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Barrierefreiheit? Fehlanzeige

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An dieser Haltestelle Klingelbachweg im Schiffenberger Weg ist weder der Bordstein als Einstieghilfe mindestens 16 Zentimeter hoch, noch gibt es ein Blindenleitsystem. © Schäfer

Gießen. Dass das Thema Barrierefreiheit den Schwerpunkt der nächsten Fahrgastbeiratssitzung bilden soll, lag nicht nur an der massiven Kritik zu Berichtsdaten von Bettina Rausch aus dem Stadtplanungsamt. Die Thematik Barrierefreiheit stand zwar bereits auf der Agenda. Doch die Dringlichkeit der Behandlung speziell dieses Anliegens im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wurde so nochmals hervorgehoben.

Das Stadtplanungsamt hat die Federführung bei der Erstellung des Nahverkehrsplanes (NVP), der ein wesentlicher Bestandteil des Verkehrsentwicklungsplanes (VEP) ist. Bettina Rausch präsentierte den Zwischenstand. Was die Daten zu den Bushaltestellen betrifft, so gelten diese laut dem Bericht zu 2,7 Prozent als vollständig barrierefrei. So sind bei jeder 37. Haltestelle die Steighöhen - Höhe zwischen Fahrbahnbelag und Straßenniveau - 20 Zentimeter und unter anderem auch Blindenleitsysteme vorhanden. Bei den 48,1 Prozent als bedingt barrierefrei bezeichneten betragen die Steighöhen mindestens 16 Zentimeter. Doch alle anderen Kriterien sind nur teilweise oder gar nicht erfüllt. 44 Prozent sind nicht barrierefrei, von 5,3 Prozent liegen keine Informationen vor. Die diesbezügliche Verteilung in der Stadt ist sehr gestreut.

Sven Germann, Vorsitzender des Behindertenausschusses, selbst stark sehbehindert, ist über diese Ausstattungzahl erzürnt: »Das ist eigentlich katastrophal, dass nur knapp drei Prozent barrierefrei sind und nur knapp 50 Prozent ein bisschen dies oder ein bisschen das.« Gerda Weigel-Greilich, seit 1. Oktober letzten Jahres Verkehrsdezernentin, pflichtete ihm bei. »Das ist berechtigt. Da muss mehr getan werden.«

Auch der neue Behindertenbeauftragte der Stadt, Samuel Groß, schloss sich dem an: »Das ist ein schlechter Ist-Zustand, der möglichst schnell wegkommen muss.«

Groß brachte eine weitere Forderung zur Sprache: »Die Umsteigezeiten sind so zu gestalten, dass Mobilitätseingeschränkte den nächsten Anschluss auch erreichen.« Ihm wurde erwidert, dass dies dann zulasten der Taktzeiten der Busse ginge, die man ja eigentlich erhöhen wolle. Wenn ein engerer Takt da sei, könne der Gehbehinderte ja dann den übernächsten Bus nehmen - ohne auf diesen allzu lange warten zu müssen. Bei der Analyse des ÖPNV-Angebotes sei, so Rausch, bei der Erschließungsqualität festgestellt worden, dass die Erschließungswirkung in der Innenstadt zumeist »sehr gut« und auch »gut« sei, Richtung Peripherie und den nicht räumlich angebundenen Stadtteilen nehme diese merklich ab. In Lützellinden, Allendorf und Rödgen sei sie ausgedünnt, teils »ausreichend«, teils »ungenügend«. Letzteres sei sie auch in Teilen von Gießen-West, Gießen-Süd und der Margaretenhütte. Alle Verbindungen seien bezüglich Reisezeit und Umsteigehäufigkeiten untersucht worden. Ins Umland und vom Umland her seien die Verbindungen lediglich in die Rabenau nur als »befriedigend« bewertet. Ansonsten wären alle anderen Strecken konkurrenzfähig zum Pkw. Diese Aussage rief starkes Befremden und auch Widerspruch bei den Teilnehmern hervor.

Innerhalb der Stadt sind die Stadtwerke Gießen (SWG) Inhaber der Liniengenehmigungen. Anne Müller-Kreutz, Leiterin des Nahverkehrs-Services der SWG, erläuterte die Aufgaben der SWG im Nahverkehrsbereich. Sie betonte die enge Abstimmung zwischen SWG und Stadt, die hundertprozentige Eigentümerin ist. Von dieser werde die SWG mit der operativen Umsetzung der politischen Beschlussfassungen beauftragt. Die Gesellschaft MitBus, ein Tochterunternehmen der SWG, »und damit eine Enkeltochter der Stadt« - so Müller-Kreutz --, erbringe die Verkehrsleistung vor Ort. Die SWG sehe sich als Bindeglied zwischen Stadt und MitBus. Die Finanzierung des ÖPNV in Gießen obliege der Stadt, die die finanzielle Kluft zwischen den Kosten und den öffentlichen Zuschüssen und Fahrgeldeinnahmen mit Geld aus dem städtischen Haushalt schließen müsse.

Von Müller-Kreutz geäußerte Wünsche an den Fahrgastbeirat bezogen sich auf eine objektive Betrachtungsweise und eine Versachlichung von Problemen. Dabei mahnte sie an, immer zwischen den vorgebrachten Einzelinteressen und dem Gemeininteresse, das dem Gemeinwohl diene, abzuwägen. Nicht nur das Liniennetz zu erweitern sei wichtig. Auch auf Reisezeiten, Busbeschleunigung und mehr Busspuren seien die Ansinnen zu richten.

Zur aktuellen Lage teilte Müller-Kreutz auf Nachfrage mit, dass wegen einer Vollsperrung im Aulweg - infolge eines Rohrbruches - zwischen Riegelpfad und Liebigstraße bis auf weiteres die Linien 3 und 13 umgeleitet werden. Die Arbeiten dauern vermutlich bis Ende nächster Woche.

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