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Besondere Begegnung im »Elch«

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Das Gasthaus, das heute »Zur Guten Quelle« heißt, wurde 1954 von Werner Olschewski eröffnet. Tochter Heidi Schnatz hat dort einen Teil ihrer Kindheit verbracht. © Jung

In der Gießener Gaststätte »Zur guten Quelle« hat Heidi Schnatz ein besonders »emotionales Erlebnis«. Erinnerungen an die Kindheit und die Flucht aus Ostpreußen bei eisiger Kälte werden wach.

Gießen. Für die Gießenerin Heidi Schnatz war es ein schönes »emotionales Erlebnis«. Gerade in diesen Zeiten, die geprägt sind von Hygieneregeln, Bestimmungen und Kontaktbeschränkungen, hat sie diese Zusammenkunft als besonders wertvoll und aufmunternd empfunden. Kürzlich besuchte sie nämlich mit Seniorinnen die Gaststätte »Zur Guten Quelle« in der Grünberger Straße, gar nicht weit entfernt von ihrer Wohnung entfernt. Dort ist sie Stammgast, spielt alle zwei Wochen Karten mit Bewohnerinnen der Seniorenwohnanlage Cloos’sche Stiftung. Und sie hat eine ganz spezielle Beziehung zu dem Haus, die jetzt unerwartet aufgefrischt wurde. Davon erzählt sie gerne im Gespräch mit dem Anzeiger.

Die Gaststätte, in der es heute auch Pizza, Nudelgerichte und andere Speisen gibt, bezeichnet die Gießenerin als familiär: »Als alleinstehende Frau fühlt man sich dort gut aufgehoben«, freut sie sich über die angenehme Atmosphäre im überschaubaren Gastraum mit einem kleinen Thekenbereich.

Weihnachten 1954 eröffnete ihr Vater Werner Olschewski die Gaststätte »Zum Elch« in dem damals neu gebauten Haus an der Ecke zur Landmannstraße. Dort wohnte die Familie als erster Mieter ein Jahrzehnt direkt über der Gaststätte. Heidi kam 1944 zur Welt, im Alter von sieben Monaten musste sie mit der Familie, die vor den Russen flüchtete, die Heimat über Nacht verlassen. Bei eisiger Kälte von minus 20 Grad, weiß sie aus Überlieferungen. Ihre Mutter Frieda, deren Schwester und noch weitere drei Kinder begaben sich auf eine beschwerliche Reise ins Ungewisse mit vielen Wirren und Risiken.

Der Plan der Flüchtenden war, wie bei vielen anderen Menschen auch, die Überfahrt mit dem Flucht- und Lazarettschiff Wilhelm Gustloff, das am 30. Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot abgeschossen wurde. Dabei starben mehr als 9000 Menschen, die auf der Flucht waren.

Flucht aus Ostpreußen

Die ostpreußische Familie bekam allerdings wegen Überfüllung keinen Platz mehr auf dem ehemaligen Kabinen-Fahrgastschiff, das mit fast 10 000 Passagieren ablegte. So versuchte sie, auf andere Weise das Land zu verlassen. Glücklicherweise scheiterte auch das Ansinnen, über das zugefrorene Haff Land zu gewinnen, denn die Pferde scheuten und wollten nicht auf das Eis. Gut für die Menschen, die am Ufer und somit am Leben blieben, weil die Eisdecke an vielen Stellen brach und Flüchtende ertranken im eiskalten Wasser.

Jetzt blieb nur noch die allerletzte Möglichkeit, einen Munitionszug zu besteigen, um in die Freiheit zu gelangen. Skepsis legten die Soldaten an den Tag, als Frieda Olschewski sie inständig bat, doch mitgenommen zu werden. Schließlich sei der Zug wegen seiner Ladung besonders gefährdet und werde unterwegs bestimmt beschossen, zeigten sie sich fürsorglich. Doch die Mutter blieb eisern: »Egal wie, Hauptsache raus«, sei ihr Gedanke gewesen, erfuhr Heidi nach Jahren. Mit Wasser aus dem großen Kessel der fauchenden Lokomotive bereitete die resolute Frau auf der langen Fahrt ins Ungewisse die Haferflocken für das sieben Monate alte Baby zu. Über ein Lager in der ehemaligen DDR gelangten die Vertriebenen schließlich nach Gießen. Die erste Bleibe war ein größeres Gartenhaus auf der »Gummiinsel«, wo die Familie gut integriert wurde und sich wohl fühlte.

Das Familienoberhaupt arbeitete im Krieg als Soldat in der Küche und bekam so das Rüstzeug für den späteren Beruf. Nach Kriegsende bekam er eine Anstellung bei den Amerikanern im US-Depot als Kraftfahrer. Weihnachten 1954 eröffnete er schließlich die Gaststätte »Zum Elch« in der Grünberger Straße. Den Namen wählte er in Beziehung zu seiner Heimat Ostpreußen, wo viele Elche lebten. Olschewski’s waren die ersten Mieter im neuen Haus und wohnten direkt über der Gaststätte. Heidi Schnatz schaut rückblickend auf eine schwierige Zeit, denn in der Umgebung befanden sich weitere Gaststätten wie »Zum Krokodil«, Gaststätte »Köbes« und »Zum Schützenhaus«. Und die Wirte buhlten in den Nachkriegsjahren um die Gäste.

Beschäftigte vom damaligen Unternehmen Mannesmann, das in der Gutenbergstraße eine Außenstelle hatte, nutzten gerne den Mittagstisch im »Elch«. Nebenan gab es ein kleines Lebensmittelgeschäft, sodass der Koch immer auf frische Waren zurückgreifen konnte.

Guten Riecher bewiesen

Einen guten Riecher bewies Wirt Werner, indem er auf Raten ein Fernsehgerät kaufte, um damit den Gästen die Spiele der Fußballweltmeisterschaft 1958 nahezubringen.. Das zog besonders die männlichen Gäste an: »Wir mussten schließen wegen Überfüllung«, weiß Heidi Schnatz heute noch, die als Zehnjährige auch ihre Schwester versorgen musste, weil die Eltern stark in der Kneipe eingebunden waren. Die Mutter organisierte in der Faschingszeit Kappenabende im kleinen Gasthaus, das heute noch so groß ist wie vor 58 Jahren. Nur der Name hat sich im Lauf der Zeit geändert, jetzt kennt man die Eckkneipe als »Zur Guten Quelle«.

Sicherheitsberaterin »Uffbasse Heidi«

Gäste, die in der Weserstraße wohnten, besuchten das Wirtshaus gerne, auch wenn sie einen weiten Fußweg zurücklegen mussten. Der Besitzer des Hauses, Straub, betrieb eine Metzgerei und Pächter Werner Olschewski musste sich vertraglich verpflichten, ausschließlich das Fleisch für sein Lokal dort zu kaufen. Zehn Jahre dauerte das Pachtverhältnis, dann sattelte das Wirtsehepaar um und zog in ein Haus in der Licher Straße, wo heute ein italienisches Restaurant zu finden ist. Allerdings nicht mehr als Mann hinter der Theke, sondern als Verkäufer für Zeitschriften, Tabakwaren und als Betreiber einer Lottoannahmestelle. Die Familie wohnte in der Licher Straße neben der damaligen Eisdiele Schieferdecker.

Heidi Schnatz heiratete, bekam eine Tochter und ist heute stolze Oma. In der Stadt kennt man sie auch als »Uffbasse Heidi«, weil sie als ehrenamtliche Sicherheitsberaterin beim Verein Ehrenamt ältere Menschen berät und Vorträge in Vereinen und Einrichtungen hält, was ihr große Freude bereitet und viel Dankbarkeit der alten Menschen mit sich bringt. Als helfende Hand macht sie sich auch bei Seniorenveranstaltungen nützlich. Sie hat immer ein offenes Ohr für ihre Mitmenschen, ist gerne unter Leuten und packt an, wenn es nötig ist. Und sie entwickelt Ideen, um anderen eine Freude zu machen, ist aufgeschlossen. Doch im Moment ruhen viele Aktivitäten, was die Gießenerin sehr traurig stimmt.

Als Bereicherung empfand Heidi Schnatz die unverhoffte Begegnung mit Menschen, die sich an vergangene Zeiten und ihre Kindheit erinnerten. »Ich hatte fast Tränen in den Augen und bekam Gänsehaut«, schildert sie im Nachhinein ihren Gemütszustand. Günter hieß einer der Gäste, der früher im Gasthaus »Elch« ein- und ausging und 1961 zu den Klängen der Musikbox und Gerhard Wendlands »Tanze mit mir in den Morgen« das Tanzbein schwang. Die große Musikbox im Gastraum, mit dem Plattenteller und dem Tonarm, der sich die schwarzen Scheiben nach Drücken der Wunschtaste aus der Ablage holte, hat sie jetzt noch vor Augen.

Große Musikbox mit schwarzen Scheiben

Der freundliche Gast, der damals in der Kneipe sein Feierabendbier trank und mit Freunden Karten spielte, erkannte das »Olschewski-Mädchen« wieder. Die Vornamen der Kinder, die im Haus gegenüber der Gaststätte wohnten, wo heute ein großes Autohaus residiert, blieben ihm ebenso im Gedächtnis. Nach 60 Jahren wieder Menschen von damals in der Umgebung, wo ein Teil des Lebens stattfand, zu treffen, löste bei Heidi ein Glücksgefühl aus. »Auch wenn es heute anders aussieht, habe ich immer noch das Gefühl, ein Teil davon zu sein.« Im Originalzustand von damals ist einzig die Eingangstür geblieben. Die besondere Zusammenkunft mit Menschen empfand »Uffbasse Heidi« als sehr wertvoll in der momentanen Situation, wo kaum Treffen stattfinden dürfen und auch ältere Menschen sehr darunter zu leiden haben.

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