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Betriebe unter Dauerstress

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Einzig die Baubranche im Kammerbezirk blickt laut IHK-Umfrage optimistisch in die Zukunft. Ihr macht jedoch der Fachkräftemangel zu schaffen. Symbolfoto: Julian Stratenschulte/dpa © Red

Der Konjunkturklimaindex der IHK Gießen-Friedberg ist weiter im Sinkflug. Lediglich die Baubranche ist optimistisch. Die Lage im Gastrobereich hingegen sei katastrophal.

Gießen (red). Neben der anhaltenden Corona-Pandemie sind steigende Energie- und Rohstoffpreise, Fachkräftemangel und höhere Arbeitskosten äußerst belastende Faktoren, zeigt der IHK-Konjunkturbericht. Damit stehen viele Betriebe in der Region unter Dauerstress. In der Gastronomie weist der Konjunkturklimaindex mit 44,1 Punkten auf eine katastrophale Lage im Bezirk Gießen-Friedberg hin. Der Gesamtwert liegt bei 102,0 Punkten und damit nur knapp oberhalb der Schwelle von 100 Punkten, ab der eine positive Gesamtstimmung signalisiert wird. Im Herbst 2021 lag der Index noch bei 107,5 Punkten und signalisierte somit einen gewissen Optimismus.

»Der Aufwärtstrend vom Herbst ist ausgebremst worden. Und dies, obwohl mit Impfungen und Hygienekonzepten zur Bewältigung der Corona-Pandemie wirkungsvolle Schutzmechanismen geschaffen wurden«, kritisiert Dr. Matthias Leder, IHK-Hauptgeschäftsführer. Es mangele nicht nur nach wie vor an Perspektiven, auch belastbare Statistiken würden fehlen.

Statistiken fehlen

Ohne Weiteres könne eine Kohorte zwischen 40 000 und 50 000 Menschen, die die Gesellschaft zuverlässig abbilde, regelmäßig getestet werden. Statistik-Experten wie Professor Gerd Antes, Professor Rainer Schnell oder Katharina Schüller forderten dies seit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020. Schließlich könnten nur statistisch signifikante Daten eine gesicherte Basis für politische Entscheidungen bieten. In manchen Betrieben habe seit Herbst eine 180-Grad-Wende stattgefunden. So liegt der Konjunkturklimaindex für das Gastgewerbe nur noch bei mageren 44,1 Punkten (Herbst 2021: 108,7). Besonders groß sei die Enttäuschung, nachdem Anfang Februar die Einschränkungen im hessischen Einzelhandel aufgehoben wurden - für Gastronomie und Hotellerie blieben sie dagegen im vollen Umfang bestehen. Steigende Energiekosten würden die Problemlage zusätzlich massiv verschärfen. Wie sich in der IHK-Konjunkturumfrage zeigt, befürchten knapp 30 Prozent der Betriebe in der Gastronomie eine Insolvenz. In neun von zehn Betrieben ist die Auslastung gesunken, knapp neun von zehn haben Liquiditätsengpässe. »Die Politik verunsichert ganze Branchen massiv. Die Corona-Einschränkungen wirken willkürlich, die Zuschüsse der KfW wurden kurzfristig einkassiert, eine Perspektive ist nicht sichtbar - und dies nach mehr als zwei Jahren Pandemie«, kritisiert die IHK-Spitze.

Ums Überleben kämpft ebenso die Veranstaltungsbranche, die faktisch momentan nicht existiere. »Mit der Absage des Hessentags haben unsere Unternehmen einen weiteren Schlag ins Kontor erhalten«, sagt IHK-Präsident Rainer Schwarz. Auch mit der Verlängerung der Überbrückungshilfen und des Kurzarbeitergeldes bleibe die Lage kritisch, da die Kosten für die Lohnnebenkosten nunmehr die Unternehmen tragen müssten.

Einen negativen Ausblick meldet auch der Einzelhandel. Der Konjunkturklimaindex liegt bei nur 87,2 Punkten (Herbst 2021: 94,0). Doch in dieser Branche ist die finanzielle Lage offensichtlich besser. Kein Betrieb befürchtet eine Insolvenz. Im Dienstleistungssektor ist die Stimmungslage durchwachsen. Die unternehmensbezogenen Dienstleistungen notieren bei 118,2, die personenbezogenen Dienstleistungen dagegen lediglich bei 73 Punkten. Wenig überraschend: Die Immobilienwirtschaft signalisiert mit 136,1 Punkten eine ausgesprochen hohe Zufriedenheit.

Ähnlich expansiv geht die Bauwirtschaft vor. Mehr als sieben von zehn Unternehmen des Baugewerbes äußern sich zufrieden über ihre derzeitige Geschäftslage und blicken positiv in die Zukunft. Drei von zehn Betrieben planen mehr Investitionen, ebenso viele wollen vermehrt einstellen. Wenn auch die Auftragslage gut ist, so belasten jedoch hohe Energie- und Rohstoffpreise diese Branche.

Knapp 57 Prozent der Befragten im IHK-Bezirk können offene Stellen nicht ohne Probleme besetzen. Noch ausgeprägter ist der Mangel an Fachkräften in der Industrie (60 Prozent). Steigende Energie- und Rohstoffpreise nennen rund 84 Prozent der Industriebetriebe als geschäftliches Risiko. Gedämpft werden die Aussichten quer über alle Branchen durch Preissteigerungen. Die Erschütterungen der weltweiten Lieferketten wirken sich hierzulande sehr stark aus.

Der IHK-Geschäftsklimaindex ermittelt die Lagebeurteilung und die Erwartungen an die zukünftige Geschäftslage. Für den Stimmungsindikator der Unternehmen hat die IHK Gießen-Friedberg zwischen Dezember 2021 und Januar 2022 über 900 Betriebe befragt, mehr als jeder Dritte hat an der Befragung teilgenommen.

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