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Beseelte und befreite Intensität

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Das Konzert in der Kongresshalle begeistert das Publikum: Das Orchester der Justus-Liebig-Universität feiert ein fulminantes Comeback. © Schultz

Nach zwei Jahren Probenpause betrat das Universitätsorchester jetzt wieder die Bühne. Wie haben sie die lange Pause überstanden? Um es kurz zu machen - großartig.

Gießen . Mit einer rundum glänzenden Leistung brachte sich am Samstag das Orchester der Justus-Liebig-Universität unter Leitung von Universitätsmusikdirektor Stefan Ottersbach beim Semestereröffnungskonzert nachdrücklich in Erinnerung. Man musizierte vorzüglich Werke von Dvorák, und der Geiger Stefan Tarara brillierte mit einem Violinkonzert von Mendelssohn-Bartholdy. Das Publikum in der vollen Kongresshalle war hin und weg.

Nach zwei Jahren Probenpause betrat das beliebte Ensemble jetzt wieder die Bühne. Im Publikum war eine deutliche Vorfreude spürbar, gemischt mit etwas Bangen: Wie haben sie die lange Pause überstanden? Um es kurz zu machen - großartig. Zum Auftakt servierte man Antonín Dvoráks »Der Wassermann« op. 107. Man spürte förmlich die aufgestaute Spielfreude, die mit größter Konzentration einherging. Mit fröhlichem Blubbern und Trillern ging das los, man fand zu einem schönen Schmelz, setzte sehr gute Spannungselemente und kam zu einem sehr guten, fließenden Dynamikwechsel, ließ sanfte Emotionen spüren, gelangte aber auch zu kraftvollem Miteinander. Man spürte eine beseelte Intensität, fast wie eine Befreiung. Stimmungen wurden fast bildlich realisiert, ebenso wie eine spannende beunruhigende Phase. Sehr klare Bläsertutti, insgesamt tolle Transparenz und packende Dynamik.

Der solistische Höhepunkt des Abends war Stefan Tararas Realisation von Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert in e-Moll op. 64 in drei Sätzen. Sein energie- und motivationsgeladener Auftritt nahm sogleich mit zauberhaft lieblichem, fließendem Temperament und starker Emotion sowie wunderbarer Sanftheit für sich ein. Optimale Verschmelzung mit dem Orchester bewirkte eine praktisch vollkommene Ausgewogenheit, die sich nicht nur in seinem Gesicht widerspiegelte - der Mann hielt sich auch kaum am Boden.

Man spielte die Sätze durch. Dabei wurden vertraute Wendungen wie neu realisiert, Verzierungen lustvoll ausgearbeitet, und das Orchester hüpfte zuweilen einfach geschwind mit. Das wirkte auf beiden Seiten fast spielerisch, das Orchester hatte den Stoff inhaltlich vollständig durchdrungen und machte durchweg einen völlig sicheren Eindruck; man genoss und wusste, was man da tat. Tarara bedankte sich mit einer fetzigen Zusage, einem wilden improvisierten Ritt durch die Stile und Genres, der so manchen Zuhörer etwas atemlos hinterließ: Riesenbeifall.

In lockerer Verbindlichkeit

Universitätsmusikdirektor Stefan Ottersbach war ganz der Alte. Er stand permanent in intensiver Kommunikation mit seinen Musikern, setzte Akzente, modulierte die Tempi, gab Sicherheit. Seine Mimik gab seine Gefühle wieder: hier ein lobendes, zufriedenes Lächeln, dann wieder ein Ausdruck höchster Dringlichkeit und Spannung, wenn die Musik das vorgab. Oder ganz einfach Freude über das gerade Geschehende. Das alles in einer Atmosphäre gleichsam lockerer Verbindlichkeit. Das Orchester folgte vertrauensvoll, die Kraft floss reichlich. Das Publikum bedankte sich mit hocherfreutem, ausführlichem Beifall.

Der Dammbruch erfolgte dann mit Antonín Dvoráks 9. Sinfonie in e-Moll op. 95 »Aus der Neuen Welt«. Das Publikum begrüßte die Musiker auch beim zweiten Auftritt sehr freundlich. Wunderschöne Bläser - man war an diesem Tag bestens disponiert - leiteten über zum klassischen, großen Auftakt voller Energie und Verheißung; spontan wurde man durch manche Elemente an Westernmusik erinnert und vernahm einige walzerische Wendungen. Das Ensemble agierte ganz konzentriert, transparent und mit vorbildhafter Geschlossenheit. Im Largo wurde dann sehr anmutig musiziert, mit einer fast melancholischen Sanftheit, fabelhaft gestaltete Übergänge machten das Geschehen deutlich, alles entfaltete sich. Fast wirkte es, als sei man »in« die neue Welt unterwegs.

Der Höhepunkt war das Scherzo. Bei gelockerten Zügeln trabte das Orchester energisch an und kam in den Galopp. Enorme Farbenvielfalt, begeisternde Dynamik, Transparenz und heitere Energie im Überfluss, nichts blieb verborgen, alles wurde hör- und spürbar: großartig.

Im abschließenden Allegro con fuoco erfolgte erneut ein Triumph der Vielfalt. Ottersbach ließ einen ganz großen Klang entstehen, der aus tausenderlei Facetten präzise formuliert wurde, das Orchester bewältigte alles komplett richtig. Enormer Beifall, Handschlag des Universitätspräsidenten - das Uniorchester war wieder da, gänzlich unversehrt.

»Es ist schön wieder hier zu sein, aber wir haben keine Zugabe erarbeitet,« sagte der Dirigent anschließend, und direkt zum Publikum: »Und es ist schön, dass Sie wieder da sind. Es war das erste Konzert seit Februar 2020. Zum Glück hatten wir Unterstützung durch einige Gastmusiker, aber ganz besonderer Dank gebührt dem Schatz des Orchesters und auch meinem Schatz, nämlich Anne Baier für ihren besonderen Einsatz.« Und händigte der Schlagwerkerin seinen Blumenstrauß aus.

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