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Auszeit von der Wirklichkeit

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Von: Thomas Schmitz-Albohn

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Der kommende Totensonntag am 20. November ist wieder ein Anlass für viele Menschen, ihrer Angehörigen zu gedenken und sich zugleich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden. Fotos: dpa, Wetz © dpa, Wetz

Der Gießener Philosoph Franz Josef Wetz hat ein Buch über »Tod, Trauer, Trost« geschrieben. Er plädiert für »eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den Widersprüchen des Lebens«.

Gießen. Alles, was unsere Not lindert, ist erlaubt. Auf diese kurze Formel lassen sich die Gedanken bringen, die der in Gießen lebende Philosoph Franz Josef Wetz in dem soeben erschienenen Reclam-Bändchen »Tod, Trauer, Trost - Was am Ende hilft« über die Versuche des Menschen, mit Todesangst und der eigenen Sterblichkeit fertigzuwerden, entwickelt.

»Trost hilft uns in existenziellen Situationen, in denen es keine Lösung gibt. Trost löst nichts, sondern lindert. Er ist eine Art Palliativ«, sagt Wetz im Gespräch und entschärft damit ein wenig die radikale Sichtweise des Philosophen Hans Blumenberg (1920-1996), den er mit den Worten zitiert: »Niemand lässt sich darüber trösten, dass er sterben muss. Alle Argumente sind schlecht bis lächerlich, die dafür Trost und Tröstungsfähigkeit unterstellen.«

Der 64-Jährige, der als Professor für Philosophie und Ethik in Schwäbisch Gmünd lehrt, zeigt in seiner allgemeinverständlichen und leicht zugänglichen Abhandlung großes Verständnis für alle Formen der Trauer, auch wenn sie mit Täuschungen, Selbsttäuschungen und Verdrängungen einhergehen: Ob nun jemand die Urne eines geliebten Menschen im Friedwald eingraben lässt und dann doch um den Baum herum Blumen pflanzt wie bei einem Grab, oder ob einer, der eigentlich nicht an Gott glaubt, in größter Not doch betet und in einer Kirche Kerzen anzündet - solche Handlungen verdienen nach Wetz ein nachsichtiges Urteil, weil sie ein gewisses Trostpotenzial enthalten. »Obgleich viele Menschen für sich nicht mehr auf ein ewiges Leben hoffen, wie es die großen Religionen verheißen, reden sie dennoch so, als ob es dies alles weiterhin gibt«, schreibt er. Viele bauten sich zum Beispiel »ein diffuses Patchwork aus christlichen, buddhistischen und esoterischen Bildern zusammen«, in dem ein privater Seelenglaube auszumachen sei. Auch dafür zeigt er Verständnis.

Wetz plädiert für eine »Kultur der Ungenauigkeit«, und zwar gerade im Umgang mit Sterbenskranken und im Hinblick auf unsere eigene Todesangst. Der Mensch brauche nämlich gelegentlich Urlaub von der Wahrheit, um das eigene Leben meistern zu können. Es sei keineswegs ratsam, den Dingen dauernd auf den Grund gehen zu wollen und gegenüber dem Sterbenden alles auszusprechen. Vielmehr sollte dem Patienten eine Auszeit von der Wirklichkeit gestattet werden, »weil sie ihm für ein paar Momente die Todesangst aus dem Kopf verscheucht«. In diesem Sinne könne eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den Widersprüchen des Lebens nicht schaden: »Manchmal ist es besser, nicht alles so genau zu wissen. Eine solche Annäherung ans Ungenaue, die kein Plädoyer für Beliebigkeit ist, lassen wir uns im gewöhnlichen Alltag gerne gefallen. Ohne sie könnten wir gar nicht leben.«

Gewiss können religiöse Jenseitsvorstellungen helfen, gefasster der eigenen Sterblichkeit entgegenzublicken. Als Gegenbeispiel begegnet uns der Atheist Lazare in Emil Zolas Roman »Freude des Lebens«, den die Angst vor dem Tode aus dem Schlaf reißt und der sich solchen Momenten die »barmherzige Lüge der Religion« wünscht.

Als weitere Trostspender im Umgang mit dem Tod nennt der Gießener Autor neben den Religionen auch naturreligiöse Ideen, menschlichen Beistand, die besänftigende Kraft der Musik und sogar Rauschmittel. Das Hauptaugenmerk bei allen beschwichtigen Hilfskonstruktionen, über deren Richtigkeit seiner Meinung nach nicht geurteilt werden soll, liegt auf deren tröstenden Funktion und beruhigenden Kraft. Am Ende zählt für Wetz allein, was besänftigt, entlastet und sich für den Betroffenen gut anfühlt.

Franz Josef Wetz: Tod, Trauer, Trost - Was am Ende hilft. 108 Seiten. 6 Euro. Reclam.

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Franz Josef Wetz © Red

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