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Bericht aus der Hölle

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Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung erinnern an den Aufstand von Häftlingen des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 7. Oktober 1944. © dpa

Gießen. Über 40 Jahre war es nicht mehr lieferbar. Anlässlich des 100. Geburtstages seines Autors Filip Müller macht seine Familie eine kommentierte Neuausgabe des Buches »Sonderbehandlung« möglich. Mit dem Begriff »Sonderbehandlung« tarnten die Nationalsozialisten die Massenvernichtung von Menschen in Gaskammern und Krematorien.

Filip Müller, der am 3. Januar 1922 in Sered (Slowakei) geboren wurde, hat mehr als drei Jahre Konzentrationslager und Zwangsdienst im Sonderkommando Auschwitz-Birkenau er- und überlebt und gehört damit zu den wichtigsten Zeugen des Holocaustgrauens. 1979/80 veröffentlichte er auf Deutsch seinen erschütternden, schonungslos erzählten Zeugen-Bericht »Sonderbehandlung«, in dem er von seiner Lagerzeit berichtet, Täter und Opfer beschreibt und den Blick frei gibt ins Herz der Finsternis.

Bei dem Werk handelt es sich um die erste authentische Gesamtdarstellung der Geschichte des Sonderkommandos. Da es nach Veröffentlichung 1980 massive Bedrohungen durch Alt- und Neo-Nazis gab, stimmte Müller, der am 9. November 2013 verstarb, nie einer deutschen Neuausgabe zu.

»Antisemitismus ist eine allgegenwärtige Krankheit«, eröffnete Gerhard Merz die digitale Buchvorstellung von »Sonderbehandlung«, in deren Mittelpunkt Lesungen aus dem literarischen Werk standen. Irena Ries verstand es bestens, die düsteren Schilderungen vorzutragen. »Ich konnte mir nicht vorstellen, wie so viele Menschen auf einmal umgebracht werden sollten«, schreibt Müller angesichts des Grauens. »Ich wusste nicht, wo ich mich befand und was hier vor sich ging.«

Zum ersten Mal in seinem Leben sei er mit Leichen in Berührung gekommen. »Das Flackern der lodernden Flammen aus den Verbrennungsöfen war ein grausiger Anblick.« Unter den Toten hätte er unter anderem eine Schulkameradin und eine Nachbarin wiedererkannt.

»Die Toten von allem beraubt, sollten nun Opfer der Flammen werden.« »In den Ofen«, habe das schreckliche Kommando gelautet. Um zu überleben, habe er »wie ein Automat« alle Befehle ausgeführt. Die Schilderung seiner Tätigkeit im Krematorium ist sehr detailliert und geht unter die Haut. »Ich wusste, dass mich ein schlimmes Schicksal erwartet«, schrieb Filip Müller. Und: »Ich hatte den Willen, alles zu tun, um nicht auf die gleiche Weise zugrunde zu gehen.« Der Leser erfährt zunächst nicht, wie Müller nach Auschwitz kam. Der Bericht setzt erst bei einem Morgenappell im Mai 1942 ein, als er bereits Häftling dort war. Sein Augenzeugenbericht aus der Hölle umfasst 260 Seiten voll Leid und Angst vor dem Bösen.

Im gemeinsamen Gespräch brachten Historiker Andreas Kilian, der das Nachwort der Neuauflage verfasst hat, und Prof. Sascha Feuchert, Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen, den Zuhörern den Menschen Filip Müller und sein tragisches Schicksal näher.

»Man kann Filip Müllers Stimme nicht vergessen«, betonte Andreas Kilian, der sich seit 1992 mit ihm beschäftigt. Vor allem in Claude Lanzmanns zweiteiligem Dokumentarfilm »Shoah« aus dem Jahr 1985, der bis heute als wichtigste Auseinandersetzung mit der Judenvernichtung gilt, kommt der Holocaust-Überlebende als einziger Zeitzeuge des Sonderkommandos zu Wort.

»Er hatte etwas überlebt, was man nicht überleben sollte. Normalerweise entsorgten die Nazis ihre Mitwisser«, erklärte Feuchert. Filip Müller war auch ein wichtiger Zeuge im Krakauer Auschwitz-Prozess 1947 sowie im ersten und zweiten Frankfurter Auschwitz-Prozess 1964 und 1966.

Gute Freunde hätten Filip Müller damals dazu ermutigt, das Buch zu schreiben, was ihn schwere Überwindung gekostet habe. Bereits 1967 habe er sich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, ein Buch zu schreiben. Die Angst, nicht mehr lange zu leben, sei dabei der Hauptantrieb gewesen. Nachdem 1974 die »Geheimreden Himmlers« erschienen seien, habe Müller schließlich einen guten Einstieg gehabt. Beim Schreiben sei er sehr penibel gewesen und selten zufrieden mit den Ergebnissen.

»Bei ›Sonderbehandlung‹ handelt es sich um das erste Zeugnis eines Sonderkommando-Überlebenden mit literarischem Kontext«, fasste Feuchert zusammen. »Das Buch ist nicht nur historisch korrekt, sondern auch atmosphärisch dicht.« Erschienen ist es bei wbg Theiss.

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