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Aus sieben wurden fast 50 000 Mitglieder

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Die farbenfrohe Titelseite der Jubiläumsfestschrift. Grafik: IHK © Red

Gießen . »Des Großherzogs Königliche Hoheit haben durch Allerhöchste Entschließung vom 19. l. M. die Errichtung einer Handelskammer zu Gießen (...) zu genehmigen geruht«: Mit diesen heute etwas gestelzt anmutenden Worten beginnt die Bekanntmachung, mit der am 24. Februar 1872 das Großherzogliche Ministerium des Innern in Darmstadt den Weg für die heutige Industrie- und Handelskammer (IHK) Gießen-Friedberg ebnete.

Weiter ist in dem amtlichen Schriftstück davon die Rede, dass »deren Bezirk die Stadt Gießen bilden« und sie »aus sieben Mitgliedern bestehen soll«. Wer diese Sätze heute liest, könnte sich fragen, ob die damaligen Gründungsmitglieder jemals in ihren kühnsten Träumen erwartet haben, was aus ihrem »Kind« 150 Jahre später einmal werden würde. Nämlich eine Unternehmer-Mitmachorganisation, die mittlerweile fast 50 000 Mitglieder, vom Kleinstbetrieb bis zum Großkonzern, zählt und deren Kammerbezirk neben dem Landkreis Gießen auch die Kreise Vogelsberg und Wetterau umfasst. Wenngleich sich eines nicht geändert hat: Die Zentrale befindet sich auch heute noch in der Universitätsstadt.

Das stolze IHK-Jubiläum wird unter dem Motto »Innovationen gestern - heute - morgen« mit den verschiedensten Aktionen, darunter das Pflanzen von 300 Bäumen in jedem der drei Landkreise, und Vorträgen mehrere Monate lang gefeiert. Der eigentliche Höhepunkt im Jubiläumsjahr steht am kommenden Dienstag, 28. Juni, an: der Festabend in der Gießener Kongresshalle. Dort wird auch erstmals die anlässlich des runden Geburtstags erstellte 128-seitige Festschrift erhältlich sein. Eine komplette Übersicht der Jubiläumsveranstaltungen, die auch in den kommenden Monaten noch weitergehen, findet sich im Internet unter http://ihk150.de .

Doch blicken wir wieder zurück zu den Anfängen: Als eigentliche Geburtsstunde der IHK Gießen-Friedberg gilt der 20. September 1872. An jenem Tag kamen die sieben gewählten Gründungsmitglieder, allesamt Unternehmer, im Gießener Gasthof »Zum Prinzen Carl« zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. Dies waren: Georg Karl Gail, August Heß, Karl Diery, Meyer Homberger, Fritz Koch, Wilhelm Liebrich und Eduard Silbereisen. Vor allem ersterer Name dürfte nicht nur Gießener aufhorchen lassen. Georg Karl Gail, der dann auch zum ersten Kammervorsitzenden gewählt wurde und dieses Amt bis 1874 innehatte, war der Sohn des Tabakfabrikanten Georg Philipp Gail.

Schaut man sich die Gründungsdaten anderer Handelskammern in Deutschland an, war es höchste Zeit, dass sich auch in Gießen dafür Menschen zusammenfanden. So sollen zu jener Zeit bereits in über 110 Orten Interessenverbände dieser Art existiert haben. Vorreiter hierzulande war die Handelskammer Mainz, die schon 1803 aus der Taufe gehoben worden war. Die Idee zu derartigen Zusammenschlüssen von Kaufleuten, Industriellen und wirtschaftlich Interessierten stammte ursprünglich aus Frankreich, wo sich in Marseille bereits 1599 erstmals Gleichgesinnte zu diesem Zweck organisiert hatten.

Bei der Handelskammer Gießen blieb man in der Anfangszeit offenbar lieber unter sich. So wurde die Mitgliederanzahl 1882 von sieben auf gerade mal neun Personen erhöht. Knapp zwei Jahrzehnte später begann dann mit dem neuen Jahrhundert die Ausweitung des Kammerbezirks: Sie wurde auf die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach ausgedehnt, wobei man bei der Erhöhung der Mitgliederzahl, die auf 18 stieg, eher noch zurückhaltend agierte.

Erst das 1903 in Kraft getretene neue Handelskammergesetz führte zu grundlegenden Veränderungen. Durch den verliehenen Status einer öffentlichen Körperschaft erhielt man, wie der IHK-Homepage zu entnehmen ist, das Recht, unter eigenem Namen Vermögensrechte zu erwerben und finanziell Verbindlichkeiten einzugehen. Kein Vergleich zu den mehrere Hundert Gulden, mit denen die Mitglieder in der Anfangszeit haushalten mussten.

Und es kam sogar noch besser: Der Gießener Bürger und Bankier Siegmund Heichelheim spendete 60 000 Mark, womit man auf einem von ihm kostenlos zur Verfügung gestellten Bauplatz in der Lonystraße ein komplett neues Kammergebäude errichtete. Dieses wurde am 20. September 1913 eingeweiht, also auf den Tag genau 41 Jahre nach der konstituierenden Sitzung. Das Gebäude beherbergt auch heute noch Teile der Zentrale der IHK, wurde jedoch um einen großen Nebenbau erweitert. Nächste wichtige Schritte waren die Übernahme (1918) der Oberaufsicht für kaufmännische Fachhochschulen in Gießen, Alsfeld und Lauterbach sowie die Umbenennung (1925) in Industrie- und Handelskammer.

Fusion im Jahr 1999

1934 kam es dann zu einer Zäsur: Sämtliche IHKs wurden im August der Aufsicht des Reichswirtschaftsministers unterstellt, der fortan die jeweiligen Vorsitzenden ernannte, anstatt sie wählen zu lassen. Darüber hinaus wurden die Handelskammern zu Gauwirtschaftskammern zusammengeschlossen, die man aber 1946 wieder auflöste. Ab sofort sollten die IHKs wieder freie Vereinigungen von Gewerbetreibenden sein, mit freiwilliger Mitgliedschaft.

Bis zur Fusion der Industrie- und Handelskammern Gießen und Friedberg - dort hatte man sich 1898 konstituiert - sollte allerdings noch viel Zeit vergehen. Diese erfolgte erst am 1. April 1999. Bereits im März 1920 wäre es fast schon einmal so weit gekommen, damals jedoch hatte die Vollversammlung in Friedberg den aus Gießen stammenden Fusionsvorschlag abgelehnt.

Wer bei der IHK Mitglied ist, kann ein breites Beratungs- und Serviceangebot nutzen, das von A wie Abfallberatung bis Z wie Zoll reicht. Regelmäßig werden außerdem Seminare und Lehrgänge zu den unterschiedlichsten Themen veranstaltet, darunter auch für Existenzgründer. Überdies engagiert man sich bei der Berufsorientierung junger Menschen sowie der Aus- und Weiterbildung. Überhaupt wird das Netzwerken, untereinander wie auch mit Partnern im Ausland, großgeschrieben.

Baustellen-Portal

Einer der Höhepunkte im Kalender ist der »IHK-Unternehmerpreis«, der alljährlich in den Kategorien Industrie, Handel und Dienstleistung sowie Jungunternehmen verliehen wird. Bundesweit auf sich aufmerksam gemacht hat die IHK mit ihrem »Baustellen-Portal«. Einer Online-Plattform, über die sich Unternehmen und Geschäftstreibende über Ausmaß und Dauer von Verkehrsstörungen auf dem Laufenden halten können, von Autobahn-Umleitungen bis zu wegen Bauarbeiten wegfallenden Parkplätzen. Wer den damit oftmals verbundenen Ärger kennt, nicht zu vergessen die drohenden Einnahmeausfälle, weiß diesen Service sicherlich sehr zu schätzen.

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