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Bis auf die Grundmauern

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Gießen. »Normengenau, wohlproportioniert, feingegliedert« ist kein Titel bei dem man direkt an eine Kunstausstellung denkt, und doch ist es in diesem Fall so. Die vielschichtige Installation der Französin Dominique Hurth ist jetzt beim Neuen Kunstverein zu sehen. Dafür hat sie dem Kiosk an der Licher Gabel eine gänzlich neue Anmutung gegeben. Das Innere des Galeriegebäudes ist kaum wiederzuerkennen.

Dominique Hurth, geboren 1985 in Colmar, studierte an Kunsthochschulen in London und Paris. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien. Ausstellungen führten sie in Museen und Galerien in Europa und den USA. Sie hatte eine Professur für Bildhauerei und Installation in Norwegen und unterrichtet weiter regelmäßig an der dortigen Bergen Academy of Art and Design. Sie lebt in Berlin.

Beim Eintritt in den Ausstellungsraum klärt sie zunächst darüber auf, dass hier kein Vorhang zu sehen ist, wie bei einem flüchtigen Blick anzunehmen wäre - sondern Backsteine. Der »Vorhang« dient nur zu Materialisierung des Themas, mit dem sich Hurth derzeit befasst. Er erinnert auch eher an Kacheln, ist aber tatsächlich »eine auf Stoff gedruckte Zeichnung«. Hurth hat sie angefertigt, »um verschiedene Backsteinfassaden richtig bauen zu können«. Was sie bei der ersten Inaugenscheinnahme des augenfälligen Kioskgebäudes fasziniert hat, sei diese Natursteinfassade, »die eben nicht so regelmäßig ist, mit der ich mich auseinandersetzen wollte.«

Hurth arbeitet immer ortsspezifisch, auch die Geschichte des Ortes ist ihr wichtig. In den vergangenen 15 Jahren hat sie sich viel mit deutscher Geschichte befasst. »Als Künstlerin kann ich hier keine Arbeit tun, die nicht mit dem Ort zu tun hat.« Ihre Auseinandersetzung schlägt sich in der Abbildung aus dem berühmten Architekturbuch »Neuferts Bauentwurfslehre« (1936) von Franz Neufert nieder, die an der Wand zu sehen ist. Es ist ein Standardwerk, das sich mit Normung und Bauplanung in der Entwurfsphase auseinandersetzt. Hurth hat das Gebäude also auch theoretisch durchdrungen, bis hin zum sogenannten »Zyklopen-Mauerwerk« (nach Neufert), das hier zur Anwendung kam.

Zur Ausstellung gibt die Französin auch einen klingenden literarischen Text heraus, der Inhalt und Funktion des Wesens der deutschen Normierung thematisiert. Betrachtet man die Tafel genauer, sind diverse Formen von Backsteinen zu erkennen, die bei aller technischen Prägung in der Buchdarstellung eine gewisse skulpturale Anmutung entwickeln - schließlich wurden sie mit viel Mühe und Sorgfalt entworfen.

Genau wie Dominique Hurths Zeichnung, die jetzt das Innere des Kiosks einnimmt, platziert in ein gewisses Baustellen-Flair: Lampen liegen auf dem Boden, Kabel hängen im Raum, Steckerleisten sorgen für Strom, und alles ist nach DIN-Normen ausgeführt. Etwas anderes kam für Dominique Hurth nicht in Frage.

Die Ausstellung ist bis zum 15. Januar im Neuen Gießener Kunstverein zu sehen. Weitere Infos im Internet: kunstverein-giessen.de.

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