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Besser als die Reime von Donald Trump

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Die Moderatoren des Abends, Benedict Hegemann (links) und Stefan Dörsing (rechts), zusammen mit den drei Finalisten Daniel Wagner (Zweiter von links), Aileen Schneider und Dominik Rinkart. Foto: Leyendecker © Leyendecker

Gießen (fley). Die hohe Kunst des Dichtens ist nicht jedem vergönnt. Wer im Wörterbuch nachschlägt, stößt beim Wort »dichten« auf den Hinweis, dass das Wort aus dem Lateinischen stammt. »Dictare« bedeutet so viel wie vorsagen oder verfassen. Definition geklärt, doch beim Poetry Slam ist das Reimschema etwas nebensächlicher als bei einem normalen Gedicht.

Warum das so ist, zeigten sechs junge Wortkünstler beim jüngsten Poetry Slam im Ulenspiegel.

Moderator Benedict Hegemann fasste die beliebte Bühnenform wie folgt zusammen. »Poetry Slam ist der Punkrock der Literatur«. Kann man so stehen lassen. Der ausverkaufte Keller, in den 110 Leute passen, quittierte die Aussage mit Applaus. Hegemann machte dann nochmal die wichtigsten Grundlagen deutlich: Es muss ein selbst geschriebener Text sein. Das Zeitlimit beträgt sechs Minuten. Keine Requisiten außer dem Mikrofon und dem eigenen Text sind erlaubt. 90 Prozent des Textes muss gesprochen werden. Und am wichtigsten: »Hört zu, wenn jemand vorträgt«, sagte Hegemann eindrücklich.

Zur Einstimmung las Hegemann dann Passagen aus dem Buch »The beautiful poetry of Donald Trump«. Ja, so ein Buch gibt es. Der Inhalt: Aus einzelnen Passagen von Trump-Reden haben die Autoren Gedichte gebaut. Klingt schräg, ist es auch, und Hegemanns Vortragsweise sorgte zudem für einen geglückten Start in den Abend.

Sechs Teilnehmer standen anschließend auf der Bühne. Den Anfang machte Juli Oelpel mit einer Hommage an den Ulenspiegel. Doch der Text zog nicht so, wie sich es die Autorin erhofft hatte, zumal sie sich an einigen Stellen verhaspelte. Lea Klein bewies anschließend schwarzen Humor. Mit schwarzem Kleid und Katzenjutebeutel machte sie die Abwesenheit ihres rechten Unterarms zum Thema ihres Slams. Dominik Rinkart aus Karben berichtete über den Kongress der Zeitreisenden. Goethe hatte da auch mal ein Seminar unter dem Titel »Äppelwoi und Spaß gebaut«, Immanuel Kant bot Motivationsseminare und Kaiser Augustus erläuterte die Bedeutung der römischen Interpretation von RTL. Ob Merkel, Pythagoras, Kleopatra oder Nostradamus: in Rinkarts Stück kamen viele Größen vor. Daniel Wagner aus Heidelberg nahm die Coronasoforthilfe für Künstler auf die Schippe und stellte reimend dar, wie er dem Finanzamt den Beruf des Poetry Slammers näherbrachte. Bei Aileen Schneider wurde es dann wirklich lyrisch. Ihre »Ode an die Niederlage« war so, wie man sich ein Gedicht vorstellt. Schnell, gut gereimt und fetzig. Die letzte im Bunde, Franzy Jasman, versuchte mit »Ich bin«-Sätzen zu überzeugen, doch das Feuerwerk der Lyrik zündete eher weniger.

Drei Slammer in Runde zwei

Die nach Punkten vorne liegenden Rinkart, Wagner und Schneider lieferten sich im zweiten Teil des Abends einen fulminanten Wettkampf um die Dichter-Krone. Rinkart schilderte dazu 15 Ideen, die ihm auf der Toilette kamen. Schneider reimte unter dem Titel »Leide leiser« über das Thema Depression und Seelenschmerz. Wagner erzählte von »kleinen Schurkenstaaten am Rande der Welt«, darunter China, Russland, Saudi-Arabien und die USA. Am Ende gab es in der Geschichte des Ulenspiegel-Slams ein Novum. Schneider und Rinkart teilten sich den ersten Platz, Wagner wurde Zweiter.

Der nächste Poetry Slam der Reihe im Ulenspiegel findet am 21. Juli statt.

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