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Seeger

Pandemie

Belastung am Uniklinikum »kaum ermessbar«

Covid-19 am Uniklinikum Gießen: Der Ärztliche Geschäftsführer Prof. Werner Seeger spricht im Interview über die Entwicklung 2021, zu lösende Probleme und besondere Erlebnisse.

Gießen . Seit dem Beginn der Corona-Pandemie vor fast zwei Jahren steht das Gießener Universitätsklinikum (UKGM) im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Und das erst recht, seitdem die sogenannte Hospitalisierungsrate zum entscheiden Kriterium für die Verschärfung oder Lockerung von Corona-Maßnahmen geworden ist. Auf den Intensiv- und Normalstationen kämpfen Ärzte und Pflegekräfte rund um die Uhr um das Überleben jedes Covid-Kranken. Das war auch 2021 nicht anders. Wie hat man am UKGM die Zweite und Dritte Welle sowie den bisherigen Verlauf der Vierten erlebt? Was hat sich in den zwölf Monaten gerade im Hinblick auf die Virusvarianten und die Behandlung der Betroffenen verändert? Und was erwartet man von den kommenden Monaten? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt im Interview mit dem Anzeiger der Ärztliche Geschäftsführer am Standort Gießen, Prof. Werner Seeger.

Wie ist derzeit am UKGM bei Ärzten und Pflegepersonal die Stimmungslage, gerade angesichts des weiteren Ungemachs, das durch die Omikron-Variante droht, nach einem ohnehin schon harten Jahr?

Wir befinden uns ja jetzt in dem zweiten Pandemie-Winter und mussten schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass die Covid-19-Pandemie keine kurzzeitige Maximal-Herausforderung darstellt, sondern offensichtlich ein Langstreckenlauf immer an der Grenze der Leistungsfähigkeit ist. Denn neben den an Covid-19 erkrankten Patienten fällt ja noch der ganz normale universitäre Versorgungsauftrag an, und auch in diesen Bereichen haben die Anforderungen zugenommen. Besonders im Pflegebereich hat dieses nachvollziehbar zu einer Erschöpfung geführt, und auch wir haben Pflegekräfte verloren, die sich dieser Anforderung nicht mehr stellen wollten oder konnten. Im ärztlichen Bereich ist die Situation glücklicherweise stabiler, da wir über unsere eigene universitäre Ausbildung immer wieder über exzellente junge Ärztinnen und Ärzte mit hohem Engagement verfügen.

Schon seit einiger Zeit bewegt sich die Auslastung im Corona-Intensivbereich am Uniklinikum Gießen an der Grenze der vom Land vorgegebenen Patientenzahl (18 Intensivbetten): Ist hier überhaupt eine Ausweitung möglich? Die bisherigen Rekordwerte von insgesamt über 110 Covid-Patienten, davon um die 50 auf den Intensivstationen, scheinen jedenfalls bei Weitem nicht mehr realisierbar zu sein.

Das Universitätsklinikum Gießen hat in der Tat hessenweit die meisten Covid-19-Patienten intensivmedizinisch versorgt, und ist ja auch verantwortlich für die Koordination der ganzen mittelhessischen Region, was mit einer besonderen Verantwortung verbunden ist. Aufgrund des beschriebenen Pflegemangels und den gestiegenen Anforderungen im Nicht-Covid-19-Intensivbereich wäre es uns zurzeit in der Tat unmöglich, wie im vergangenen Winter bis zu 50 Corona-Patienten intensivmedizinisch zu versorgen. Wir hoffen inständig, dass es nicht noch einmal so weit kommt.

Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um den Pflegemangel zu lindern?

Wir haben versucht, mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen gegenzusteuern. So haben wir schon vor einiger Zeit und jetzt erneut unsere Ausbildungskapazität im Pflegebereich erhöht. Wir weiten unsere Maßnahmen zur spezialisierten Weiterbildung in der Intensivpflege erheblich aus, und wir haben große Anstrengungen zur zusätzlichen Anwerbung und weiteren sprachlichen und fachlichen Qualifikation von ausländischen Pflegekräften unternommen. Des Weiteren konnten wir viele Medizinstudenten gewinnen, um in dieser maximal angespannten Situation in den kritischen pflegerischen Versorgungsbereichen mitzuarbeiten, und haben hierfür unterstützende Maßnahmen für die Medizinstudenten zur Anwendung gebracht.

Was hat das UKGM darüber hinaus gemacht?

Zu den ungewöhnlichen Schritten, die wir in dieser verzweifelten Engpass-Situation unternommen haben, gehört auch, Prämien an Pflegekräfte für den Eintritt in unsere Intensiv- und Covid-19-Pflegereiche und für die Übernahme von Zusatzschichten auszuloten. Wir mussten an dieser Stelle aber leider zur Kenntnis nehmen, dass selbst in einer solchen Ausnahmesituation übliches Funktionärsdenken auf verschiedenen Ebenen nicht zurückgestellt wird.

Gab es im Verlauf des vergangenen Jahres eine oder mehrere Situationen in der Klinik, die Sie trotz aller Professionalität besonders bewegt haben?

Die physische, psychische und emotionale Belastung für das ärztliche und pflegerische Personal, wenn wie bei uns viele Hunderte Covid-19-Patienten nur mit größtem Einsatz gerettet werden konnten und Hunderte gestorben sind, ist ja kaum ermessbar, und dieses geht natürlich auch an mir nicht spurlos vorüber. Dazu gehören zum Beispiel Situationen, den Kindern einer noch jungen Mutter zu eröffnen, dass sie trotz aller Anstrengungen nicht gerettet werden konnte. Und wenn Sie dann den Hintergrund kennen, dass diese Frau aufgrund einer Immunschwäche keinen Impfschutz aufbauen konnte und dass ihre einzige Chance darin bestanden hätte, dass bei einer hohen Impfquote der Bevölkerung die Corona-Ausbreitung quasi zum Erliegen gekommen wäre, dann können Sie nachvollziehen, wie fassungslos uns der permanent verbreitete Irrsinn der Ablehnung einer Covid-19-Impfung macht.

Gab es weitere Rahmenbedingungen, die das Arbeiten des Universitätsklinikums im letzten Jahr erschwert haben?

Auch im vergangenen Jahr hat sich unser Kernproblem, in einer »Investitionsfalle« gefangen zu sein, weiter verschärft. Grundsätzlich ist es ja so, dass die Kosten der Patientenversorgung von den Krankenkassen übernommen werden, dass aber für die notwendigen baulichen und gerätetechnischen Reparaturen und Erneuerungen die jeweiligen Krankenhausträger mit Gegenfinanzierung über die Landes-/Kommunal-Haushalte zuständig sind. Das UKGM ist aber nunmehr das einzige Maximalversorger-Klinikum Deutschlands (!), das seit Jahren quasi keine solchen Investitionsmittel bekommt, da diesbezüglich keine Einigung zwischen den UKGM-Eignern Rhön/Asklepios und dem Land Hessen erreicht werden konnte.

Wie sehen die Auswirkungen dieser Entwicklung in der Praxis aus?

Es hat über die letzten Jahre zu einem gewaltigen Investitionsstau geführt. Wie sollen wir unserer besonderen Verantwortung als Koordinationskrankenhaus und überhaupt unseren Verpflichtungen gegenüber unseren Patienten gerecht werden, wenn selbst die banalsten Reparaturen nicht mehr durchgeführt werden können, wenn zunehmend Geräte ohne Ersatz ausfallen, weil hierfür keine Mittel zur Verfügung stehen?

Welche Erwartungen haben Sie im Hinblick auf die Omikron-Variante?

Wir bereiten uns so gut wir können darauf vor, gegebenenfalls wieder mit einem erheblichen Anstieg der Patientenzahlen konfrontiert zu werden. Entscheidend wird sein, und dieses ist ja auch den öffentlichen Diskussionen zu entnehmen, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit dieser hoch ansteckenden Variante gebremst wird. Sollte sich bestätigen, dass diese Variante sich zwar aufgrund der Infektiosität schneller ausbreitet, aber weniger oft intensivmedizinisch zu behandelndes Lungenversagen zur Folge hat, dann wird es besonders wichtig sein, in kritischen Bereichen nicht zu viele Mitarbeiter gleichzeitig durch Quarantänemaßnahmen zu verlieren. Hinsichtlich der Long-Covid-Folgen nach Ansteckung mit einer Omikron-Variante kann man bisher noch keine Aussagen machen.

Inwieweit werden am UKGM-Standort Gießen auch Covid-Patienten aus anderen Regionen und Bundesländern aufgenommen? Was sind dafür die Gründe?

Wir haben zuletzt vermehrt Patienten aus der Versorgungsregion Darmstadt übernommen, weil diese Patienten dort nicht mehr adäquat versorgt werden konnten. Übernahmen aus anderen Bundesländern sind sehr selten, weil wir die Ressourcen zunächst den Patienten unserer Region zur Verfügung stellen. Ausnahmen stellen zum Beispiel Patienten dar, deren Lunge hoffnungslos zerstört ist, für die somit an anderer Stelle keine Überlebensmöglichkeit besteht, denen wir hier in Gießen aber gegebenenfalls die Möglichkeit einer Lungentransplantation anbieten können.

Mit welchem Gefühl und welchen Erwartungen in puncto Pandemie und Impfung gehen Sie in das jetzt begonnene Jahr?

Ich hoffe wie die meisten, dass eine weitere Zunahme der Impfbereitschaft erreicht werden kann, weil dieses in meinen Augen der einzige Weg ist, die Neuinfektionen und somit die Krankenhausbelastung durch Covid-19 auf ein niedriges Niveau zu senken, sodass unser Klinikum sowie auch andere Krankenhäuser sich wieder ohne Abstriche ihren »normalen« Aufgaben widmen können. Und ich hoffe zutiefst und appelliere diesbezüglich an alle Verantwortlichen, dass dem UKGM mit Lösung der Investitionsproblematik wieder die normale Arbeitsfähigkeit zurückgegeben wird, weil wir ansonsten unseren Patienten nicht mehr gerecht werden können. Foto: privat

Bei der Behandlung schwerkranker Covid-Patienten kommen zahlreiche Geräte zum Einsatz. Symbolfoto: Matthias Balk/dpa

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