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»Beide Regime sind aufeinander angewiesen«

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Diktatoren unter sich: Alexander Lukaschenko (l.), und Wladimir Putin bei einem Treffen im Jahr 2019. © dpa/Sergey Bobylev

Die belarusische Philosophin Tatiana Shchyttsova spricht an der JLU Gießen über die Revolution in Belarus und den Krieg in der Ukraine

Gießen . Ohne Belarus ging es nicht: Als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, schickte Wladimir Putin seine Truppen auch von belarusischem Territorium aus in das Nachbarland. Wie sich der Krieg auf die Lage dort auswirkt und warum man den Überfall auf die Ukraine und die weiß-rot-weiße Revolution auch gemeinsam betrachten sollte, war nun Thema einer Diskussionsrunde mit der belarusischen Philosophin Tatiana Shchyttsova an der Justus-Liebig-Universität. Eingeladen dazu hatte die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) und das Gießener Zentrum Östliches Europa (GiZo).

Putins Terror gegen die Ukraine setze Alexander Lukaschenkos Terror voraus, sagte Shchyttsova, die seit 2021 bildungspolitische Sprecherin der Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja ist. »Beide Regime sind aufeinander angewiesen.« Belarusisches Territorium sei für den Überfall auf die Ukraine »missbraucht« worden. Lukaschenko, der seit der gefälschten Präsidentschaftswahl 2020 von der Europäischen Union nicht mehr als legitimes Staatsoberhaupt angesehen wird, habe die Souveränität seines Landes »gegen die Erlaubnis getauscht, an der Macht zu bleiben«. Belarus werde so doppelt okkupiert, von innen und von außen.

Auf Protest droht Knast

Die demokratischen Kräfte im Land würden sich nun hauptsächlich auf die Anti-Kriegs-Bewegung konzentrieren. Als Beispiele nannte Shchyttsova belarusische Eisenbahner, die Gleise sabotieren, um Nachschub für Putins Truppen aufzuhalten, das Verteilen von Flugblättern aber auch die Hilfe für ukrainische Geflüchtete. Wer offen Kritik am Krieg äußert, müsse jedoch fürchten, verhaftet zu werden oder seine Arbeit zu verlieren. »Wir erhalten jeden Tag Informationen über neue Repressalien«, verdeutlichte Shchyttsova, die Professorin an der Europäischen Humanistischen Universität in Vilnius ist, der belarusischen Hochschule im Exil.

Eine russische Niederlage sei auch für Belarus wichtig: »Ohne den Sieg der Ukraine sind positive Änderungen in Belarus nicht möglich.« Jedoch sei es eine »gefährliche Illusion, zu denken, dass ein Sieg der Ukraine automatisch zur Befreiung Belarus’ führt« - im Gegenteil. Denn der Wunsch der Ukrainer, sich von Russland abzugrenzen, könne dazu führen, dass sich Belarus am Ende gemeinsam mit dem großen Nachbarn hinter einer Mauer zwischen Ost und West befindet.

Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation im Land, sei die »Einheit der Zivilbevölkerung intakt«, berichtete Shchyttsova. Die Mehrheit der Bevölkerung sei gegen den Krieg und gegen die Nutzung ihres Staatsgebietes für Angriffe auf das Nachbarland. »Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen der russischen und der belarusischen Bevölkerung.« Lukaschenko habe sowohl mit der brutalen Unterdrückung der Proteste als auch der Kriegshilfe gegen die Verfassung verstoßen.

Zwar gebe es auch in Belarus eine gewisse Sehnsucht nach der sowjetischen Ära, vor allem unter Älteren. Diese Nostalgie sei aber weniger stark ausgeprägt als im großen Nachbarland und habe in den vergangen Jahren nachgelassen. Mit Sorge betrachtet Shchyttsova die zunehmende Verbreitung russischer Propaganda. Seit dem 24. Februar habe der Konsum russischer Informationskanäle zugenommen.

Dass Putin die Ukraine auch von belarusischem Boden angreifen lässt, habe zu einer spürbaren Veränderung der Haltung gegenüber der belarusischen Bevölkerung geführt. So würden die Menschen Opfer von Beleidigung und Diskriminierung, sowohl im realen Leben als auch online. Belarusischen Staatsangehörigen würden etwa Visa verweigert und die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern werde auf Eis gelegt.

»Die Hauptpriorität sollte es sein, der Ukraine zu helfen«, betonte Shchyttsova. Dies dürfe aber nicht mit dem Ausschluss anderer einhergehen, die ebenfalls Unterstützung benötigen. Die Universitäten könnten dabei ein Vermittlungsort zwischen Belarus und dem Westen sein. Man müsse die Stimmen aus Belarus international hörbar machen, verdeutlichte Thomas Bohn, Professor für Osteuropäische Geschichte an der JLU, der die Veranstaltung moderierte.

Wie Shchyttsova weiter ausführte, habe der Krieg gegen die Ukraine jedoch auch dazu geführt, dass die westliche Öffentlichkeit Belarus vergessen habe. Das Land werde lediglich als von Russland kontrollierte Pufferzone gegenüber der Europäischen Union gesehen, über das Land und seine Bevölkerung sei im Westen wenig bekannt. »Belarus ist wie ein großer weißer Fleck« neben Russland, passend zur deutschen Bezeichnung »Weißrussland«.

»Kaum jemand hat unsere Gesellschaft wirklich erforscht«, kritisierte Shchyttsova. Das zeige sich auch bei den wissenschaftlichen Instituten: »Wenn man Osteuropa sagt, meint man Russland.« Diese Nichtbeachtung der übrigen post-sowjetischen Staaten entspreche auch Putins kolonialer Denkweise.

Dass die Zahl der westlichen Wissenschaftler, die sich mit Belarus, aber auch mit der Ukraine, beschäftigen, gering ist, erkläre laut Shchyttsova auch, weshalb man im Westen so überrascht vom ukrainischen Widerstand und der belarusischen Revolution gewesen sei. »Wir brauchen einen Paradigmenwechsel«, forderte die Philosophin. Man müsse sich von den alten Denkmustern befreien und Belarus und die Ukraine nicht länger im Schatten Russlands sehen. »Es braucht einen transnationalen Dialog, damit Belarus nicht länger der blinde Fleck bleibt.«

Foto: Pfeiffer

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Tatiana Shchyttsova © Eva Pfeiffer

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