1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Blechschäden und weniger Schüler

Erstellt:

Von: Benjamin Lemper

giloka_2012_salzlager_20_4c
Gut vorbereitet: Das Lager am Betriebshof des Stadtreinigungs- und Fuhramtes ist mit 900 Tonnen Streusalz gefüllt, im benachbarten Holzsilo befinden sich weitere 100 Tonnen. Verbrauchte Mengen werden zeitnah nachbestellt. Foto: Schäfer © Schäfer

Der Gießener Winterdienst hatte mit der Eisglätte am Montagmorgen ordentlich zu tun und war bereits ab 2.30 Uhr im Einsatz. Trotzdem gab es einige Unfälle, viele Schüler blieben zu Hause.

Gießen. Die beste Empfehlung für den Montagmorgen lautete ganz sicher, sofern möglich, zu Hause zu bleiben. Denn der Wochenstart verlief auch in Gießen vielerorts ziemlich rutschig. Zugefrorene und freizukratzende Autoscheiben erwiesen sich da als das geringste Problem. Der Winterdienst hatte jedenfalls ordentlich zu tun und war seit 2.30 Uhr im Einsatz. Das klappte offenbar so gut, dass zumindest keine Busse glättebedingt ausfallen mussten, informieren die Stadtwerke Gießen. Auf den Straßen kam es trotzdem zu einer Vielzahl von Verkehrsunfällen, zum Glück handelte es sich größtenteils nur um Blechschäden. Für die Schulen war bereits am Abend zuvor vorsorglich die Präsenzpflicht ausgesetzt worden. Davon machten etliche Schülerinnen und Schüler Gebrauch.

Unfälle : Bis um die Mittagszeit erreichten die Polizei etwa 30 Meldungen zu Glatteisunfällen im Kreisgebiet, die glimpflich und ohne Verletzte ausgingen. Rund die Hälfte davon habe sich in der Stadt ereignet. So zum Beispiel in Lützellinden: Ein 55-Jähriger aus dem Wetteraukreis war gegen 10 Uhr in der Beskidenstraße unterwegs und wollte an der abschüssigen Einmündung nach rechts in die Schwimmbadstraße einbiegen. Dabei glitt der mit Paletten beladene Lkw über den Bürgersteig und drückte mit der linken Seite die Hecke am Spielplatz des Schwimmbades ein. Ein Kran wurde beordert, um den festgefahrenen Laster leicht anzuheben und die Unterseite bei der Bergung nicht zu beschädigen. Anwohner Klaus-Dieter Jung regte bei den anwesenden Ordnungspolizisten an, doch wieder die zwei Behälter mit Streugut an der bergigen Beskidenstraße aufzustellen, sodass sich jeder bei Glatteisgefahr selbst behelfen könne.

Im Eichenröder Weg stießen dann um 10.30 Uhr ein VW Golf und ein Citroen Berlingo zusammen. Ein Opel Meriva, der in Richtung Grabenstraße fuhr, krachte aufgrund von nicht der Witterung angepasster Geschwindigkeit und Sommerbereifung anschließend in beide Fahrzeuge. Der Sachschaden liegt bei mehreren Tausend Euro.

Winterdienst : 93 Mitarbeitende des Stadtreinigungs- und Fuhramtes sorgten gemäß Tourenplan mit fünf Groß- und 15 Kleinstreuern sowie zwölf Klein-Lkw (Handkolonnen) dafür, die Straßen vom Eis zu befreien. Da am späten Vormittag erneut Regen einsetzte, bildete sich allerdings in bereits gestreuten Bereichen erneut eine Eisschicht. Verwendet werde überwiegend Streusalz in einer Dosierung von zehn bis 40 Gramm pro Kubikmeter, erklärt Stadtsprecherin Claudia Boje auf Anfrage des Anzeigers. Priorität genießen Busrouten, Hauptverkehrsstraßen, Zufahrten zu Krankenhäusern und der Fußgängerverkehr (Überwege, Gehwege).

Dem »Winterdienstpool« gehören rund 180 Mitarbeitende aus verschiedenen Ämtern und den Mittelhessischen Wasserbetrieben (MWB) an. Die Streumittellager seien im Herbst bis zum Maximum gefüllt worden, Nachschub sei während des Winters vertraglich gesichert. Im gesamten Stadtgebiet habe man darüber hinaus kleinere Silos platziert, »damit im Bedarfsfall ein Fahrzeug im Einsatzbezirk schnell nachladen kann«.

Müllabfuhr und sonstige Aufgaben : Da der Winterdienst die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter voll beansprucht habe, »können sie nicht gleichzeitig Straßen reparieren, Grünanlagen pflegen oder Gehwege kehren«. Diese Dienstleistungen seien vollständig ausgefallen, so Boje. »In einzelnen Nebenstraßen konnte aus Sicherheitsgründen keine Leerung der Mülleimer erfolgen, sie wird kurzfristig nachgeholt.«

Kita : Der städtische Kitabetrieb war laut Claudia Boje nicht eingeschränkt.

Schule : Staatliches Schulamt und Schulträger hatten sich am Sonntag darauf verständigt, dass die Schulen grundsätzlich geöffnet, die Kinder und Jugendlichen jedoch entschuldigt sind, sollte der Schulweg aufgrund des Glatteises als zu gefährlich eingestuft und gar nicht erst angetreten werden. Was das konkret für den Unterricht bedeutete, konnten die Schulen individuell festlegen. Das sei allgemein auch »sehr verantwortungsvoll« gelöst worden, so Schulamtsleiter Norbert Kissel. »Wir sind ja inzwischen krisenerprobt.« Genaue Zahlen konnte er angesichts »technischer Probleme« indes nicht nennen.

An der Liebigschule waren circa 20 Prozent der Schüler anwesend, ebenso der Großteil der Lehrkräfte, berichtet derweil Direktor Dirk Hölscher. An einen geregelten Unterricht sei nicht zu denken gewesen. In den Pausen habe zudem der »total vereiste« Hof nicht genutzt werden können, weil auch der - für den Winterdienst zuständige - Hausmeister nicht kommen konnte und daher nicht gestreut wurde. »Viel sinnvoller wäre es somit gewesen, reinen Distanzunterricht durchführen zu lassen, dafür steht die digitale Infrastruktur zur Verfügung.«

Die Gesamtschule Gießen-Ost (GGO) verzeichnete etwa 60 Prozent Abmeldungen, sodass lediglich in Kleingruppen unterrichtet worden respektive nur eine Betreuung in bestimmten Jahrgängen möglich gewesen sei. Zum Teil geschah das auch über Videokonferenzen, schildert Schulleiter Dr. Frank Reuber. »Klausuren und Klassenarbeiten wurden verschoben.« Das gilt auch für das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, wo die meisten Schüler und viele Lehrkräfte laut Direktorin Annette Pfannmüller nicht erschienen sind. Für die Klassen 5 und 6 war eine Notbetreuung eingerichtet. Die gab es ebenfalls an der Alexander-von-Humboldt-Schule (AvHS), sie sei aber nicht wahrgenommen worden. Zumal morgens um 5.30 Uhr entschieden worden war, die AvHS zu schließen. Das Risiko, dass jemand hätte Schaden nehmen können, sei ihm einfach zu hoch gewesen, betont Schulleiter Markus Koschuch. Stattdessen fand der Unterricht - wie übrigens auch an der Brüder-Grimm-Schule - ausschließlich im »Homeschooling« statt.

An der Goetheschule fehlte »knapp die Hälfte« der Mädchen und Jungen, sagt Rektorin Kerstin Muscheid. Und damit niemand etwas verpasst, sei für Weihnachten gebastelt und gesungen worden.

Neben frei zugänglichen Daten verschiedener Wetterdienste hat die Stadt ein kostenpflichtiges Angebot (Straßenwetterinformationssystem/SWIS) des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für spezielle Winterwettervorhersagen eingekauft. Über das Portal des DWD habe man dann zum Beispiel auch Zugriff auf aktuelle Daten von Glättemeldeanlagen in der Region und entsprechende Prognosedaten.

giloka_2012_unfall2_2012_4c
Dieser Lkw ist bei Glatteis in die Schwimmbadhecke in Lützellinden gerutscht. Foto: Schäfer © Schäfer

Auch interessant