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Aus Wiesbaden an die Lahn

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Christian Vögele ist neuer Vizepräsident des Polizeipräsidiums Mittelhessen in Gießen. Zentrales Anliegen ist dem 48-Jährigen eine vernünftige Fehler- und Führungskultur.

Gießen. Offen mit Fehlern umgehen. Daraus lernen und Vertrauen aufbauen. Für Christian Vögele sind das wesentliche Aspekte kollegialer Polizeiarbeit. Seit vergangenem September ist der Jurist Vizepräsident des mittelhessischen Präsidiums. Daneben arbeitet der 48-Jährige in der Stabsstelle »Fehler- und Führungskultur« des Innenministeriums mit. Sorge bereitet ihm unter anderem, dass die Zahl der Angriffe auf Polizisten zunimmt.

Sie sind aus Wiesbaden an die Lahn gekommen. Mittelhessen - eine Liebe auf den ersten Blick?

Das war Liebe auf den ersten Blick, aber in zwei Schritten. Als die Ausschreibung herauskam, habe ich mich natürlich schlau gemacht. Welche Behörde ist das? Mit welchen Kolleginnen und Kollegen werde ich zusammenarbeiten? Welche Aufgaben kommen auf mich zu? Ich bin hier auf ein Führungsteam gestoßen, das ich schon kannte, und ich wusste, dass ich mich hier wohlfühlen werde. Man verbringt sehr viel Zeit bei der Arbeit, so dass die Kolleginnen und Kollegen zu einer Art zweiter Familie werden. Deshalb muss die Chemie stimmen.

Was war der zweite Schritt?

Als ich dann hier war, habe ich die Menschen hier persönlich kennengelernt, die Region, Städte und Landkreise. Dabei hat sich verfestigt und bestätigt, dass es eine gute Wahl war.

Das Elefantenklo spielt in Gießen eine besondere Rolle. Wie stehen Sie dazu?

Ich habe es bisher nur einmal live gesehen. Und wenn man es das erste Mal sieht, dann kann man sich einer architektonischen Kritik sehr leicht anschließen. Ich habe dann aber gemerkt, mit wie viel Humor, mit wie viel Augenzwinkern die Gießener ihr Elefantenklo liebgewonnen haben. Wenn man liest, dass ein Wasserfall anlässlich der Landesgartenschau aufgebaut wurde, der dann die Klospülung darstellen soll. Oder dass es mal eine Stadtzeitung gab, die sich nach dem Elefantenklo benannt hat. Und dass man sich letztendlich gegen einen Abriss entschieden hat. Dann sind das so Sachen, die ich total schön finde. Ich mag diese Art von Humor.

Wollen Sie längerfristig in Mittelhessen bleiben?

Ja, das möchte ich. Ich bin seit September letzten Jahres hier und noch gar nicht richtig angekommen. Ich bin dabei, mich zu orientieren. Durch die Corona-Pandemie sind allerdings viele Veranstaltungen ausgefallen, bei denen man ein wenig in Städte und Landkreise integriert wird. Ich freue mich deshalb sehr darauf, wenn im Sommer hoffentlich die Inzidenzen sinken. Wir planen selbst einen Tag der offenen Tür und wollen wieder Bürgerehrungen durchführen.

Inwieweit sind Sie als Vizepräsident in die Stadtgesellschaft integriert?

In meiner Vorstellung sehr. Das ist mir ein ganz wichtiger Aspekt. Ich durfte den Präsidenten schon zu einem Treffen des Präventionsrates begleiten. Wir haben verschiedene Kompass-Gemeinden begrüßt. Ich hoffe, dass mit einem veränderten Pandemiegeschehen wieder mehr möglich wird.

Was sind Ihre Aufgaben hier im Haus?

Ich habe zwei große Aufgaben: die Vertretung des Präsidenten und die Organisation des inneren Dienstbetriebes.

Filmaufnahmen, Gewalt, Respektlosigkeiten. Von außen betrachtet, scheint der Dienst auf der Straße immer schwieriger zu werden. Wie sehen Sie das?

Das ist eine vielschichtige und schwierige Frage. Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Angriffe auf Polizeivollzugsbeamte nehmen zu. Aber genauso auch auf Mitglieder der Rettungsdienste oder Feuerwehren. In der aktuellen hessischen Kriminalstatistik verzeichnen wir in diesem Deliktsbereich eine herausragende Steigerung von fast 20 Prozent.

Wie bewerten Sie das?

Es bereitet mir Sorge und betrübt mich, dass so wenig Respekt gegenüber unseren Einsatzkräften gezeigt wird. Dass gefilmt wird, betrübt mich nicht. Wir machen gute Arbeit und müssen uns nicht verstecken. Wir sind einfach der Träger des staatlichen Gewaltmonopols, kommen in konfliktgeladene Situationen und gehen hochprofessionell damit um. Ich glaube, dass die Situation schwieriger wird, denke aber auch, dass wir damit umgehen können.

Wie wirkt sich eine Situation wie jene rechtsradikalen Chats im Frankfurter SEK auf die Polizei aus?

Es erschüttert die Kollegen. Es erschüttert mich. Diese Chats sind etwas, das eigentlich nicht vorstellbar ist. Genau deshalb hat das Innenministerium mit den sogenannten Transparenzgesprächen eine aus meiner Sicht gelungene Maßnahme auf den Weg gebracht. Es ging darum, dieses »Das kann ich mir nicht vorstellen« der Kolleginnen und Kollegen aufzuhellen. 14 000 von ihnen haben mittlerweile an den Gesprächen teilgenommen.

Wie genau liefen diese Gespräche?

Es ging darum darzustellen, welche Inhalte tatsächlich bei den sogenannten rechten Chats gelaufen sind und welche nicht. Bei diesen Veranstaltungen, von denen ich einige begleitet habe, war Totenstille. Die Kolleginnen und Kollegen waren in hohem Maß betroffen und erschüttert. Sie hatten so die Möglichkeit, sich selbst ein Bild zu machen und dadurch selbst Stellung zu diesen Einzelfällen zu beziehen. Und sie haben sich in hohem Maß distanziert.

Gab es weitere Effekte?

Die Kolleginnen und Kollegen haben in Fachvorträgen von Politikwissenschaftlern gelernt, wie so ein Chart entstehen kann, und woher diese Memes kommen. Sie haben gelernt, dass sie gezielt von einer »neuen Rechten« hergestellt werden und Teil deren Kommunikationsstrategie sind. Diese Leute wollen über das Lachen in die Verbreitung kommen. Sie nutzen dafür einen scheinbar lustigen Inhalt, der tagesaktuellen Bezug hat. Es ist ganz wichtig, dass die Kollegen diese Wirkmechanismen kennen.

Sie arbeiten in der Stabsstelle Führungs- und Fehlerkultur mit. Sind generelle Veränderungen bei der hessischen Polizei nötig?

Ich möchte es auf zwei Kernelemente runterbrechen. Das eine ist die Bereitschaft der hessischen Polizei, sich den Bericht der Expertenkommission, auf dem die Arbeit der Stabsstelle basiert, ohne Wagenburgmentalität durchzulesen und ihn zu reflektieren. Was trifft im eigenen Alltag zu? Was nicht? Was kann ich selbst ändern, damit wir in ein gutes Fahrwasser kommen? Schließlich sollen sich Kolleginnen und Kollegen die Empfehlungen der Experten zueigen machen.

Welches ist das zweite Element?

Das ist die Fehlerkultur. Es ist ganz entscheidend, eine Fehlerkultur zu leben, die auf Vertrauen ausgerichtet ist. Wir brauchen Werkzeuge, die getragen sind von Vertrauen untereinander, um uns über Fehler, die im Dienst passieren, auszutauschen, zu lernen und auch Lehren zu ziehen. Es ist für mich aber ein ganz wichtiger Unterschied zwischen einem Fehler und Fehlverhalten.

Was haben Fehler und Fehlverhalten miteinander zu tun?

Eine Kultur unserer Organisation, die es uns erlaubt, mit Fehlern umzugehen, ermöglicht es uns auch, mit den Vorstufen von Fehlverhalten umzugehen. Wir müssen dann das Gespräch suchen, nicht nur Vorgesetzte, sondern auch Kolleginnen und Kollegen. Der Mehrwert einer guten Fehlerkultur ist, nicht nur besser und professioneller zu werden, sondern auch eine Vertrauenskultur zu entwickeln. Sie ermöglicht uns auch offen mit den Graubereichen möglichen Fehlverhaltens unter Kolleginnen und Kollegen umzugehen.

Welche Bedeutung hat Öffentlichkeitsarbeit für die Polizei?

Eine herausragende. Allein die Tatsache, dass die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit direkt bei der Behördenleitung angebunden ist, bringt zum Ausdruck, welch wichtige Aufgabe das ist. Ich kann mir keinen Einsatz, kein polizeiliches Vorgehen vorstellen, bei dem nicht Öffentlichkeitsarbeit stattfindet. Nach innen zu den Kolleginnen und Kollegen. Aber vor allem auch nach außen zu den Bürgerinnen und Bürgern. Es ist ganz wichtig, dass nachvollziehbar ist, warum wir so handeln wie wir das tun.

Wann haben Sie das letzte Mal in einem Streifenwagen gesessen?

Ich glaube im November 2020. Da habe ich einen Nachtdienst begleitet.

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