Bitte kein Zaun um den Universitätsplatz in Gießen

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Gute Stimmung dank niedriger Inzidenzen: Wer dieser Tage morgens am Bahnsteig steht, sieht immer wieder Züge, aus denen Massen von Kindern und Jugendlichen strömen. Gut, das Gesicht ist noch verdeckt von bisweilen übergroßen Masken, die manchem Steppke fast bis zur Nasenwurzel reichen. Den Spaß an Klassenfahrten und Ausflügen bremst das aber augenscheinlich nicht.

Das ist allzu verständlich nach langen und schweren Corona-Monaten, die gerade für Schüler häufig schwieriger waren, als es manchem Erwachsenen bewusst sein dürfte. Jetzt endlich wieder mit den Mitschülern unterwegs. Lernen, Plaudern, ausgelassen sein: Das ist wichtig und ein wirklich schönes Bild nach den schwierigen Pandemie-Wintermonaten.*Dass Ausgelassenheit im Übermaß allerdings auch zu wirklich unschönen Bildern führt, ist derzeit auf den Lahnwiesen zu beobachten. Wobei: Hier - wie auch bei den Treffen zuvor auf dem Universitätsplatz - tut Differenzierung wirklich not. Dass sich junge Menschen in großen Gruppen im Freien treffen und Spaß haben wollen, ist sehr verständlich. Und genau das dürfte die übergroße Mehrheit derer sein, die es nach draußen zieht. Aber es gibt offensichtlich auch einige Feierwütige, die die Grenzen deutlich überschreiten. Und es ist einfach ernüchternd, regelmäßig zu Wochenbeginn Berichte zu den Partys zu lesen, in denen sich Worte wie Körperverletzung, Flaschenwürfe oder Aggressivität gegen Einsatzkräfte finden. Warum nicht einfach die wiedergewonnene Freiheit entspannt genießen und sich daran erfreuen, dass Treffen wieder möglich sind? Es ist an der Zeit, dass die Beteiligten mal ein bisschen runterkommen. Und eigentlich ist es schon fünf Minuten nach Zwölf, wenn Polizei und Ordnungsamt regelmäßig Kräfte zusammenziehen muss, um ausufernd Feiernden Einhalt zu gebieten. * Und das Traurige ist: Wenn es wirklich blöd läuft, könnten diese Treffen künftig ein noch viel unschöneres Bild produzieren. Denn, wie diese Woche bekannt geworden ist, verfügt die Justus-Liebig-Universität bereits über eine Zaunanlage, mit der sie nachts den Universitätsplatz absperren könnte. Die JLU versichert glaubhaft, dass sie dies eigentlich nicht will und nur im Fall weiterer Eskalationen auf dem Platz vor dem Hauptgebäude tun wird. Angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre und Wochen ist die Haltung der JLU sehr nachvollziehbar. Dennoch stelle man sich dieses Bild vor: Eine Universität als ein Ort großer geistiger und individueller Freiheit ist gezwungen, ihren Platz temporär einzuzäunen. Zu diesem Bild darf es nicht kommen, allein schon aus Respekt vor der Institution und den Werten, für die sie steht.* Zurück zu einem schönen Bild, für das Geschäftsführerin Dorothee Haberland und die Ihren von der Wohnbau in dieser Woche verantwortlich sind. Das Team hat einen Geschäftsbericht mit einem Jahresüberschuss vorgelegt. Gut, das Ergebnis ist Sonder- und Einmaleffekten zu verdanken. Aber die wirtschaftliche Richtung stimmt, nicht zuletzt ablesbar an der verbesserten Eigenkapitalquote. Ein Selbstzweck ist das nicht: Dass die Wohnbau auf soliden Beinen steht, hat Bedeutung für die gesamte Stadtgesellschaft, weil sie wesentliche Verantwortung für den sozialen Wohnungsbau in dieser Stadt trägt. Und das hat nicht bloß mit Geld zu tun: Wer sich mit dem Unternehmen befasst, spürt schnell, dass dort maßgeblich dank Dorothee Haberland ein frischer Wind weht. Die Mannschaft dreht viele Steine gemeinsam um, um den Betrieb fit für die Zukunft zu machen. Weiter so!*Um beim Bild der umgedrehten Steine zu bleiben: Das lässt sich derzeit auch in der Stadtverordnetenversammlung und ihren Ausschüssen finden. Beobachter werden längst festgestellt haben, dass sich das Klima mit vielen neuen Akteuren gewandelt hat. Viel inhaltliche Debatte, ernsthafte Suche nach dem Kompromiss, wenig Polemik: Hier wird Politik gemacht, und es macht Spaß, zu sehen, wie sehr die Diskutanten bisweilen in die Details einzelner Themen gehen. Diese engagierte Auseinandersetzung hat die Stadt verdient. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erholsames und gutes Wochenende mit schönen Bildern und Erlebnissen, die sich bitte auch auf Lahnwiesen und Universitätsplatz finden mögen. Ist der Wunsch, in der kommenden Woche von friedlich feiernden Menschen und beschäftigungslosen Einsatzkräften zu lesen, unerfüllbar? Ich denke nicht.

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