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Bio in der Krise

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Von: Eva Pfeiffer

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Bio-Produkte sind kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, findet Klatschmohn-Inhaber Georg Rieck. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Weil die Kunden sparen: Klatschmohn-Inhaber aus Gießen fürchtet dramatische Folgen für die Ökobranche

Gießen . Eine Ecke für Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum kurz bevor steht und die deshalb reduziert angeboten wurden: Bislang gab es das im Bioladen Klatschmohn nicht. Jetzt schon - denn die Umschlaggeschwindigkeit hat abgenommen, der Umsatz geht zurück. »Der gesamte Handel hat so etwas noch nie erlebt«, sagt Inhaber Georg Rieck. Im ersten Halbjahr 2022 habe er 13 Prozent weniger Einnahmen verzeichnet.

Um 10,7 Prozent stiegen die Verbraucherpreise im Oktober im Vergleich zum Vorjahr, die Inflation hat damit einen neuen Höchstwert erreicht. Die Menschen müssen sparen - und manch einer tut das offenbar bei Bio-Produkten. Und das, obwohl die Preissteigerungen hier laut Rieck weniger stark ausfielen, als beispielsweise bei den Eigenmarken der Supermärkte. Die Kunden seien »verunsichert bis in die Knochen. Es ist eine seltsame Angelegenheit«.

Gefahr für kleine Betriebe

Am schwierigsten sei die Krise der Bio-Branche für die Landwirte, der Umsatzeinbruch führe zu einem Rückstau der Produkte in die Lieferkette. Für kleine Betriebe drohe daher schnell das Aus: »Regionale Strukturen sind etabliert, aber sie kommen schnell in die Bredouille, wenn der Umsatz fehlt.«

Und auch, wenn seine Kundschaft weniger Geld da lässt: Rieck sorgt sich weniger um seinen Laden, als um die Folgen des Umsatzrückgangs für die regionale Ökobranche allgemein. Das Zurückholen der Lebensmittelproduktion in die Region werde so zu einem »frommen Wunsch«.

Der 65-Jährige ist mit seinen Sorgen nicht alleine. Im Juni haben sieben Umwelt- und Agrarverbände die Hessische Allianz für die Agrar- und Ernährungswende gegründet. Es bestehe »die Gefahr, dass die derzeitige Situation genau jene Strukturen zerstört, die wir für die Zukunft brauchen und über deren Vorteil wissenschaftlich Einigkeit herrscht: regionale, ökologische Wertschöpfungssysteme mit größtmöglicher Unabhängigkeit von externen Betriebsmitteln«, heißt es in einem Aufruf der Allianz. Eine Krise dürfe nicht gegen die andere ausgespielt werden, »Landwirtschaft, Naturschutz und Ernährung sowie Klimaschutz und Frieden gehören zusammen«.

Derzeit zeichne sich ab, »dass wir genau die Betriebe und Wertschöpfungsketten verlieren könnten, die das umsetzen, was angesichts des Krieges in der Ukraine als zukunftsfähig erkannt wurde: eine ökologische und nachhaltige Lebensmittelerzeugung, die unabhängig von Energie- und Futtermittelimporten sein kann«. Nicht nur Politik und Lebensmittelhändler trügen Verantwortung, sondern auch die Verbraucher, die ihr Einkaufsverhalten überdenken müssten.

Bioprodukte seien kein »Luxus«, auf den man in Krisenzeiten verzichte, findet auch Klatschmohn-Inhaber Georg Rieck. Vielmehr seien sie eine »unentbehrliche Notwendigkeit«, wenn die Welt auch noch für zukünftige Generationen lebenswert sein soll. Der aktuelle Umsatzeinbruch in der Bio-Branche folgt auf eine Zeit, in der viele Läden dank Corona-Lockdowns vermehrt Kundschaft angelockt haben - wer nicht verreisen, shoppen oder ins Restaurant gehen konnte, hat es sich stattdessen zu Hause gemütlich gemacht und selbst gekocht.

Vom Pandemie-Boom nicht profitiert

Von dem Pandemie-Boom habe sein Laden jedoch nicht profitieren können, sagt Rieck, denn die Laufkundschaft habe gefehlt. »Die Innenstadt war quasi tot.« Ängste, Abstandsgebot und Maskenpflicht hätten ihr Übriges dazu getan, denn beim Einkauf im Klatschmohn spiele auch die positive Atmosphäre eine Rolle. Mittlerweile sei es besser, das »typische Samstagsgefühl« fehle jedoch.

Hinzu komme, dass mittlerweile auch Discounter ein umfangreiches Bio-Sortiment führen und die Lebensmittelpreise »bis aufs Blut« drückten. Konsumenten würden mitunter ausblenden, dass die niedrigen Preise zulasten der Produzenten gehen. »Wir versklaven weltweit Menschen für unsere Lebensmittelproduktion«, kritisiert der Klatschmohn-Chef. »Irgendwann fällt uns das auf die Füße.«

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