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Berauschender Narrenschwamm

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Von: Hans Bahmer

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Häufig, hübsch und giftig: Fliegenpilze sind auch in heimischen Wäldern anzutreffen. © Larve

Gießen. »Der Mensch ist voll Verlangen nach Glück«, heißt es bei Hermann Hesse. Zwar besteht ganzjährig ein Verlangen nach Glück und damit nach Glücksbringern, aber es gibt Tage, da stellt sich eine besondere, kollektive Glücksbedürftigkeit ein. Dazu gehört der Jahreswechsel. Zu solchen Zeiten überschwemmen Glücksbringer aus Schokoladenfabriken wie aus dem Pflanzenreich den Markt.

Zu den Klassikern zählt der Fliegenpilz. Der Abkömmling aus dem Reich der Pilze ist nun selbst ein Glückspilz, wurde er doch zum Pilz des Jahres 2022 gekürt. Er macht, dass Fliegen nicht mehr fliegen und gibt Menschen das Gefühl zu fliegen - so jedenfalls die weit verbreitete Volksmeinung.

Amanos-Gebirge

In den wissenschaftlichen Namen Amanita muscaria des bekannten, hübschen und in heimischen Wäldern recht häufigen Pilzes scheint in jedem Fall die Fliegengeschichte eingegangen zu sein. Während der Gattungsname auf das Gebirge Amanos, das sich im Süden der Türkei über Syrien bis zum Libanon erstreckt, zurückgehen soll, steckt im Artnamen das lateinische musca, was Fliege bedeutet. In seinem Kräuterbuch von 1679 empfiehlt Lonicerus folgendes Fliegenkillerrezept: »Die rothe Fliegenschwämme/ soll man in Milch sieden/ den Mucken darstellen/ daß sie davon sterben«. In der Tat haben die Toxikologen im Fliegenpilz Stoffe mit insektiziden Eigenschaften gefunden. Einer davon wird in manchen Ländern sogar als Geschmacksverstärker in der Lebensmittelindustrie genutzt. Deshalb haben die Eingeweihten unter den Gourmets ihren Gerichten schon seit alters her kleine Mengen Fliegenpilze hinzugefügt und erreichten so auf natürlichem Weg eine Verfeinerung der Gaumenfreuden.

Der Fliegenpilz-Milkshake dürfte die verhassten Kerbtiere aber in der Mehrheit nur vorübergehend betäubt und selten umgebracht haben - besonders dann, wenn der Pilz erhitzt wurde, da beim Kochen bestimmte Wirkstoffe zerstört werden. Ob die Fliegen während ihres Betäubungsschlafes wenigstens vom Fliegen geträumt haben, ist allerdings ein bislang ungelöstes Weltenrätsel.

Für den Namen des »Miggenpilzes« existiert noch eine weitere Ableitung. Es gab nämlich Zeiten, da war das unschuldige zweiflügelige Insekt ein Symbol für den Wahnsinn. Nach damaligen Vorstellungen ging das Irresein auf einen Befall mit Fliegen zurück, die ja bekanntlich dem Teufel unterstellt sind. Bei einer Vergiftung mit dem Teufelspilz können aber durchaus »Wahnsinns-Symptome« auftreten, und daher auch die Ursache des allseits bekannten Namens gewesen sein. Die falsche Menge des Pilzes im Leib führt tatsächlich zu allerlei motorischen Störungen wie mangelnde Bewegungskoordination und unkontrollierten Muskelzuckungen. Kommen noch Bewusstseinsstörungen hinzu, benimmt man sich schnell wie ein Narr, was den Namen Narrenschwamm erklärt. Nach umstrittenen Vorstellungen sollen sogar die Berserker, bevor sie in die Schlacht zogen und dort mit Berserkerwut alles kurz und klein schlugen, sich mit Fliegenpilz aufgeputscht haben.

Bei der Herkunft des Schmuckpilzes kann man zwischen zwei Legenden wählen. Beide sind gleichermaßen unappetitlich, denn nach ihnen ist der Pilz mit dem roten Hut und den weißen Tupfen in jedem Fall aus Speichel hervorgegangen. Einmal ist es die Spucke, die Wotans Pferd aus dem Maul troff, das andere Mal handelt es sich um das Sputum des in Sibirien aktiven Gottes Vahiyinin und verhilft einem Raben zu ungeahnten Kräften. Der schwarze Vogel kann nämlich nach der Pilzmahlzeit plötzlich einen ganzen Wal davonschleppen. Immerhin werden mit der letzteren Version bereits die geheimnisvollen Kräfte angedeutet, die im Pilzkörper stecken.

Rauschdroge

Von denen bekommt man schon als Kind eine Ahnung. Man muss dazu nur »Alice im Wunderland« von Lewis Carroll lesen. Dort verführt eine wasserpfeiferauchende Raupe, was sie eigentlich schon verdächtig genug macht, das unschuldige Kind mit dem kryptischen Satz »Von der einen Seite wirst du größer und von der anderen kleiner«, von einem Pilz zu essen. Der Pilzverzehr hat drastische Folgen. Bereits beim ersten Bissen schrumpft das ahnungslose Mädchen zu Zwergengröße, um sich dann mit einem weiteren Happen in eine Riesin zu verwandeln.

Von ähnlichen Erfahrungen berichten aber auch Menschen, die auf dem Fliegenpilztrip waren. Zum Fliegenpilzrausch gehören Empfindungen wie falsche Einschätzung von Entfernungen und Größenverhältnissen.

Der Pilz gehört mit zu den ältesten Rauschdrogen der Menschheit und daher zum Handwerkszeug so manches Schamanen. Im fernen Sibirien soll im letzten Jahrhundert noch darauf zurückgegriffen worden sein. Wer den Glückspilz nicht selbst im Wald auftreiben konnte, hatte teuer dafür zu bezahlen. Rentierhäute und Zobelfelle wurden gegen den Rauschpilz eingetauscht. In manchen Gegenden musste man für einen Pilz ein Rentier hergeben. Da trifft es sich gut, dass der Fliegenpilz eine Droge ist, die sich beim Durchlaufen des Körpers kaum verändert. Die psychoaktiven Substanzen finden sich nämlich mit voller Wirkung im Urin wieder. Das wiederum bedeutet, dass man sich auch einen Rausch mit seinem eigenen Urin antrinken kann. Der Vorgang lässt sich sogar mehrmals wiederholen.

Im Gegensatz zur hochgiftigen Verwandtschaft, dem Grünen Knollenblätterpilz und dem Pantherpilz, wurde die Giftigkeit des Fliegenpilzes, aus welchen Gründen auch immer, bisher stark übertrieben. Bis heute soll es jedenfalls keinen Todesfall geben, der sich auf den alleinigen Verzehr von Fliegenpilz zurückführen lässt. Trotzdem ist ein Pilztrip mit dem schmucken Waldbewohner nicht zu empfehlen. Da bei dem Naturprodukt die Konzentration der psychotropen und giftigen Wirkstoffe von vielen Faktoren abhängt, ist nicht vorhersehbar, wohin die Reise geht: Ob einem im Pilzrausch ein Blick ins Paradies gegönnt wird, sich für einen die Pforte der Hölle öffnet oder man die Notaufnahmestation des nächsten Kreiskrankenhauses kennenlernt. Der Konsum von Fliegenpilz ist selbst in einschlägigen Kreisen mehr oder weniger out. Die paar Schamanen, die noch ihrem Beruf nachgehen, sind längst auf den wahrscheinlich nicht weniger riskanten Wodka umgestiegen. Geblieben sind die hübschen Pilze, die als Mykorrhizabildner friedlich mit Nadelbäumen und Birken zusammenleben und wegen ihres psychotropen Effekts inzwischen zum Symbol für das Glück aufgestiegen sind. Als Glücksbringer sind die Nachbildungen des Glückspilzes längst zu einem Massenprodukt geworden, das aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist. Wer dem Image des Fliegenpilzes als Glückspilz nicht traut, kann es ja mit einem Glücks-Pils versuchen. Prost!

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