+
Vor neuen Herausforderungen: Die Gießener Zeit von Pfarrer Hans-Joachim Wahl endet im Januar. Seine Bilanz fällt »rundum positiv« aus.

Abschied Ende Januar

Bilanz der Gießener Zeit »rundum positiv«

Gießens katholischer Dekan Hans-Joachim Wahl verlässt die Stadt Richtung Köln und wird Bundespräses des Kolpingwerks. Im Interview zieht er Bilanz und spricht über die neue Aufgabe.

Gießen . Die ersten Kisten sind gepackt, der Termin für den Umzug steht fest: Nach gut zehn Jahren verlässt Pfarrer Hans-Joachim Wahl Gießen in Richtung Köln. Zum 1. Februar tritt er dort das Amt des Bundespräses des Kolpingwerks an. Die rund 300 Delegierten der Bundesversammlung des Kolpingwerks haben ihn im November zum Nachfolger von Josef Holtkotte gewählt, der zum Weihbischof in Paderborn berufen worden war. Die Amtszeit von Hans-Joachim Wahl beträgt vier Jahre, kann aber verlängert werden. Der Anzeiger hat mit ihm über die künftigen Herausforderungen gesprochen - und einen Blick zurück geworfen.

Sie sind seit gut zehn Jahre Pfarrer von St. Bonifatius, mittlerweile Leiter aller drei katholischen Gemeinden in Gießen und Dekan. Was hat Sie zu dem Schritt bewogen, die Aufgabe als Bundespräses des Kolpingwerks zu übernehmen?

Ich bin schon lange bei Kolping auf der Diözesanebene aktiv. Mitte des vergangenen Jahres ist man auf mich zugekommen, ob ich mir diese Aufgabe nicht vorstellen könnte. Warum also nicht? Mein dienstlicher Werdegang vollzieht sich ungefähr in Zehnjahresschritten: Ich war elf Jahre Militärseelsorger, jeweils zehn Jahre Pfarrer in Bad Nauheim und in Gießen. Und für meine letzten Dienstjahre reizte mich das Angebot, mit etwas Neuem zu beginnen. Ich bin 61 Jahre alt, körperlich fit und gesund. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Welche Aufgaben erwarten Sie dort?

Die Arbeit des Bundespräses umfasst, gemeinschaftlich und gleichberechtigt mit der geistlichen Leiterin des Kolpingwerks die Ausgestaltung der inhaltlichen Schwerpunkte des katholischen Sozialverbands. Der Bundespräses soll Akzente setzen, Verbindungen schaffen und im besten Sinne netzwerken. Als geistlicher Leiter eines großen katholischen Verbandes ist er auch Mitglied im Zentralrat der Deutschen Katholiken (ZdK) und im »Synodalen Weg«. Im Kolpingwerk Deutschland sind rund 200 000 Menschen aktiv.

Wie nehmen Sie das Kolpingwerk wahr?

Der Verband ist generationenübergreifend und offen für alle Menschen. Ich sehe sehr viel Potenzial bei Kolping, denn dort kann sich jeder einbringen. War der Verein früher nur Männern vorbehalten, sind dort jetzt viele Frauen in Leitungsfunktionen tätig, viele Funktionen sind paritätisch besetzt. Das ist eine Entwicklung, die ich vorbehaltlos unterstütze. Hier ist das Kolpingwerk schon ein Stück weiter als die Amtskirche.

Apropos: Wie stehen Sie denn zu den Reformbewegungen wie »Maria 2.0«, den »Synodalen Weg« oder dem Verhältnis der Kirche zu gleichgeschlechtlichen Paaren?

Das sind wichtige Themen unserer Zeit. Das Bistum Mainz fördert den offenen Dialog innerhalb der katholischen Kirche und das unterstütze ich. Eine Öffnung und die Beschäftigung mit diesen Dingen und Problemen ist unbedingt erforderlich.

Wie läuft der Prozess des »Pastoralen Weges« im Dekanat Gießen?

Wir sind mitten in einer Umstrukturierung, sodass es zum Schluss im gesamten Dekanat nur noch drei Pfarreien geben wird. Die Stadt Gießen wird davon eine sein. Dafür ist noch viel zu organisieren. Jetzt ist der Zeitpunkt für viele Weichenstellungen. Und darin sehe ich auch einen Vorteil für den Wechsel. Mein Nachfolger kann sehr viel gestalten und bewirken, ohne vorgefertigte Muster übernehmen zu müssen. Auch von daher ist es ein guter Zeitpunkt zu gehen.

Wie fällt die Bilanz Ihrer Tätigkeit in Gießen aus?

Unterm Strich fällt meine Bilanz rundum positiv aus. Schon der Übergang von Pfarrer Hermann Josef Zorn zu mir verlief vor zehn Jahren ohne Brüche. St. Bonifatius ist eine sehr lebendige Gemeinde. Ich hatte das Glück, genau zu dem Zeitpunkt nach Gießen zu kommen, als ein Orgelbauer für die neue Orgel gesucht wurde. Hier konnte ich mich mit meinem Wissen einbringen. 2015 wurde die Orgel geweiht und das gehört ganz klar zu den Höhepunkten meiner Tätigkeit. Besonders am Herzen liegt mir das jährliche Zeltlager der Gemeinde, bei dem ich immer komplett dabei war. Es ist wichtig, dass die Menschen ihrem Pfarrer unmittelbar begegnen und erfahren können: Der ist ein Mensch wie wir.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert?

Als ich 2011 anfing, war ich Pfarrer von St. Bonifatius und Vorsitzender des Gießener Caritasverbandes. 2018 kamen die Pfarrei St. Thomas Morus und die Leitung des Pfarreienverbundes Gießen hinzu und 2021, nach der Verabschiedung von Pfarrer Hermann Heil, die Aufgabe des Pfarradministrators von St. Albertus. Nicht zu vergessen etliche weitere Ämter und Verpflichtungen. Als Bundespräses des Kolpingwerks habe ich ein genau umrissenes Aufgabengebiet und darauf freue ich mich.

Welche Spuren werden Sie in Gießen hinterlassen?

Ich habe viele Jugendliche begleitet, die heute selbst Verantwortung tragen. Wir haben eine solide Grundstruktur, die es zu erhalten gilt. Wir müssen daran arbeiten, dass uns die vielen Ehrenamtlichen auch nach Corona erhalten bleiben und zu ihrer Gemeinde stehen.

Und was bleibt Ihnen von Ihrer Zeit in Gießen?

Der Caritasverband ist ein wichtiger Teil der Kirche und er kommt in Ecken hinein, in die Amtskirche nicht hineinreicht. Ich war 20 Jahre Vorsitzender des Caritasverbandes in Gießen. Diese Erfahrungen nehme ich ebenso mit wie die Eindrücke, die wir 2015 durch die Flüchtlingskrise gewonnen haben. Zudem haben wir sämtliche katholischen Kitas aus der Trägerschaft der Pfarreien herausgelöst und sie in die Trägerschaft der Caritas und des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) überführt. Das entlastet die Gemeinden, gerade im Hinblick auf die kommenden Umstrukturierungen.

Was schätzen Sie an Gießen?

Ich liebe es, zu Fuß ins Theater zu gehen und dass man in Gießen auch einfach unerkannt den Markt besuchen kann. Es gibt eine gesunde Mischung zwischen familiärer Atmosphäre und Anonymität.

Wie gestaltet sich Ihr Abschied?

In Köln habe ich eine Dienstwohnung inmitten der Stadt, sodass ich mich nicht um die Wohnungssuche kümmern muss. Aktuell werden die Umzugskisten gepackt und in ein paar Tagen kommt der Umzugswagen. Auch wenn ich bereits ab 1. Februar in Köln meinen Dienst antrete, so ist der offizielle Abschiedsgottesdienst für den 20. Februar geplant. Einen großen Abschiedsempfang oder Ähnliches wird es wohl aufgrund der pandemischen Lage nicht geben.

Besondere Wirkungsstätte: In der Kirche St. Bonifatius predigt mit Erik Wehner künftig ein neuer Pfarrer.
Erik Wehner

Das könnte Sie auch interessieren