwa das Schulwesen und die Religionsausübung. Später wurde beides wieder verboten. Aus heutiger Sicht scheint das relativ willkürlich und rätselhaft.

Für die Bewohner des Gettos hatten kulturelle Veranstaltungen sicher eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Gab es auch Kritiker an den mitunter lustigen Aufführungen?

Tatsächlich war es für viele äußerst wichtig, dass es Theater, Konzerte oder Lesungen gab, dass Abwechslung geboten wurde und sie gedanklich auch mal aus dem Gettoalltag entfliehen konnten. Auch wenn das nur für die kurze Zeit der Vorführung möglich war. Genauso hilfreich war, dass gerade die Gettorealität künstlerisch verarbeitet dargeboten wurde und dass man auch über manche Erscheinung des Gettos lachen konnte. Gleichzeitig aber war das Kulturangebot heiß umstritten. Einige haben das als Tanz auf einem Friedhof kritisiert und waren der festen Überzeugung, dass sich so etwas nicht gehört. Jurandot trat natürlich dafür ein, dass man für etwas Abwechslung sorgen sollte, um zumindest für einen Moment eine Gegenwelt zu schaffen.

Sein Theaterstück ist nun erstmals in der deutschen Originalfassung in Gießen herausgekommen. Gibt es denn schon Kontakte zum Stadttheater, um die Komödie hier auch erstmals wieder aufzuführen?

Es gibt insofern Kontakt zum Stadttheater, als dass bei der Veranstaltung am 9. Mai zwei Schauspieler eine szenische Lesung machen werden. Dadurch könnte natürlich das Interesse geweckt werden. Die Rechte an dem Theaterstück für den nichtpolnischen Raum liegen bei David Safier, und er bemüht sich schon seit einiger Zeit darum, dass seine Bearbeitung auf die Bühne kommt. Ein Hörspiel hat Radio Bremen bereits produziert und auch an eine Verfilmung wird gedacht. Foto: JLU

Das könnte Sie auch interessieren