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Bergpredigt kontra Realpolitik

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Von: Ingo Berghöfer

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Nach mehr als 30 Jahren in Spitzenpositionen im Deutschen Bundestag hat der CDU-Politiker Volker Kauder eine Honorarprofessur in Gießen übernommen. Am Mittwoch hält er seine Antrittsvorlesung. Foto: dpa © dpa

Gießen . Der langjährige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagfraktion, Volker Kauder, tritt in wenigen Tagen seine Honorarprofessur an der Freien Theologischen Hochschule Gießen (FTH) an. Der Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit gilt Fragen der Religionsfreiheit und der Erforschung der Christenverfolgung. Kauders Antrittsvorlesung findet am Mittwoch, 2. November, um 10 Uhr an der FTH statt.

Der Anzeiger hat vorab mit ihm gesprochen.

Herr Kauder, Sie sind jetzt 73 und könnten nach einer langen, sicherlich auch aufreibenden Politikkarriere Ihren Ruhestand genießen. Warum tun Sie sich jetzt noch einmal eine Professur in Gießen an?

Diese Aufgabe ist eine wunderbare Möglichkeit, mich mit zwei Themen zu befassen, die ich bisher in der Praxis erlebt habe und jetzt jungen Menschen nahebringen möchte. Zum einen politische Ethik sowie zum anderen Religionsfreiheit und verfolgte Christen. Das sind Themen, die mir seit Jahren am Herzen liegen.

Wie kam Ihre Professur zustande?

Ich wurde bereits vor einigen Jahren von der Hochschule angesprochen, als ich noch aktiv im Bundestag war. Damals habe ich absagen müssen, weil ich die Zeit nicht aufbringen konnte. Im Ruhestand wurde ich erneut gefragt, und da habe ich in Gesprächen, vor allem mit Rektor Holthaus, gesehen, dass dies eine Möglichkeit ist, die mich auch zeitlich nicht überfordert.

Wie oft werden Sie pro Semester nach Gießen kommen?

Ich werde pro Semester sicherlich vier Tage in Gießen sein und dann in Kompaktkursen meine Vorlesungen und Veranstaltungen durchführen. An den Abenden, an denen ich in Gießen bin, werde ich auch für Gespräche mit den Studenten zur Verfügung stehen.

Die Frage der Ethik in der Politik ist gerade sehr aktuell. Wir haben eine Bundesregierung, die es ethisch für nicht vertretbar hält, sich von Russland Gas liefern zu lassen, die aber kein Problem damit hat, Gas aus Katar zu beziehen.

Da haben Sie einen ganz wichtigen Bereich angesprochen. Da werde ich zunächst einmal thematisieren, was die Grundsätze politischer Ethik sind und wie diese sich in der Praxis auswirken. Deshalb werde ich als erstes eine Veranstaltung mit dem Titel »Außenpolitik: werteorientiert oder interessengetrieben?« anbieten. In einer weiteren Veranstaltung werde ich über den politischen Kompromiss als Instrument sprechen. In beiden Veranstaltungen will ich deutlich machen, dass wir es immer mit einer Abwägungsfrage zu tun haben, wenn wir unsere Grundsätze und unsere Interessen in Einklang bringen müssen. Da wird es auch um die Grenzen der Kompromissfähigkeit gehen. Wie weit kann ich gehen, ohne meine eigenen Grundüberzeugungen zu kompromittieren? Da muss man gar nicht auf Russland schauen, diese Frage stellt sich auch ganz aktuell bei der Diskussion über den Teilverkauf des Hamburger Hafens.

In Kriegszeiten wird ja gerne über die Grenzen der Gesinnungsethik diskutiert, aber wenig über die Grenzen der Verantwortungsethik.

Henry Kissinger hat einmal gesagt: Wer ein Staatsamt innehat - und das hatte ich nie -, hat in erster Linie die Interessen seines Landes zu vertreten. Ich glaube aber, dass es ohne eine wertebasierte Außenpolitik nicht geht. Auf der anderen Seite muss man sich natürlich auch die Frage stellen, ob es möglich ist, Länder wie Russland oder China durch Zusammenarbeit beeinflussen zu können. Diese schwierige Frage kann man in Bezug auf Russland nicht aus der Vergangenheit beantworten, man muss sie in der Gegenwart stellen. Und da muss man sich natürlich fragen: War es ein Fehler, sich von Russland so abhängig zu machen? Aus heutiger Sicht mag das so sein.

Der alte Grundsatz »Wer miteinander Handel treibt, schießt nicht aufeinander« gilt also nicht mehr?

Das war die Überlegung aus der Zeit des Kalten Krieges, als wir vor der Frage standen: Sollen wir mit der DDR zusammenarbeiten oder nicht? Die Hoffnung der Menschen in der DDR war, dass wir sie im Westen nicht im Stich lassen. Das war damals eine wichtige emotionale Stärkung. Wladimir Putin aber ist es offenbar völlig egal, wie es seinem Volk geht. Politische Abwägungen sind da immer sehr schwierig. Die Grenze ist dort erreicht, wo durch Zusammenarbeit ethisch nichts zu gewinnen ist. Zum Beispiel in China.

Nun können wir aber nicht gegen China ähnliche Sanktionen wie gegen Russland verhängen. Dafür sind doch die wirtschaftlichen Verpflichtungen viel zu groß, oder?

Unser Geschäftsmodell in Deutschland ist es, zu produzieren und zu verkaufen, weil wir fast keine eigenen Rohstoffe haben. Wenn aber ein Land wie China mit 1,4 Milliarden Menschen und in diesem Fall Verbrauchern seine Produkte nicht verkaufen kann, haben sie auch nicht die Mittel, unsere Produkte zu kaufen.

Auch wieder wahr.

Ich glaube nicht wie Bertolt Brecht, dass das Fressen vor der Moral kommt. Aber ganz auf die Zusammenarbeit mit Ländern wie China werden wir nicht verzichten können; einem Land, in dem die herrschende kommunistische Partei so viele Mitglieder hat wie Deutschland Einwohner. Auch dafür will ich meine Studenten sensibilisieren. Ein moralischer Rigorismus führt in vielen Fällen nicht zum Ergebnis.

Das sollten Sie vielleicht nicht ihren Studenten, sondern der Bundesregierung sagen.

Ja (lacht kurz). Ich glaube, es gibt da zwei Ebenen. Wenn ich an einer evangelikalen Hochschule lehre, ist es wichtig, im Kopf zu behalten, dass im Christentum das Verhältnis jedes einzelnen Menschen zu Gott wichtig ist, aber nicht das der Menschen untereinander. Aus der Bergpredigt lässt sich kein politisches Programm ableiten. Letztlich muss da am Schluss jeder eine eigene Entscheidung treffen.

Sie vertreten in Fragen der Abtreibung, der Homoehe oder des Adoptionsrechts für gleichgeschlechtliche Paare ähnlich konservative Ansichten wie evangelikale Christen. Jetzt lehren Sie an einer evangelikal geprägten Hochschule. Würden Sie sich selbst als evangelikal bezeichnen?

Ich bezeichne mich als evangelischen Christen, der sehr viele gute Beziehungen zu Evangelikalen hat, weil viele meiner Positionen dort geteilt werden. Ich muss ja für jede meiner Ideen Mehrheiten finden. Wenn es gar nicht mehr gelingt, christlich moralisch fundierte Positionen umzusetzen, dann ist das, gelinde gesagt, frustrierend. Es waren vor allem Evangelikale, die mich bei meinem Einsatz für verfolgte Christen unterstützt haben.

Es gibt also formale Unterschiede, aber keine innerlichen Differenzen zwischen Ihnen und Evangelikalen?

Ja, so würde ich es formulieren.

Warum engagieren Sie sich besonders für verfolgte Christen? Auch andere religiöse Minderheiten wie die Rohingya in Myanmar oder die Ahmadiyya in Pakistan werden verfolgt.

Mein Thema ist Religionsfreiheit. Die ist unter Druck und zwar weltweit. Aber als Christ sehe ich meine Verantwortung schwerpunktmäßig im Einsatz für meine Glaubensbrüder und -schwestern in der ganzen Welt. Zudem sind Christen die am meisten verfolgte Religionsgruppen in der Welt. Man geht von etwa 250 bis 300 Millionen verfolgten Christen weltweit aus. Die meisten verfolgten Christen leben in China, am härtesten werden sie aktuell in Afghanistan unterdrückt, das damit Nordkorea abgelöst hat.

Mein Eindruck ist, dass Christenverfolgungen bei uns aber kaum thematisiert werden.

Das ist so. Umso notwendiger ist es, dass Menschen auf diese Verfolgung hinweisen. Dazu gehören viele im evangelikalen Bereich, aber auch in den Landeskirchen ist das Bewusstsein für die Unterdrückung von Christen gewachsen. Wir müssen unseren Einfluss in der öffentlichen Debatte vergrößern. Deshalb mache ich viele Veranstaltungen zu diesem Thema und stoße dabei auf großes Interesse in vielen Gemeinden. Da stelle ich immer wieder fest, dass es über die Verfolgung von Christen hierzulande wenig Informationen gibt. Wichtig ist auch, klarzumachen, dass es Länder gibt, in denen Christen besonders verfolgt werden, und zwar überall dort, wo der Islam Staatsreligion ist oder wo Muslime die Mehrheit haben. In diesen Ländern gibt es keine Religionsfreiheit. Das traut sich vielleicht nicht jeder anzusprechen, weil er Angst hat, damit den Frieden in unserem Land zu stören oder als islamophob zu gelten. Aber das Verschweigen eines Problems löst dieses nicht.

In einem Interview mit »Christ und Welt« haben Sie gesagt: »Die Kirche hat doch einen Missionsauftrag.« Gefährdet Missionierung jeder Couleur nicht den Frieden zwischen den Religionen?

Schauen wir mal auf unser eigenes Land. Da wird ja immer gesagt: Missionierung brauchen wir nicht. Das Wort »Mission« hat keinen guten Klang bei uns. Aber als Christen haben wir den Auftrag: »Verkündet meine Botschaft und geht hinaus in die Welt.« Und das muss in Deutschland auch gemacht werden. Wenn wir nicht für unsere Religion werben, dann wird es auch immer schwerer, Positionen unserer Religion durchzusetzen. Andere Religionen nehmen Mission viel ernster, und ein Vakuum gibt es nicht. Deutschland ist laut dem Bundesverfassungsgericht (BVG) weltanschaulich neutral, aber nicht wertneutral. Welche Werte gelten nun in unserem Land? In den Wettbewerb der Werte, sagt das BVG, darf der Staat nicht eingreifen. Deshalb müssen wir uns selbst für unsere Werte einsetzen.

Welchen Stellenwert haben christliche Überzeugungen noch in Ihrer eigenen Partei? Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass das C im Namen der CDU mittlerweile eher klein geschrieben wird.

Wir müssen in der Tat mehr für das C, sprich das christliche Menschenbild, werben und deutlich machen, dass unsere politischen Entscheidungen darauf gegründet sind. Das geht in aktuellen Diskussionen manchmal völlig unter.

Sie haben Ihren Wehrdienst in einer ABC-Abwehr-Einheit geleistet. Wie sehr beunruhigt Sie die Gefahr einer nuklearen Eskalation in der Ukraine?

Ich hätte mir nie vorstellen können, dass wir im 21. Jahrhundert über solche Fragen noch einmal sprechen müssen. Ich rate dringend dazu, das, was Putin sagt, ernstzunehmen. Wir sollten natürlich in der aktuellen Diskussion diese Angst nicht herbeireden, das würde Putin nur ermutigen. Sollte aber Putin wirklich in der Ukraine taktische Atomwaffen einsetzen, würde das den Krieg völlig verändern. Dann könnte der Westen nicht schweigen.

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