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Blick geht auch nach vorn

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Museumsleiterin Katharina Weick-Joch stellte die Plakatausstellung im Alten Schloss vor. © Czernek

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: Eine Ausstellung im Alten Schloss bietet einen informativen Einstieg in ein besonderes Thema.

Gießen. Sie sind Schwimm-Olympiasiegerin, Schauspieler, Rapper, Gastronom, Bundestagsabgeordnete - und sie sind deutsche Juden. Das Oberhessische Museum zeigt eine Wanderausstellung zu 1700 Jahren jüdischen Lebens im Land, in der auf 20 großformatigen Plakaten Geschichtliches und Informationen ebenso zusammengetragen werden, wie kurze Porträts ganz unterschiedlicher Menschen, die das heutige Judentum im Land verkörpern. Gießens Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher, Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch, Waltraud Burger, die Leiterin der Gießener Volkshochschule, sowie Dow Aviv, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Gießen, eröffneten die Schau am Donnerstagabend im Netanya-Saal des Alten Schlosses.

Vorgestellt wird dort etwa der Berliner Schauspieler Daniel Donskoy, der in seiner regelmäßigen Show »Freitagnacht Jews« mit seinen Gästen gleichzeitig über Themen wie den Holocaust und Rote-Beete-Suppe spricht und dabei »die jüdischen Perspektiven auf vielen Fragen aufleben lässt«, wie es auf einem Plakat heißt. Oder Helene Shani Braun, geboren 1997, die gerade ihr theologisches Studium in Potsdam absolviert und anschließend die jüngste Rabbinerin Deutschlands sein wird. Oder die Grünen-Politikerin Marina Weisband, die als Bildungsexpertin im Bundestag sitzt und »nie Expertin für den Antisemitismus« sein wollte, wie sie zitiert wird.

Hinzu kommen neben kleinen, vertiefenden Videos zu den einzelnen Personen, die über eine App aktiviert werden können, auch weitere Tafeln, auf denen in knappen Texten sowie mit zahlreichen Abbildungen an die lange jüdische Geschichte in Deutschland erinnert wird. Sie reichen von den ersten Zeugnissen bis zu den Pogromen im Mittelalter, über den Nationalsozialismus und Holocaust bis hin zu heutigen Formen des Antisemitismus. Ebenso geht es aber darum, das ganz normale jüdische Leben in Deutschland in den Blick zu rücken, das sich in den vergangenen Jahren auf bemerkenswerte Weise neu im Land der einstigen Täter entwickelt hat. Davon zeugen mittlerweile allein die 93000 Gläubigen, die in 104 deutsch-jüdischen Gemeinden organisiert sind.

Anlässlich des Holocaustgedenktages präsentieren die Veranstalter diese Ausstellung der gemeinnützigen Berliner Zeitbild-Stiftung, die über die Dachorganisation der Gießener VHS ans Museum vermittelt wurde, wie Waltraud Burger berichtete. Die Schau bietet einen informativen und leicht zugänglichen Einblick in das Thema und dürfte damit gerade für Schüler (empfohlen ab Jahrgangsstufe 10) interessant sein, die sich erstmals mit der deutsch-jüdischen Geschichte auseinandersetzen. Gleichzeitig geht es darum, nicht nur auf die Vergangenheit zu schauen, »sondern den Blick auch in die Gegenwart zu richten«, wie Dow Aviv in seiner Einführung betonte. Und Frank-Tilo Becher ergänzte, mit dieser Ausstellung »sind wir mitten im Heute - und das ist gut«. Denn neben den bedrohlichen Anzeichen für einen derzeit neu aufflammenden Antisemitismus gibt es schließlich auch gute Botschaften zu vermelden. Die ebenfalls auf einem Plakat vorgestellte junge Unternehmerin Vivian Lea Rokeach wird so zitiert: »Es gibt viele Juden, die bewusst nach Berlin ziehen, weil das eine wunderbare Stadt ist, in der sie sich sicher fühlen.«

Gießen wird dabei natürlich nicht vergessen: Schließlich findet die Ausstellung im Netanya-Saal statt. Einige kleine Texttafeln erinnern an die Städtepartnerschaft, die auf Betreiben der beiden Bürgermeister Avraham Bar-Menachem und Albert Osswald entstanden ist - beide sind in Wieseck geboren.

Die Ausstellung ist bis zum 20. März im Alten Schloss zu sehen.

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