1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Bisher knapp 1700 Erwerbsfähige

Erstellt:

Von: Frank-Oliver Docter

giloka_1909_Ukraine_Gefl_4c
Die Geflüchteten haben eine Menge Dinge zu erledigen, so auch die Jobsuche. Symbolfoto: Frank Rumpenhorst/dpa © Red

Wie das Jobcenter Gießen den Geflüchteten aus der Ukraine bei der Suche nach einer Arbeitsstelle hilft und welche Erfahrungen dabei bislang gemacht wurden.

Gießen . Für ukrainische Geflüchtete ist die Arbeitssuche eine der vordringlichsten Aufgaben. Seit Juni ist hierfür das Jobcenter die erste Anlaufadresse. Der Anzeiger hat sich dort einmal erkundigt, wie es bislang läuft. Kurz zuvor hatte der Schreiber dieser Zeilen mit einem bekannten Gießener Gastronomen gesprochen, der von negativen Erfahrungen berichtete. So habe er mit knapp zehn Ukrainern ein Vorstellungsgespräch geführt, davon sei jedoch kein Einziger zum vereinbarten Probearbeiten im Restaurant erschienen, erzählte der Mann, der seinen Namen nicht veröffentlicht haben möchte. Die Fragen ans Jobcenter hat im Folgenden dessen Pressesprecher Marco Röther beantwortet.

Wie viele ukrainische Geflüchtete sind bislang beim Jobcenter Gießen als arbeitssuchend registriert und vermittelt worden?

Seit Juni wurden im Jobcenter Gießen insgesamt knapp 1700 erwerbsfähige Leistungsberechtigte aufgenommen. Etwa 1000 hiervon wurden von den Integrationsfachkräften im qualifizierten Erstgespräch, mit Dolmetscher, bereits im Juli und August zur Teilnahme an einem Integrationskurs verpflichtet und Qualifikationen und Ziele erhoben. Im September folgen weitere Gruppentermine für rund 300 Menschen. Bei knapp 90 Prozent ist der Spracherwerb vorrangig. Parallel hierzu unterstützen wir die Ukrainer/innen bei der Anerkennung der im Ausland erworbenen Bildungsabschlüsse. Arbeitsmarktnahe Personen werden direkt zu unserem Arbeitsmarktservice, also der Arbeitgeberbetreuung, überstellt. Etwa 30 sind bisher in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung eingemündet.

Gibt es Wunschberufe oder Branchen, die besonders gesucht sind?

Hier können wir keine Besonderheiten im Vergleich zu anderen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten feststellen.

Werden bestimmte Tätigkeiten von ukrainischen Arbeitssuchenden von vornherein abgelehnt?

Nein, nach unseren bisherigen Erkenntnissen nicht. Nachvollziehbarerweise möchten aber die Menschen, die qualifiziert sind, also eine abgeschlossene Ausbildung und ein angeschlossenes Studium haben, dementsprechend qualifiziert arbeiten. Das zu berücksichtigen, entspricht dem politischen Willen und wurde im April in der Ministerpräsidentenkonferenz entsprechend formuliert. Bekanntlich gilt für alle SGB II-Leistungsbezieher, also auch für die neuen Kunden/innen aus der Ukraine, aktuell das Sanktionsmoratorium. Damit ist die individuelle Motivation in der Beratung, mehr als ohnehin, von ausschlaggebender Bedeutung.

Haben sich Betriebe und bestimmte Branchen beim Jobcenter gemeldet mit dem Angebot, Arbeitsstellen für Ukrainer zu haben?

Vereinzelt aus den Bereichen, in denen allgemein ein Mangel an Arbeitskräften herrscht, also Gastronomie, Pflege, Handwerk.

Wie lange ist im Durchschnitt die Wartezeit, bis die Tätigkeit aufgenommen werden kann?

Eine Wartezeit im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Das hängt vielmehr von den Sprachkennnissen der Bewerber/innen und den diesbezüglichen Erwartungen der Arbeitgeber ab. Das Erlernen der Sprache kann nach den Erfahrungen aus 2015 und danach bis zu einem Jahr dauern.

Sind die Unterlagen der Arbeitssuchenden meist vorhanden oder müssen Dinge nachträglich noch organisiert werden?

Überwiegend haben die Flüchtlinge Nachweise, Urkunden und anderes schon dabei. Zum Teil müssen Unterlagen und Nachweise noch aus der Ukraine organisiert werden. Das klappt bisher gut.

Welche allgemeinen Erfahrungen machen das Jobcenter und seine Mitarbeiter bei der Vermittlung von Ukrainern?

Unsere Integrationsfachkräfte haben bisher die Erfahrung gemacht, dass viele ukrainische Flüchtlinge sehr viel Eigeninitiative an den Tag legen und sich bereits um einen Integrationssprachkurs gekümmert haben. Zudem fordern die Menschen aktiv Beratung und Unterstützung ein und sind gut informiert und vernetzt. Das gilt sowohl untereinander als auch mit Blick auf die Helfernetzwerke, die in der Region sehr gut funktionieren.

Wie ist generell der Ausbildungsstand der Geflüchteten zu bewerten?

Die Ukraine hat ein anderes Schul- und Ausbildungssystem als Deutschland, das nach unserer bisherigen Erfahrung auf europäischem Niveau liegt.

Sind manchmal auch berufliche Nach- und Umschulungen erforderlich?

Bereits während die Flüchtlinge an einem Sprachkurs teilnehmen, stoßen wir die Anerkennungsverfahren für ausländische Bildungsabschlüsse an. So übernehmen wir zum Beispiel die Kosten für die Übersetzung der Urkunden und Zeugnisse und deren Anerkennung. Daneben stehen die üblichen Fördermöglichkeiten auch diesen Kund/innen zur Verfügung und werden bei Bedarf angeboten.

Wie ist der behördliche Ablauf von der Aufenthaltserlaubnis bis hin zur Arbeitserlaubnis?

Die Geflüchteten aus der Ukraine können unmittelbar eine Arbeit in Deutschland aufnehmen, die Ausländerbehörden erlauben bei Erteilung der Aufenthaltserlaubnis die Erwerbstätigkeit ausdrücklich. Auch mit der zunächst ausgestellten Fiktionsbescheinigung darf bereits Arbeit aufgenommen werden. Eine Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit ist nicht notwendig.

Benötigt das Jobcenter weitere Unterstützung?

Wir setzen grundsätzlich die Vorgaben der Politik beziehungsweise des Gesetzgebers um. Das bedeutet, dass uns insbesondere Verwaltungsvereinfachungen die Arbeit erleichtern und realistische Vorlaufzeiten, um Beschlüsse oder Gesetzesänderungen gut organisiert umzusetzen. Vor Ort funktioniert die Zusammenarbeit mit den Ausländerbehörden von Stadt und Landkreis sehr gut. Was uns perspektivisch hilft, ist eine Ausweitung der Angebote von Sprachkursen oder Kinderbetreuung.

Auch interessant